Buchvorstellung: Arnd Henze sprach über christlichen Nationalismus in den USA

Auf eine Wählergruppe kann sich Donald Trump verlassen: die Evangelikalen. Sie sehen in dem US-Präsidenten einen „Auserwählten“, einen Streiter für konservative Werte und Rächer für „ein Jahrhundert der Niederlagen“ (auch unter demokratischen Präsidenten).

Doch wer verbirgt sich eigentlich hinter dieser so einflussreichen Gruppierung und wie gefährlich ist ihr Einfluss für die Demokratie? Der Journalist Arnd Henze zeichnet in seinem neuen Buch „Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht“ die Gefährdung der – auch in den USA – verfassungsrechtlich verbrieften Trennung von Staat und Kirche nach. Noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin am 11. März hatten im Haus der Evangelischen Kirche das Amerikahaus NRW, die Melanchthon-Akademie, die Karl Rahner Akademie sowie die Evangelische Akademie im Rheinland zur Buchpremiere eingeladen.

„Wie geht es dir heute Abend?“, fragte Viktoria Harbecke, Direktorin des Amerikahauses NRW, den Autor angesichts der bis auf den letzten Platz gefüllten Stuhlreihen im Foyer. „Ich habe immer so getan, als ob ich das total cool nehmen würde“, meinte Henze, der sich sichtlich über das große Interesse freute.

Der ehemalige Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio beschrieb die wachsende Einflussnahme der religiösen Rechten als „thematischen Elefanten“ im Raum, ein Thema, das ihn bereits seit 40 Jahren begleitet habe. Sein Interesse reiche zurück in die Zeit der Fernsehprediger in den 80er Jahren. Arnd Henze verwendet statt des geläufigen Sammelbegriffs „Evangelikale“ jedoch eher den etwas sperrigeren Terminus „christlicher Nationalismus“. „Ich habe versucht, das Wort Evangelikale weitgehend zu vermeiden“, erklärte Henze. Im ersten Kapitel seines Buches führt er aus, diese „sehr unpräzise Selbstbeschreibung“ gehe darauf zurück, „dass es bei Nachwahlbefragungen im protestantischen Bereich nur die Möglichkeit gebe, sich als evangelical Protestant oder mainline Protestant einzuordnen“.

Als Diskussionspartner an Arnd Henzes Seite stand der Bundestagsabgeordnete Thomas Rachel (Wahlkreis Düren, CDU/CSU), der als Mitglied im Rat der EKD sowohl die politische als auch die kirchlich-theologische Sicht auf das Thema verkörperte.

Warum geht der christliche Nationalismus uns alle an?

„Warum geht der christliche Nationalismus uns alle an?“, wollte Viktoria Harbecke wissen, woraufhin Thomas Rachel auf die Instrumentalisierung des christlichen Glaubens hinwies: Glaube werde als Waffe verwendet. Rachel berichtete von verstörenden Erfahrungen beim „National Prayer Breakfast“. Dort seien ihm Polarisierungstendenzen, das Schüren von Feindbildern sowie die religiöse Überhöhung von Krieg begegnet. „Es ist Zeit aufzuwachen!“, appellierte Rachel an die Zuhörenden. Arnd Henze wies auf das traditionelle Familienbild als Bindeglied zwischen den ansonsten sehr heterogenen Strömungen hin und erinnerte an die nationale Sicherheitsstrategie, die in Europa Defizite im Hinblick auf Meinungs- und Religionsfreiheit ausmachte. Thomas Rachel sprach sich dafür aus, diesen Vorwürfen „nüchtern“ zu begegnen. „Die Amerikaner sind Geburtshelfer der demokratischen und liberalen Entwicklungen auch bei uns“, erinnerte er an die deutsche Demokratiegeschichte. Rachel mahnte gleichzeitig zur Differenzierung: „Es sind nie alle!“

Digital zugeschaltet war Dr. Karen Georgia Thompson (General Minister and President/CEO, United Church of Christ, President World Communion of Reformed Churches). Sie wies zunächst darauf hin, dass die Bezeichnung christlicher Nationalismus ein Oxymeron („antithetical to our faith“) sei. Eine der gegenwärtigen Herausforderungen sei es gerade, herauszufinden, was es bedeute, Christ zu sein („One of the challenges is, what it means to be christian“).

Arnd Henze widersprach der These des Soziologen Hartmut Rosa, dass Demokratien Religion brauchen, und konstatierte stattdessen: „Religion braucht Demokratie!“ Thomas Rachel stellte fest, Religion könne spalten und zusammenführen. Einerseits seien die größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts gerade durch religionsferne Ideologien verursacht worden, andererseits sei das Konzept der Menschenwürde ohne seine christliche Herleitung kaum denkbar. Arnd Henze nahm Bezug auf Dietrich Bonhoeffer („Widerstand und Ergebung“), wenn er forderte: „Christen müssen ideologiekritisch sein.“

Was passiert, wenn Trump abtritt?

Ebenfalls aus den USA zugeschaltet war Professor Philip Gorski (Frederick and Laura Goff Professor of Sociology and Religious Studies, Yale University). Ihn fragte Viktoria Harbecke zunächst nach der Kohärenz dieser Gruppe. Gorski unterteilte die christlichen Nationalisten in vier Gruppen: die Evangelikalen, die Rekonstruktionisten, die New Apostolic Reformation sowie reaktionäre Katholiken. Insgesamt mache die religiöse Rechte zwischen 10 und 30 Prozent der Bevölkerung aus. Auf die Frage „Was passiert, wenn Trump abtritt?“, antwortete Gorski, indem er den aktuellen amerikanischen Präsidenten als „Übergangsfigur“ charakterisierte. Im Diskurs nehme er den „Übergang zu einer zivilisatorischen Sprache“ wahr, ebenso wie das Streben nach einem „kontinuierliche[n] Narrativ ohne den reformatorischen Bruch“.

Thomas Rachel erinnerte an die Notwendigkeit, Brücken zu bauen. Gerade der Katholizismus sei ja – quasi per definitionem – „Weltkirche“. Die Aufgabe der Kirchen sei, „Politik möglich zu machen und nicht selbst Politik zu machen“.

Zum Schluss wagte Arnd Henze noch einen Blick in die Zukunft, der allerdings nicht explizit optimistisch ausfiel: Er wolle Hoffnung vermitteln. Etwa 65 Prozent seien auch in seinen Kernthesen nicht mehr Trumps Meinung. Die Vorfälle in Minneapolis hätten zu einer „Radikalisierung der Nachbarschaften“ geführt. Für die US-Midterm Elections 2026 (Kongresswahlen) im November prognostizierte Henze, sie könne der „turning point“ sein und in ein worst case oder best case scenario münden. „Ich vermeide das Wort Optimismus total“, gab er zu und plädierte stattdessen für „illusionslose Hoffnung“. Thomas Rachels Schlusswort hatte hingegen Appellcharakter: „It’s time to do something!“

Text: Priska Mielke
Foto(s): Priska Mielke

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