Impressionen nach 35 Jahren Seelsorge im Gefängnis: Interview mit Pfarrerin Claudia Malzahn
Pfarrerin Claudia Malzahn hat 35 Jahre lang Menschen in der JVA Köln seelsorglich begleitet. Im Interview spricht sie über Schuld und Vergebung, die besonderen Herausforderungen des Lebens in Haft, Veränderungen im Strafvollzug und darüber, was sie in mehr als drei Jahrzehnten Gefängnisseelsorge als Pfarrerin und als Mensch geprägt hat. Sie war Pfarrerin in der Gefängnisseelsorge von Oktober 1991 bis März 2026 in der JVA Köln und in der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Niehl von 1991 bis 2000.
Sie haben über viele Jahrzehnte Menschen im Gefängnis begleitet. Was haben Sie dabei über Schuld, Vergebung und die Fähigkeit von Menschen gelernt, sich zu verändern?
Claudia Malzahn: Schuldig zu werden ist ein unausweichlicher Teil menschlichen Lebens. Und doch: Schuld sehe ich schnell beim anderen – ungern bekenne ich mich selbst zu einer Schuld.
Im Gefängnis sitzen Menschen ein, die in Untersuchungshaft eines Gesetzesbruchs beschuldigt werden oder in Strafhaft rechtskräftig verurteilt sind.
Das Gefängnis ist ein Ort der extremen Isolation, insofern sind Gefangene absolut auf sich selbst geworfen. Für Menschen, die ansonsten ständig mit anderen über Handy und real in Verbindung sein können, ist also mit der Inhaftierung ein echter Schock verbunden.
Die eigene Schuld des/der Angeklagten wird im rechtlichen Sinn bei Gericht von der Staatsanwaltschaft vorgetragen, von der Verteidigung in ein verhältnismäßiges Licht zum Leben des/der Angeklagten und zu den Umständen der Tat gebracht und vom Richter*innengremium mit einem Urteil zur Strafhaft in Jahren und Monaten abgeurteilt.
Im Einzelgespräch in der Gefängnisseelsorge wird der rechtliche Prozess gesehen und begleitet. Daneben kommen aber auch andere Aspekte zur Sprache, für die die/der Angeklagte sich schuldig fühlt: Schuld und Scham im Blick auf die Tat können ausgesprochen werden. Gravierend wiegt auch die Schuld den eigenen Angehörigen gegenüber. In Briefen, kurzen Besuchszeiten und minimalem Telefonkontakt sind die Angehörigen diejenigen, die Wichtiges für den/die Gefangene regeln müssen. Wenn der/die Gefangene vorher Geld in die Familie eingebracht hat, verursacht er/sie jetzt Kosten für die Familie. Denn Arbeit in Haft ist – zumindest in der Untersuchungshaft – schwer zu bekommen und wird im Übrigen sehr schlecht bezahlt.
Inhaftiert zu sein ist eine Härte, die nicht von selbst dazu führt, dass ein Mensch in der Lage ist, sich selbst zu verändern, Vergebung anzustreben und sich und anderen gegenüber die eigene Schuld einzugestehen. Arbeit und Ausbildung in Haft, Tataufarbeitung und Entlassung nach einer Phase im offenen Vollzug – diese Möglichkeiten humanen Strafvollzugs geben Raum für Resozialisierung.
Seelsorgliche Verschwiegenheit und Beichtgeheimnis sind im Gefängnis, wo alles dokumentiert und gegebenenfalls auch weitergegeben werden muss, ein besonderes Gut, das intensiv wahrgenommen wird. Schuld, Vergebung und Veränderung zu einem gelingenden Leben finden hier Raum. Über die Jahre habe ich viele Veränderungen wahrnehmen können: bei den Menschen, die einmal kamen und dann nie mehr, bei denen, die aufgrund von Suchterkrankung regelmäßig im Gefängnis „einfuhren“, genauso wie bei den Mitarbeitenden im Gefängnis und bei mir selbst.
Welche gesellschaftlichen Vorstellungen über Gefangene halten Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen für falsch oder zumindest zu kurz gegriffen?
Claudia Malzahn: Wer Buchtitel oder Fernsehprogramme über die Jahre verfolgt, hat die steigende Zahl der Krimis wahrgenommen. Beinahe jede Region und viele Städte haben ihre eigenen Produkte. Daneben ist das Genre „true crime“ mit einem wachsenden Markt in Print-, Audio- oder Filmvarianten zu nennen. Das Erschaudern vor dem Entsetzlichen, und sich selbst damit gut unterhalten fühlen, ist offensichtlich lukrativ. Wenn ein spannender Krimi zu Ende ist und die Täter geschnappt sind, frage ich mich immer: Wie geht die Geschichte wohl jetzt hinter Gittern weiter?
Sucht, Armut, Obdachlosigkeit als Ursache für Kriminalität zu sehen, ist in der Kriminologie und bei der Straffälligenhilfe bekannt, aber im gesellschaftlichen Denken nur wenig bedacht. Angst und Schrecken bringen Aufmerksamkeit und Klicks. Aber die mühsame Arbeit gegen Ursachen von Straffälligkeit und mit Straffälligen ist wenig spektakulär. Wenn in Sozialpolitik sowie Kinder- und Jugendförderung oder Straffälligenarbeit gekürzt wird, wird das schwerwiegende Spätfolgen haben.
