60 Jahre „10-Minuten-Andacht“ in der evangelischen Antoniterkirche in Köln

Dem geschäftigen Treiben in der Kölner Innenstadt entfliehen nicht wenige Passanten durch einen Besuch der AntoniterCityKirche. Dienstags bis sonntags steht das evangelische Gotteshaus in der Schildergasse tagsüber allen Menschen offen. Sie sind eingeladen innezuhalten, Ruhe zu finden und Kraft zu schöpfen. Man kann ein Gebet sprechen, den sakralen Raum erfahren und Kunstwerken von Ernst Barlach nahe sein. „Eine Auszeit für die Seele“ bieten dort auch die „10-Minuten-Andachten“. Und das seit sechzig Jahren – exakt seit dem 28. Februar 1966. Sie finden noch heute an jedem Werktag, ausgenommen montags, Punkt 18 Uhr statt. Der runde Geburtstag wurde nun mit einer Jubiläumsandacht begangen. Wenig überraschend dauerte sie länger als zehn Minuten. Denn neben, wie gewohnt, besinnlichen Worten, einem Gebet, einer kurzen Auslegung der Tageslosung, Orgelspiel und Segen bot sie zusätzlich Informationen über die Entstehung und Entwicklung des geistlichen Formats. „Schaut kurz zurück: Was war das heute für ein Tag?“, wandte sich zunächst Louisa Noack, Leiterin der Evangelischen Kircheneintritts- und Informationsstelle (EKI) im Foyer der Antoniterkirche, an die über dreißig Besuchenden, „Was war heute nicht so gut, hat euch vielleicht traurig gemacht? Dann lasst es los. Was war gut, was hat euch glücklich gemacht? Dann haltet es fest. Was auch immer heute gewesen ist, Gott ist bei uns“, versicherte Noack. Sie organisiert ehrenamtlich die jeweilige Leitung der Andachten. Gestaltet wird dieses gottesdienstliche Angebot abwechselnd von Pfarrerinnen und Pfarrern, Prädikantinnen und Prädikanten sowie Mitarbeitenden des Citykirchen-Teams.
„Daran hat sich nicht viel geändert in sechzig Jahren“

Als kleines Geburtstagsgeschenk empfand Markus Herzberg, Pfarrer an der AntoniterCityKirche, dass dem Kirchenmusikdirektor Johannes Quack an der frisch überholten Peter-Orgel wieder das gesamte klangliche Spektrum zur Verfügung stand. Herzberg setzte seinen Erläuterungen ein Presse-Zitat voran. Nach der Premiere der „10-Minuten-Andacht“ war in „Der Weg“, dem Evangelischen Sonntagsblatt für das Rheinland, unter anderem zu lesen: „Erst zögernd, dann mehr und mehr die Antoniterkirche füllend, kommen von der Schildergasse die Menschen herein; gewiss sehen manche das Innere dieser Kirche, obwohl sie auch sonst tagsüber geöffnet ist, zum ersten Mal. (…) Dann setzen die Glocken ein, die Orgel spielt eine Choralmelodie. Die Gemeinde sammelt sich, wird still.“ „Daran hat sich nicht viel geändert in sechzig Jahren“, stellte Herzberg erfreut fest. „Es ist schön, dass auf manche Sachen eben immer noch Verlass ist und sich im Wandel der Zeiten nicht alles immer von Grund auf ändern muss.“ Hier eingeführt habe das Andachts-Modell der „Beichtkreis“, ein damaliges Gremium der vier Kölner Kirchenkreise, erläuterte der Pfarrer. „Erfunden“ vom Evangelischen Hilfswerk in Stuttgart, sei dieses Modell zuvor schon in zwanzig deutschen Städten umgesetzt worden. Herzberg wies darauf hin, dass 1966 Geschäfte bereits um 18 Uhr schlossen. Der Gedanke sei gewesen, die mit vollgepackten Taschen nach Hause eilenden Menschen um 18 Uhr „abzufangen“. Dann, so die Vorstellung, hätten sie sich nicht nur kommerziell gesättigt, „sondern mit einem kleinen spirituellen Impuls auch noch ein bisschen der Seele etwas Gutes getan“, so der Pfarrer. „Man dachte damals, es entsprach den Bedürfnissen der Zeit und fand schnell Zuspruch“, blickte Herzberg zurück. Seine Vorvorgänger hätten ihm auch erzählt, wie voll diese Andachten damals gewesen seien.
Offen für alle – unabhängig von Ordination und Kirchenkreis

„Das hat sich in sechzig Jahren in der Tat ein bisschen geändert, auch wenn wir offen sind für hundert Leute jeden Abend.“ Die Auffassung von Geistlichen in Köln, nur ordinierte Pfarrerinnen und Pfarrer dürften Andachten halten, habe man an der Antoniterkirche nicht geteilt, erinnerte Herzberg. „Wir fanden das ziemlich unevangelisch. Das ist nicht unsere Theologie. Deswegen gibt es die „10-Minuten-Andachten“ eben auch noch, weil es heute Frauen und Männer gibt, die nicht ordiniert sind und trotzdem gute Andachten halten können und tatsächlich dieses Format dadurch auch tragen“, betonte er. Von Beginn an seien die 10-Minuten-Andachten von den vier Kölner Kirchenkreisen gemeinsam getragen, verantwortet und auch finanziert worden, so Herzberg. Nach dem Ausstieg des Kirchenverbandes aus diesem Projekt vor über einem Jahr habe die Evangelische Gemeinde Köln an diesem Angebot einer „spirituellen Kraftquelle im Alltag“ festgehalten. „Das Modell hat sich nicht überlebt“, sorgt die Gemeinde dafür, dass verbindlich dieses Format als eines der Kernangebote der Citykirchenarbeit an der Antoniterkirche bestehen bleiben darf.
Ein Bibelvers wie gelost zum Jubiläum
Als Grundthema der Andachten seit vielen Jahren bezeichnete Herzberg die kurz ausgelegten Tageslosungen. Darunter auch herausfordernde Bibelverse, „an denen man sich richtig reiben kann. Meist sind das die spannenderen Andachten, wenn es knirscht beim Nachdenken.“ Abschließend dachte Noack mit den Teilnehmenden über die aktuelle Tageslosung aus dem Buch Nehemia (1,6) nach: „Ach, Herr, lass doch deine Ohren aufmerken, dass du das Gebet hörst, das ich jetzt vor dir bete Tag und Nacht für deine Knechte.“ Dieser Vers erschien Herzberg wie „gelost zum 60. Geburtstag – als würde man die ‚10-Minuten-Andachten‘ insgesamt zusammenfassen“.
Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich
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