„Demokratie ist das, was wir daraus machen“ Politische Themen beim Jahresempfang des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region

Stadtsuperintendent Bernhard Seiger begrüßt die Gäste mit einem klaren Impuls zur Verantwortung in der Demokratie.

„Back Home“ hieß der Titel, mit dem das Steve-Klink-Trio den Abend eröffnete. Das griff Stadtsuperintendent Bernhard Seiger auf, als er die zahlreichen Gäste beim Jahresempfang des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region in der Kartäuserkirche begrüßte. „Back Home, nach Hause kommen. Das ist doch ein schönes Thema für den Advent.“ Seiger freute sich, dass unter anderem die ehemalige Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Stadtdechant Robert Kleine, Gregor Stiels, Vorsitzender des Katholikenausschusses für die Stadt Köln, und viele weitere Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und Verbänden der Einladung gefolgt waren. Die evangelische Kirche war vertreten durch die Superintendenten Markus Zimmermann und Torsten Krall, durch die Superintendentinnen Susanne Beuth und Kerstin Herrenbrück sowie Synodalassessorin Miriam Haseleu. Stellvertretend überbrachte Bürgermeisterin Brigitta von Bülow die Grüße des Oberbürgermeisters Torsten Burmester.

Demokratie als gemeinsame Aufgabe

Sie ging in ihrem Grußwort auf das Motto des Abends ein: „Der Schatz der Demokratie und die Rolle der Kirchen“. Die Demokratie stehe vor großen Herausforderungen, erklärte die Bürgermeisterin. „Die Sorge um und die Verantwortung für unsere Demokratie und die Werte unseres Grundgesetzes verbindet uns, sie ist gemeinsame Aufgabe und Verantwortung. Dass die evangelische Kirche in Köln sich dieser Aufgabe stellt, ist wichtig für ganz Köln.“ Die evangelische Kirche sei schon aufgrund ihrer synodalen Struktur demokratisch angelegt. Seit Jahrhunderten sei die evangelische Kirche in Köln Architektin und Garantin der sozialen Infrastruktur, Förderin des zivilgesellschaftlichen Engagements und immer im Einsatz für die, die keine Stimme haben.

Kirche in Veränderung und Verantwortung

Bürgermeisterin Brigitta von Bülow:
„Kirche und Politik teilen die Verantwortung für unsere Stadtgesellschaft.“

Brigitta von Bülow verwies auf die aktuellen Umbrüche, die es zu bewältigen gelte: „Dieser Wandel betrifft die Stadtgesellschaft und die evangelische Kirche in Köln: Nach der Kommunalwahl hat sich ein neuer Rat zusammengefunden. Neue Gesichter, neue Konstellationen und die gemeinsame Herausforderung, unsere wachsende, vielfältige Stadt zukunftsfest zu gestalten in Zeiten sehr knapper kommunaler Kassen – das beschäftigt Rat und Verwaltung aktuell sehr. Es geht darum, der Verantwortung für Köln gerecht zu werden. Es braucht Zeit, neue Wege zu finden im gemeinsamen Ringen um die besten Lösungen für Köln. Den neuen Rat erwarten große Aufgaben: Es geht um sozialen Zusammenhalt, mehr und günstigen Wohnraum, Klimawandelfolgenanpassung, Mobilität, Digitalisierung und Bildung, es geht um eine zukunftsfähige und enkeltaugliche Stadt – und das alles unter hohem finanziellen Druck. Aktuell steht auch die evangelische Kirche in Köln vor großen Veränderungen, wenn ab dem 1. Januar 2026 aus vier Kirchenkreisen nur noch zwei werden. Ich stelle mir vor, dass das ein großer, auch schmerzhafter Schritt für viele ist – strukturell, organisatorisch und kulturell.“ Aber eine solche Neuerung sei auch ein Signal der Konzentration, der Effizienz und der Anpassung an eine sich wandelnde Welt. Rat und evangelische Kirche handelten nach dem gleichen demokratischen Prinzip: gemeinsam entscheiden und Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen. „Kölns Stärke ist, dass es zusammensteht, dass sehr unterschiedliche Menschen, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, Initiativen, Vereine immer wieder gemeinsam eintreten für eine offene Stadtgesellschaft: gegen Hass und Hetze, gegen Rassismus, für Vielfalt, Menschenwürde und die Demokratie, dass sie das Verbindende suchen und gemeinsam für das Wohl aller Menschen in Köln eintreten. Die evangelische Kirche spielt dabei eine zentrale Rolle.“