Wenn Sie auf Ihre Zeit in der JVA Köln zurückblicken: Welche Begegnung oder Erkenntnis hat Sie als Pfarrerin und als Mensch besonders geprägt?
Claudia Malzahn: Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, begegne ich hin und wieder ehemaligen Gefangenen. Oft kommt es zu einem erfreulichen Kurzkontakt, manchmal auch zu einem Erschrecken über den aktuell schwierigen Zustand.
Es gibt Orte in Köln, an denen ich nicht umhin kann, an Taten zu denken, die hier vor Jahren passiert sind. Diese Orte haben für mich ihre Unschuld verloren.
Besonders eindringlich waren für mich immer wieder die Begleitungen von schwangeren Frauen. Frauen sind ja nur 6 % der Inhaftierten und alle Regelungen sind stark am Männervollzug orientiert, sodass die Situation dieser zahlenmäßig verschwindend kleinen Gruppe besondere Unterstützung auch der Seelsorge nötig macht.
Unvergessen sind auch Begegnungen mit Menschen, die mit dem Schlauchboot nach Europa gekommen waren und jetzt in Haft saßen, weil sie gegen ausländerbehördliche Auflagen verstoßen hatten.
Die Möglichkeit, als Pfarrerin in der Situation der Inhaftierung, des Gerichtsprozesses, der langen Haftdauer oder der bevorstehenden Entlassung Orientierung bieten zu können, war im Einzelgespräch immer wieder positiv zu erleben. Begegnungen mit Mitarbeitenden aus den verschiedenen Berufsgruppen, die dem humanen Strafvollzug dienten, waren erfreulich. Zunehmendes Einschränken und Machtausüben statt Augenhöhe sind im Vollzugsalltag schwer erträglich. Das Miteinander von Menschen aus unterschiedlichsten Kontexten und Kulturen im Gefängnis hat mich stark geprägt. Die Kooperation mit ehrenamtlichen Seelsorgenden und den Kolleginnen und Kollegen in der Gefängnisseelsorge vor Ort, aber auch überregional, hat mich gestärkt.
In der Gottesdienstgruppe im Team mit Gefangenen und Seelsorgenden haben wir Lebensthemen und biblische Texte für die Gottesdienste bearbeitet. Das hat durch die Jahre hinweg getragen.
Wie hat sich die Arbeit mit Gefangenen im Laufe der Jahre verändert – und was ist trotz aller Veränderungen gleich geblieben?
Claudia Malzahn: Zunächst nenne ich die Fachliteratur: „Strafe – Tor zur Versöhnung“, die alte EKD-Denkschrift aus dem vergangenen Jahrhundert, beschreibt in vielem die Situation „Gefängnis“ nach wie vor treffend.
Die Leitlinien der Gefängnisseelsorge von 2009 geben einen fundierten Einblick in die Aufgaben der Gefängnisseelsorge.
Und: Zum 100. Jubiläum der bundesweiten evangelischen Vereinigung von Gefängnisseelsorgenden wird 2027 ein Handbuch Gefängnisseelsorge erscheinen, das ein gutes Kompendium für alle Interessierten an diesem Arbeitsfeld bietet.
Als ich 1991 in der JVA Köln meinen Dienst begann, trugen die Bediensteten im Frauenbereich zivil und die gefangenen Frauen hatten täglich mehrere Stunden, in denen die Zellen offen waren, den sogenannten Aufschluss. Ohne erkennbaren Missbrauch oder Sicherheitsprobleme wurden die Haftbedingungen im Laufe der Jahre an die des Männervollzuges angeglichen, mit Uniform und ohne Aufschluss.
Im Männerbereich gab es eine Abteilung für Ersttäter mit halboffenem Vollzug und eine Abteilung für Entlassungsvorbereitung. Beide Abteilungen wurden geschlossen und dem Frauenvollzug zugeschlagen. Mit der Konsequenz, dass nun Frauen und Männer über den Sportplatz hinweg Sichtkontakt haben – mit allen erdenklichen Konsequenzen.
Es ist im Sommer schon immer stickig im Klingelpütz mit dem Isolierungsstand der 1960-er Jahre gewesen. Der Klimawandel hat zum Teil zu unerträglichen Temperaturen geführt, vor allem in den Zellen unter dem Flachdach, wo kein Durchzug hergestellt werden kann. Insofern ist dem Neubau der JVA Köln bei laufendem Betrieb gutes Gelingen zu wünschen!
Der Aufbruch der Strafvollzugsreform der 70er Jahre war zu meinem Dienstbeginn noch deutlich zu spüren. In den Jahren nach der Föderalismusreform von 2006 erlebten wir als Gefängnisseelsorgende, wie die Diskrepanz zwischen fortschrittlichen Gesetzen und realem Vollzugsalltag immer offensichtlicher wurde.
Die bleibende Aufgabe scheint mir, in Kooperation mit Gleichgesinnten der verschiedenen Berufsgruppen für humanen Strafvollzug einzustehen und zu kämpfen.
Sie sind nun in den Ruhestand gegangen. Worauf freuen Sie sich in dieser neuen Lebensphase am meisten?
Claudia Malzahn: Ich bin nach Schleswig-Holstein gezogen und erfreue mich an einem Leben ohne Gitter, ohne 40 Grad auf Zelle und mit selbstgewählten Aufgaben und Erlebnissen.
Text: APK
Foto(s): C. Malzahn, U.Walger
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