„Der Stein vor dem Grab“: Meditation in der Osternacht von Stadtsuperintendent Bernhard Seiger

4.4.2026, in der Trinitatiskirche (22.30 Uhr)Thema: Der Stein vor dem Grab

Liebe Gemeinde!

Wir haben eben das Osterevangelium nach Matthäus gehört. Danach sind zwei Frauen in der Frühe des Ostermorgens zum Grab gegangen, Maria und Maria von Magdala. Bei Markus klingt das ein bisschen anders. Bei ihm sind drei Frauen unterwegs. Die beiden Marias und Salome. Ich lese die ersten Verse der Ostererzählung des Markus:

Textverlesung Markus 16,1-3

Die drei wollen wohlriechende Kräuter zum Grab ihres Meisters bringen. Sie trauern und wollen ihm noch einmal etwas Gutes tun. Für ihre Gefühle finden sie keine Worte. Was gibt es auch zu reden? Sie wissen ja, was passiert ist. Sie waren dabei und haben ihn bis zur Beerdigung begleitet. Ihre Gedanken auf dem Weg durch die Nacht beschäftigen sich mit einer ganz praktischen Frage: Wenn wir ihn salben wollen, dann müssen wir doch irgendwie in das Grab kommen. Wer wälzt uns den Stein weg? Um diese Zeit ist doch keiner in der Nähe, den wir darum bitten könnten. Der Stein ist das Hindernis. Er steht dem Herzensanliegen der drei Frauen im Wege. Sie haben am Eingang einen weißen Stein bekommen. An diesem kleinen Stein soll etwas deutlich werden von dem, was an Ostern geschah – und was noch heute geschehen kann und geschehen soll.

Ich habe mal die KI gefragt, wofür der Stein vor dem Grab Jesu steht. Ich weiß nicht, was Sie auf die Frage antworten würden. – – – Die KI antwortet ja nur das, worauf sie trainiert wurde. Ich staune darüber, was mit ihr geht, wenn sie gezielt eingesetzt wird. Die Antwort der KI lautet: „Der Stein steht für Tod, für Endgültigkeit und Ausweglosigkeit.“ Das ist das, was die drei Frauen fühlen, wenn sie an den Stein vor dem Grab denken. Die Gräber damals waren oft in unterirdischen Gängen, verschlossen mit schweren runden Steinen. Nur mehrere Männer zusammen konnten einen solchen Stein wegrollen. Die Steine sollten verhindern, dass jemand die Grabesruhe der Toten stört. Und die KI hat mir dazu noch mitgeteilt: „Der Stein kann auch alles darstellen, was Menschen belastet: Angst, Zweifel, Unsicherheit, Schuld.“ Das finde ich ziemlich plausibel. Also: Der Stein in unseren Händen hat etwas zu tun mit jenem Stein, der das Grab Jesu verschlossen hat. Nehmen Sie den Stein gerne in die Hand. Dieser Stein ist klein. Den braucht mir keiner wegzurollen. Kein Problem, den kann man weglegen. Schwer ist er allerdings schon, wenn ich ihn in meiner Hand fühle. Und hart ist er und noch kalt. Und er erinnert mich an andere Steine: große, schwere Steine. Steine, die ich auf Wanderungen gesehen habe. Felsbrocken. Schwere und übermächtige Brocken. Ich stelle mir Steine vor, die ich nicht einfach selber weglegen kann. Steine in meinem Leben oder im Leben von Menschen, die mir nahestehen. Die sind manchmal wie Grabsteine: Sie sperren ein. Sie lassen kein Licht herein und kein Leben. Sie sind wie eine Last, die ich mit mir herumtrage. Wir können mit diesen Steinen eigene Erfahrungen verbinden: zum Beispiel mit den Bildern vom Leben, wie es sein soll. Und dann erlebe ich, das Leben ist jetzt doch anders als ich dachte. Ich dachte: „Ich habe doch alles im Griff und gut geplant.“ Und dann entwickelt es sich anders. Solche Gedanken können auf mir lasten. Sie können mich hindern, neue Wege zu gehen. Der Stein kann sich auch mit einem Menschen verbinden, dessen Schicksal mir wehtut. Wenn jemand zum Beispiel am Ende des Lebens denkt: „Eigentlich habe ich nicht das getan, nicht das verwirklichen können, was ich wollte. Ich habe meine Möglichkeiten nicht genutzt.“ Der Stein kann auch für eine Krankheit stehen, mit der ich leben muss. Ich habe an die Menschen gedacht, die ich kenne, die mit MS leben oder leben mussten. Die Krankheit hat sie gehindert, sich so frei zu bewegen, wie sie das wollten. Oder eigene freie Pläne für die Zukunft zu machen. Oder der Stein kann auch stehen für eine Pflicht und Verantwortung und Aufgaben, die mich immer wieder fordern. Sie verhindern, dass ich mich frei fühlen und durchatmen kann. Nehmen wir uns einen Moment Zeit, diesen Stein zu fühlen, zu spüren, an welchen Steinen wir tragen in unserem Leben.