Freiheit, Bildung und demokratische Kultur

Stadtsuperintendent Bernhard Seiger fügte dem Motto des Abends einen Leitgedanken für seinen Vortrag hinzu: „Demokratie ist das, was wir daraus machen. Das soll der Leitgedanke für mein Impulsreferat sein.“ Und stellte gleich zu Beginn unmissverständlich fest: „Was haben wir für eine wunderbare Demokratie in unserer Bundesrepublik Deutschland.“ Seiger attestierte der Republik ein Höchstmaß an Freiheit und erinnerte daran, dass im Grundgesetz die Würde des Menschen als unantastbar und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit festgelegt seien. Und vor dem Gesetz seien alle Menschen gleich. Für autoritäre Regierungen stelle sich die Frage, wie viel Freiheit den Menschen zugebilligt werden könne. Wenn man aber so nicht denken wolle, müsse man nach den Voraussetzungen fragen für eine gelingende demokratische Kultur der Freiheit. Stärke und Verteidigungsfähigkeit seien solche Voraussetzungen gegen Bedrohungen von außen. Eine Bedrohung von Freiheit sei jede Gefährdung der Pressefreiheit. Gewaltenteilung sei Voraussetzung für Freiheit, sagte der Stadtsuperintendent. Es liege an jedem Einzelnen, wie er mit Freiheit umgehe. „Man kann kaum zum verantwortlichen Gebrauch von Freiheit ,verpflichten‘. Das wäre absurd.“ Seiger zitierte den Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Es brauche also Menschen, die einen demokratischen Staat mit Leben füllen und gesund erhalten. „Man kann bezogen auf das Jahr 2025 und angesichts populistischer Tendenzen sagen: Demokratien sterben nicht an Gegnern, sondern daran, dass sie nicht genug Freundinnen und Freunde haben. Mir ist es deshalb wichtig, denen Respekt auszusprechen, die sich ehrenamtlich für unsere Stadt Köln und andere Kommunen als Politikerinnen und Politiker engagieren.“ Bildung ist für Seiger der Schlüssel für das Gelingen von Demokratien. Dazu gehöre viel Wissen über Geschichte und die Entstehung von Fehlentwicklungen. Auch der Kampf gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus gehe daher vorwiegend über Bildung.

Engagement als Ausdruck gelebter Freiheit

Allerdings müsse man in Betracht ziehen, dass Kants kategorischer Imperativ mit seiner Pflichtethik für junge Leute wohl zu „verkopft“ sei. Seiger schlug einen anderen Ansatz vor. „Ich glaube, das Mitwirken in demokratischen Prozessen fördert die Persönlichkeitsentwicklung wie kaum etwas anderes. Positiv ist dabei das Gefühl: Ich habe teil an etwas, das größer ist als man selber. Das unterscheidet gesellschaftliches Engagement von einer individuellen Karriere oder dem Leben in einem Kreis, in dem ich immer in einer uniform denkenden Gruppe bleibe, die mich nicht weiterbringt. Wir bekommen immer etwas zurück: nämlich Sinn. Erfüllung. Resonanz. Ich glaube an den Zusammenhang von Persönlichkeitsentwicklung und Demokratieförderung.“ Kirchen mit ihren offenen demokratischen Strukturen seien Lernorte für demokratisches Engagement. Bei der Abwehr gegenüber rechten Parolen dürfe man nicht erstarren, sondern in klaren Worten beschreiben, was evangelisch sei. Der Stadtsuperintendent verwies auf das Papier der Bildungseinrichtungen des Kirchenverbandes „Evangelisch. Für Vielfalt. Gegen Hass.“ „Ich sehe, dass wir in der katholischen und evangelischen Kirche in dieser Haltung und Aufgabe ganz einig sind und dass deshalb unsere Kirchen gute Lernorte der Demokratie sind. Weil wir den Gedanken der Freiheit hochhalten und durchbuchstabieren, wie er eine Haltung prägen kann.“ Seiger verwies auf Luthers Schrift von der Freiheit des Christenmenschen mit der „wunderbaren Dialektik“ von Freiheit und Verantwortung: „Der Christenmensch ist niemandes Herr und niemandem untertan. Und der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“ Und weiter: „Wir sind frei, weil wir geliebte Kinder Gottes sind und uns nicht im Letzten beweisen müssen. Wir sind befreit vom Druck der Rechtfertigung unseres Daseins durch Leistung. Und zugleich drängt es den freien Menschen dazu, zu gestalten und den Gedanken der Freiheit so zu leben, dass andere ihn spüren. Freiheit führt zur Bereitschaft, Ja zu sagen zu den vorfindlichen Möglichkeiten der Gestaltung. Wir haben die Fähigkeiten, das eigene Leben und die Lebensgemeinschaft mit anderen lebenswert zu gestalten. Das ist dann die Wahrnehmung von Verantwortung. Man kann auch schlicht sagen: Wer sich geliebt weiß, kann andere lieben und sich ihnen zuwenden. Das meint Jesus, wenn er sagt: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.‘“ Die Freiheit der Erwachsenen sei das Wahrnehmen von Verantwortung. „Ich habe gelernt, dass es eine tiefe Kraft gibt, die uns zur Verantwortung treibt. Nämlich die Freude zu gestalten. Und wenn wir verstehen, welch ein wunderbares Geschenk die Freiheit unseres Landes ist, dann kann ich auch alles einsetzen, was da ist, um andere mit dieser Dankbarkeit anzustecken.“ Die Demokratie lade zum Mitmachen ein. Autoritäre Systeme würden Menschen, Menschengruppen und ganze Völker ausladen. „Also: Demokratie ist das, was wir daraus machen.“

Kunst, Humor und Haltung zum Abschluss

Poetry-Slammerin Luca Swieter setzt einen starken Schlusspunkt: Humor als demokratischer Akt.

Als Überraschungsgast kündigte Seiger die Poetry-Slammerin Luca Swieter aus Köln an. Diese las ihren Text mit dem programmatischen Titel „Lustig bleiben in Zeiten von Rechtsruck und zwischenmenschlicher Kälte. Kein Leitfaden.“ Sie nannte es einen demokratischen Akt, „mit Humor Wehrhaftigkeit zu erzeugen“. Sie kritisierte, dass nach Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“, der für Verantwortung stehe, eine Politik gemacht worden sei, die die Abschiebung von Migranten forciere.

Nach der Veranstaltung in der Kartäuserkirche trafen sich die Gäste zu Gesprächen im Haus der Evangelischen Kirche.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann

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