„Niemand soll allein bleiben“ – Wie Erftstadt aus der Flutkatastrophe lernen will

Vier Jahre nach der Flutkatastrophe von 2021 blickt Erftstadt auf die Ereignisse zurück – mit bedrückender Klarheit, aber auch mit neuen Perspektiven. Rund 80 Menschen kamen am Samstag, 12. Juli 2025, in der Bürgerhalle Bliesheim zur Podiumsdiskussion über Hochwasserschutz, Lehren und offene Fragen mit dem Titel „Katastrophen Resilienz / Katastrophen Demenz“ zusammen. Auf dem Podium saßen Vertreterinnen und Vertreter aus den Kommunen Erftstadt und Rösrath, von Katastrophenhilfeorganisationen und einer Selbsthilfegruppe. Eine Gesprächsteilnehmerin war Andrea Schnackertz vom Diakonischen Werk Köln und Region. Seit Januar 2022 ist sie Teil des mobilen Hochwasserhilfeteams und begleitet Betroffene beim Wiederaufbau. In ihrer Arbeit erlebt sie, wie zermürbend dieser Weg oft ist – gerade für Menschen, die kaum Unterstützung erhalten haben. „Viele haben nie einen Antrag gestellt – sie wussten einfach nicht, dass es Hilfen gibt“, sagte Schnackertz.

Kommunikation, Beratung, Solidarität

Schnackertz betonte, wie sehr Betroffene neben finanziellen Sorgen auch unter strukturellen Mängeln litten – unklare Zuständigkeiten, fehlende Fachberatung, schwierige Antragssysteme. „Wir erleben heute noch Menschen, deren Häuser falsch saniert wurden, weil sie sich auf Halbwissen oder falsche Versprechen verlassen mussten“, so Schnackertz. Ihre Forderung: „Beratung muss früher ansetzen – und besser kommuniziert werden.“ Auch Noa Hillebrecht von den Johannitern betonte die Bedeutung psychosozialer Begleitung: „Der Wiederaufbau ist nicht nur eine bauliche, sondern eine seelische Herausforderung.“ Viele Menschen bräuchten mehr als nur Geld – sie bräuchten ein Gegenüber, das zuhört und Orientierung bietet.

Verwaltungsrealität und Wiederaufbauhemmnisse

Dirk Schulz, Technischer Beigeordneter der Stadt Erftstadt, verwies auf die Komplexität der Planungs- und Genehmigungsverfahren. „Man sieht oft nicht, was im Hintergrund läuft – aber vieles dauert, weil es rechtlich sehr anspruchsvoll ist.“ Der Wiederaufbau verlaufe schleppend, nicht zuletzt wegen Fachkräftemangel und fehlender Planungskapazitäten. Auch Reiner von Kempen, Vertreter der Hochwasserinitiative Erftstadt, mahnt an, dass Bürger:innen mehr beteiligt werden müssten: „Wir brauchen endlich Strukturen, die Bürgerinnen und Bürger ernsthaft einbinden – nicht nur informieren, sondern beteiligen.“ Die Initiative erarbeite derzeit ein neues Meldeformular, um Starkregenereignisse systematisch zu erfassen.

Der Blick auf die Akutsituation 2021

Bondina Schulze, Bürgermeisterin von Rösrath, schilderte eindrücklich ihre Erlebnisse in der Flutnacht: „Ich war erst wenige Monate im Amt – und plötzlich musste ich mitten in der Nacht zur Einsatzleitung, während sich der Wasserstand rasant erhöhte. Ich bin an meine Grenzen gekommen.“ Ihre Stadt habe einen Todesfall zu beklagen gehabt, der sie bis heute bewege. In Rösrath war unter anderem der Kindergarten der Evangelischen Kirchengemeinde durch die Fluten zerstört worden. Die Kita wird zurzeit wieder aufgebaut und steht kurz vor der Fertigstellung.

Auch Alexander Kern, zuständig für Gefahrenabwehr in Erftstadt, hob hervor, wie sehr die Flut auch die Kommunikationsinfrastruktur lahmgelegt habe: „Es fehlten Redundanzen, viele Geräte fielen aus – wir haben daraus gelernt.“ Inzwischen seien sogenannte Leuchttürme eingerichtet worden, die im Krisenfall als zentrale Informationspunkte dienen.

Aus Fehlern lernen: Kommunikation und Konzept

Ein zentrales Problem während der Katastrophe war das Versagen der Kommunikation – sowohl auf technischer als auch auf organisatorischer Ebene. Mobilfunk, Funkverbindungen, Alarmierung: Vieles fiel aus, manches kam zu spät. Die Stadt Erftstadt hat darauf reagiert. Neben redundanten Systemen wie Satellitenfunk und analoger Technik wird auch an einem neuen Hochwasserschutzkonzept gearbeitet. Ziel ist es, gefährdete Bereiche besser zu erfassen, Schutzmaßnahmen anzupassen und Bürger:innen gezielter zu informieren. „Wir haben einiges geschafft – aber der Weg ist noch lang“, sagte Dirk Schulz. Das Konzept befinde sich in der finalen Abstimmung mit den Fachbehörden. Erste Umsetzungen seien geplant – mit Blick auf 2030.

Fazit: Was sich ändern muss

Am Ende der Diskussion formulierten alle Podiumsteilnehmenden ihren Wunsch für die Zukunft. Andrea Schnackertz sagte: „Ich wünsche mir, dass niemand allein bleibt mit dem, was passiert ist – und dass wir endlich eine Hilfelandschaft schaffen, die Betroffene nicht erst suchen müssen, sondern die sie findet.“ 

Die Flut hat Wunden hinterlassen – in Gebäuden, in Biografien, in Systemen. Dass sie nicht folgenlos bleibt, daran arbeiten in Erftstadt, Rösrath und anderen Kommunen viele – mit Geduld, Kritik und einem klaren Ziel: besser vorbereitet zu sein, wenn das Wasser das nächste Mal kommt.











Text: APK
Foto(s): Daniel Pfeiffer / APK

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