• Stille

Als die Frauen an jenem ersten Ostermorgen am Grab ankommen, sind sie überrascht und erschrocken: „Der Stein ist weg.“ Noch wissen sie nichts von der Auferstehung. Sie wissen nichts von dem neuen Leben. Aber der Stein, die Last, ist erst einmal weg – und sie können tun, wozu sie hergekommen sind. Kräuter zum Grab des lieben Menschen bringen, um den sie trauern. Ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Damit hat Ostern angefangen: Einer hat den Stein weggeräumt. Einer hat dem Leben Luft gemacht. Einer hat der Macht des Todes und des Endgültigen widersprochen. Hat Leben hineingebracht in die Schwere. Gott hat Jesus herausgerufen aus dem Grab – ins Licht und mitten hinein ins Leben. Auch ein noch so großer Stein hat das nicht verhindern können.

Wir hören in dieser Nacht: Nichts kann verhindern, dass Gott den Tod begrenzt. Nichts kann verhindern, dass Leben neu wird durch ihn. Auch nicht die Steine, die auf unserer Seele liegen oder auf der Seele anderer Menschen oder sonstwo. Gott ruft uns heraus zu neuem Leben. Ostern fängt an mit weggerollten Steinen. Ostern heißt: Gott nimmt uns die Last unserer Steine oder macht sie zumindest leichter. Er macht Mut, neue Bilder vom Leben zu denken, von meinem Leben. Klammer dich nicht zu sehr an das, was du meintest, sicher zu haben – sieh auf das, was jetzt neu entsteht. Und wenn du meinst, dass du nicht selber etwas entscheiden konntest, sondern dass andere das für dich getan haben, dann tu es jetzt. Dafür ist es nicht zu spät. Wir können immer etwas entscheiden, wenn wir den Mut dazu haben. Und wenn du mit der Last der Pflicht und der Verantwortung lebst: Muss das wirklich so sein? Kannst du nicht manche Lasten lassen? Loslassen? Egal, was andere dann von dir denken? Ostern ermutigt uns zur Freiheit. Gott kann mit unseren Steinen gut umgehen. Ihm können wir sie anvertrauen. Lasten abgeben zu können, das tut gut. Und Ostern ist dafür ein Anfang!

Liebe Gemeinde! Sie können ihren Stein gerne mit nach Hause nehmen oder ihn einfach auf dem Stuhl liegen lassen oder ganz weit in den Rhein werfen – so, wie Sie mögen.

Amen.

Die Predigt der Osternacht hielt Stadtsuperintendent Bernhard Seiger in der Trinitatiskirche. Er bezog sich auf die Ostererzählung des Markus und den Stein vor dem Grab Jesu und betonte: Ostern heißt: Gott nimmt uns die Last unserer Steine oder macht sie zumindest leichter.

 

 

Text: APK
Foto(s): APK-Archiv

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