„Du bist kostbar!“ – Präses Latzel predigt in der Christuskirche
Es war ein besonderer Sonntag in der Christuskirche am Stadtgarten: Präses Thorsten Latzel kam ins Belgische Viertel, um zu predigen – und brachte gemeinsam mit Gemeindepfarrer Christoph Rollbücher Aufbruchsstimmung mit. Denn beide hatten bereits den Kirchentag im Mai 2027 in Düsseldorf im Blick. Rollbücher machte deutlich, was dieser für die evangelische Kirche bedeutet: „Der Kirchentag zeigt die evangelische Kirche nicht nur in einem lebendigen und innovativen Licht. Er hat auch eine politische Wirksamkeit, die sehr wohl wahrgenommen wird. Die Kirche bezieht Stellung, zeigt Haltung und ihre Stimme wird in unserem Land gehört.“ Sie äußere sich zu Themen, die ihr hochwichtig seien – wie Kirchenasyl, die Haltung gegen Rechts und die Aufdeckung sexualisierter Gewalt.
Die Ur-Botschaft der Bibel

Unter dem Motto des anstehenden Kirchentages stand auch die Predigt von Latzel: „Du bist kostbar!“ Der Satz sei im Grunde die Ur-Botschaft der gesamten Bibel, sagte Latzel. Es sei das, was Jesus den Menschen gegenüber gelebt habe – ganz gleich, woher sie stammen, wer sie sind, ob reich oder arm, ob sie mehr oder weniger gerecht leben. Die Botschaft sei ein Gütesiegel, über das kein Mensch verfügen könne. Die Kostbarkeit des Menschen, seine Würde, zu achten und zu schützen, sei die Aufgabe aller. Jeder Mensch sei ein Kunstwerk. Man solle sich davor hüten, abschätzig von sich selbst oder von anderen zu denken.
Säen im Belgischen Viertel
Um diese Kostbarkeit gehe es auch in dem Gleichnis nach Lukas 8, in dem ein Sämann auf unvorbereiteten Boden sät und die Samen auf den Weg, auf Felsen, auf Disteln, aber auch auf fruchtbaren Boden fallen. Latzel fand die Christuskirche im Belgischen Viertel für dieses Gleichnis besonders passend: „Wie ich erfahren habe, sind Sie Spezialisten für diese Art des Gleichnisses. Ich habe gehört, im Viertel wird viel geerntet – es gibt immer wieder Urban-Gardening-Aktionen, Wanderbäume, den Stadtgarten. Hier im Viertel gibt es also Expertise, wenn es ums Säen geht.“ Das Gleichnis handele vom damaligen Vorgehen beim Säen, wobei hingenommen wurde, dass etwas verloren ging, weil der Gewinn alles wieder ausglich. Diese Sichtweise könne sehr entlasten – im eigenen Leben wie bei der eigenen Arbeit. Der Weg im Gleichnis stehe für die verhärteten Menschen, der Felsen für die Oberflächlichen, die Dornen für die Sorgenvollen und der gute Acker für die Glaubenden, erläuterte Latzel. „Meine Erfahrung ist jedoch: Weg, Fels und Dornen sind alles Teile von mir.“ Es gäbe sein hartes Wege-Ich – etwa in der Bahn, wenn er sich von der Umgebung abschottet, oder angesichts der Nachrichten über den Ukraine-Krieg. Da gäbe es die Oberflächlichkeit, wenn kostbare Momente sofort wieder verfliegen. Dorniges seien die Gedanken – „Quatschis“, wie ein Psychologe sie getauft habe, der Mann im Kopf, der immer dazwischen quatscht, mit ermahnenden Erinnerungen an die Steuererklärung und langen To-do-Listen. Aber dann gäbe es eben auch den fruchtbaren Teil, der offen sei für Gott und seinen Zuspruch „du bist kostbar“ – den Moment, wenn dieser wirklich ankommt. „Dann sehe ich auf einmal eine Welt und unser eigenes Leben und das der anderen in tausend Farben. Dann brauche ich mich selbst nicht größer und kleiner zu machen als ich bin, dann fühle ich mich kostbar.“

Vom Misstrauen zum Zuhören
Zwei Dinge seien wichtig: ein feines und gutes Herz – und Geduld. Die Gesellschaft leide aktuell an einer Misstrauenskultur, befand Latzel. „Wir sind gut darin, bei den anderen immer genau zu sehen, was alles gar nicht geht, ob Impfen, Gendern, Sterben, Flüchtlinge, Migration und Klimapolitik, Gleichstellung oder Werte.“ Er hatte dazu eine Anregung in Gestalt einer Frage: „Wie würden sich eigentlich unsere Diskussionen ändern, wenn sie mit dem Satz begännen: ‚Du bist kostbar, denn du bist anders, und wenn ich zuhöre‘?“ Beim evangelischen Kirchentag wolle man mit über einhunderttausend Menschen diskutieren, beten und die Kostbarkeit des Lebens aller Menschen feiern. „Dann wollen wir als Rheinländer zeigen, was gute Gastfreundschaft ist und himmlisches Konfetti über alle Menschen streuen, die uns besuchen.“ Mit dem anschließenden Abendmahl gab Latzel einen Vorgeschmack auf das, was kommen soll: gemeinsam speisen, gemeinsam feiern – und einander als kostbar erkennen.
Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch
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