Kalkkennen: Wenn Kirche einfach zuhört und neu denkt. Ein Erprobungsraum der Evangelischen Kirche im Rheinland

Für den einen oder anderen durchschnittlich konservativen Kirchgänger mag die These gewagt klingen: „Gott braucht unsere Gottesdienste nicht, um Gott zu sein.“ Der, der das sagt, ist Tobias Diekmeyer, Jugendreferent in der Evangelischen Gemeinde in Kalk und im Konfirmandenunterricht tätig. Darüber hinaus ist er an einem ungewöhnlichen Projekt beteiligt. Gemeinsam mit Pfarrerin Christiane Averbeck und Sozialpädagoge Tsegay Hagos betreut er den sogenannten „Erprobungsraum Kalkkennen“. Dabei handelt es sich um einen von der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) finanzierten Versuch, Kirche in den Gemeinden neu zu denken. Das Projekt fragt, wie Kirche aussieht, wenn sie nicht zuerst an Gebäude, Termine und Rituale denkt. Immer mittwochs sitzen die drei auf dem autofreien Abschnitt der Albermannstraße in Kalk und suchen das Gespräch mit Passanten.

Die Evangelische Kirche im Rheinland experimentiert aus gutem Grund. Demografie, Digitalisierung, Mobilität und Diversität verändern den Alltag. Auch das Verhältnis vieler Menschen zur Kirche hat sich verändert. Mitgliedschaft bedeutet längst nicht mehr automatisch Teilnahme, schon gar nicht sonntags um zehn. In Kalk wird daraus kein großer Slogan gemacht. Das Team stellt sich hin und hört zu. Diekmeyer erzählt von einer Frau, die verzweifelt eine Wohnung sucht. Helfen konnte er ihr nicht. Eine Wohnung entsteht nicht durch Mitgefühl. Aber die Frau konnte erzählen, wie groß der Druck geworden ist. Auch ein Geflüchteter kommt immer wieder vorbei. Er lebt mit der Angst, abgeschoben zu werden. Solche Gespräche lösen keine Aktenlage, verändern aber den Moment. Jemand nimmt sich Zeit. Jemand fragt nach. Jemand hält aus, dass es keine Lösung gibt.

Für Diekmeyer hat das viel mit Glauben zu tun. Er wohnt selbst in Kalk und merkte irgendwann, wie wenig er über viele Menschen wusste, die mit ihm denselben Stadtteil teilen. Ihn habe interessiert, wer hier lebt, sagt er. Inzwischen habe er das Gefühl, in diesen Begegnungen sei viel von dem zu spüren, was Christen Reich Gottes nennen. Das klingt groß, meint aber oft etwas sehr Einfaches: Menschen sehen einander nicht nur im Vorübergehen.

Kirche im Einwanderungsland: Kalk als konkreter Alltag

Christiane Averbeck stellt zwei Fragen, die in Kalk besonders konkret sind: „Hat die Kirche verstanden, dass sie Kirche in einem Einwanderungsland ist? Und was folgt daraus?“ Kalk ist dafür kein Beispiel aus einem Seminar, sondern Alltag. Viele Biografien, viele Sprachen, viele Erwartungen. Dazu kommen wenig Platz, soziale Sorgen und ein Stadtteil, der oft mehr leisten muss, als ihm zugemutet werden sollte. Auch deshalb unterstützt die Gemeinde das Migrationsmuseum Selma. Dort geht es um gerechtes Zusammenleben und darum, welche Geschichten erzählt werden. Wer kommt vor? Wer bleibt unsichtbar?

In Kalk sind solche Fragen nicht theoretisch. Nach Angaben aus dem Projekt gibt es hier 6,3 Quadratmeter Grünfläche pro Kopf. Der Kölner Durchschnitt liegt bei 35 Quadratmetern. Trotzdem wird weiter nachverdichtet. Wenn viele Menschen eng leben, braucht es Respekt, Nachbarschaft und Orte, an denen man sich begegnet, bevor man übereinander redet.

Ein Straßenfest, Fufu und äthiopischer Kaffee: Stadtteilarbeit von unten

Straßenfest in der Albermannstraße, Kalk: Nachbarschaft, Musik und geteiltes Essen – organisiert vom Erprobungsraum „Kalkkennen“ der Evangelischen Gemeinde Kalk. Foto: Tobias Diekmeyer

Ein solcher Ort war das Straßenfest in der Albermannstraße. Sonja vom „Kurbad Kalk“ nennt sie liebevoll „Rue du Alber Mont“. Das ist ein Witz mit Haltung. Kalk ist kein Kurort, jedenfalls nicht, wenn man Luft und Grünflächen zählt. Aber Sonja hat aus Freundlichkeit und Schlagfertigkeit offenbar schon Taxifahrer überzeugt, die früher lieber nicht nach Kalk fuhren. So beginnt Stadtteilarbeit: nicht mit Formularen, sondern mit einem guten Satz.

Das Fest war ein Wunsch vieler Anwohner. Geplant wurde draußen, mit Nachbarn, nicht am Schreibtisch. Zaro aus Bulgarien sagte, er wolle sich für das Zusammenleben einsetzen. Einem Besucher kamen die Tränen, weil er Zusammenhalt und Solidarität erlebte. Giuseppe brachte Erdbeeren und Tomatenpflanzen. Die Tagespflege „Schwad de Schnüss“ spendete ein Hochbeet, Manuela holte Farbe. Kalker Künstler wie May Summer und Scum machten Musik und steckten andere an, spontan mitzusingen. Tsegay Hagos kochte äthiopischen Kaffee. Fidelis bereitete Fufu zu, eine nigerianische Spezialität, und teilte sie mit allen. Nebenbei wurde eine neue Infotafel an der Wand befestigt. Sie soll bleiben, wenn die Tische weggeräumt sind, und der Nachbarschaft weiter für Austausch und Hinweise dienen.

Vielleicht ist das „Kalkkennen“: Kirche kommt nicht mit fertigen Antworten ins Viertel. Sie bringt Zeit mit, Kaffee, offene Ohren und die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Das ist unspektakulär. In einem dicht gedrängten Stadtteil wie Kalk ist genau das aber eine ganze Menge.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann / Tobias Diekmeyer

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