Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust: Gedenkstunde am Löwenbrunnen in Köln
Anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz versammelten sich Jung und Alt an der Kindergedenkstätte Löwenbrunnen in der Kölner City. Eingeladen zur Gedenkstunde am ehemaligen Standort des jüdischen Reform-Realgymnasiums Jawne hatten die Synagogen-Gemeinde Köln, der Evangelische Kirchenverband Köln und Region, das Katholische Stadtdekanat und Masorti Rheinland in Verbindung mit dem Arbeitskreis „Lern- und Gedenkort Jawne“. Pfarrerin Dr. Dorit Felsch begrüßte nicht nur deren Vertretende. Ebenso willkommen geheißen wurden Mädchen und Jungen von drei weiterführenden Schulen.
Beiträge von jungen Menschen insbesondere zum Schicksal ehemaliger Jawne-Schülerinnen und -Schüler bilden zentrale Elemente der Gedenkstunde. „Wir wissen es sehr zu schätzen, dass ihr heute hier seid“, wandte sich Dr. Rainer Lemaire an die jungen Gäste. Damit würden sie die lange Tradition der Schülermitwirkung an der Veranstaltung am Löwenbrunnen fortsetzen, so der im Arbeitskreis „Lern- und Gedenkort Jawne“ engagierte evangelische Schulreferent. „Heute übernahmen sie die Verantwortung für das Wachhalten der Erinnerung an das jüdische Gymnasium, an die zum Teil nach England geretteten Schülerinnen und Schüler, und vor allem an die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Menschen auch hier in Köln“, sagte Lemaire. Aus Köln und Umgebung wurden allein 1.100 jüdische Kinder und Jugendliche deportiert und ermordet.
Unerträglich wahrzunehmen, dass Judenfeindlichkeit wieder zunimmt

Beim Gedenken an die Opfer des Holocaust gehe es auch um „unsere Glaubwürdigkeit als Christinnen und Christen“, eröffnete der stellvertretende Stadtsuperintendent Markus Zimmermann. „Denn wir berufen uns auf Jesus von Nazareth, der Jude war.“ Es gehe für uns immer darum, uns klar zu machen, dass die Wurzel unseres Glaubens das Judentum sei, verwies er auf Paulus (Röm 11,18). Natürlich sei unseren Kirchen das Gedenken auch deswegen ein wichtiges Anliegen, „weil es ein unerträglicher Gedanke bleibt, dass unsere jüdischen Geschwister damals verfolgt und ermordet worden sind. Unerträglich ist es auch heute wahrzunehmen, dass Antisemitismus und Judenfeindlichkeit wieder zunehmen“. Dagegen einzutreten und Zeichen zu setzen, gehöre zu den Kernaufgaben unserer Kirchen. Er bat die jungen Menschen, ebenfalls aufzustehen „gegen jede noch so heiter gemeinte verletzende Bemerkung“.
Grußwort der Stadt Köln
„Das Verbrechen wurde möglich durch Hass, Entmenschlichung und das Schweigen vieler“, stellte Teresa De Bellis-Olinger fest. Die Bürgermeisterin überbrachte Grüße des Stadtrates und Oberbürgermeisters Torsten Burmester. „Dieses Schweigen ist unerträglich, damals wie heute. Wenn Unmenschliches geschieht, darf es keine Gleichgültigkeit geben!“ De Bellis-Olinger bezeichnete den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz auch als eine Mahnung an uns alle, Verantwortung zu übernehmen. „Verantwortung als Stadtgesellschaft, die sich erinnert und daraus Haltung für die Gegenwart entwickelt.“ Ihr Dank galt insbesondere den Schülerinnen und Schülern. „Sie haben sich auf das Schicksal einzelner Kinder eingelassen. Sie haben hingeschaut, nachgefragt und den Opfern eine Stimme gegeben. Das ist Mut und das ist lebenswichtig, denn Erinnerung lebt durch uns.“ Angesichts eines wiedererstarkenden Antisemitismus erinnere uns Auschwitz daran, dass „Nie wieder“ ein Auftrag an uns alle sei. Deshalb verbinde das historische Gedenken heute eine klare demokratische Haltung: „Wir stehen zusammen gegen Hass, gegen Ausgrenzung.“
Erinnert an Dr. Erich Klibansky und andere

Mitglieder der AG Erinnerungskultur am Lessing-Gymnasium Köln-Porz richteten den Blick auf das Leben der Jüdin Anne Adler und ihrer Familie. Jugendliche des 9. Jahrgangs des Paul-Klee-Gymnasiums in Overath gingen unter anderem auf die Biografie von Dr. Erich Klibansky und die Geschichte der Jawne ein. 1929 sei der 28-Jährige zum Direktor des Gymnasiums ernannt worden. Nach 1933 habe er schnell erkannt, dass es für seine Schule keine Zukunft in Deutschland gebe. Sein Plan, die gesamte Jawne nach Großbritannien zu verlegen, habe nicht vollständig umgesetzt werden können. Zumindest seien rund 130 Schülerinnen und Schüler 1939 mit vier sogenannten Kindertransporten vor ihrer fast sicheren Deportation und Ermordung gerettet worden.
Antisemitismus damals und heute
Schülerinnen und Schüler aus dem 12. Jahrgang der Europaschule Köln berichteten unter anderem über das Schicksal von Karla Yaron (geb. Rath, 1925 bis 2017). Dabei spielten sie eindrückliche Passagen eines Interviews des Arbeitskreises mit der gebürtigen Düsseldorferin über Lautsprecher ein. Wie Yaron konnte auch Heinrich Grünebaum (Henry Gruen, 1923 bis 2013) mit einem der Kindertransporte aus Köln emigrieren. „So wenig auffallen wie möglich, so wenig in Erscheinung treten wie möglich. Es war wirklich ein Gang in Richtung Nicht-Existenz“, zitierten die Jugendlichen aus Gruens Erinnerungen an die NS-Zeit. Schließlich blickte ein Schüler auf aktuelle antisemitische Anfeindungen hierzulande, unter anderem ausgelöst durch den israelisch-palästinensischen Konflikt. Er appellierte, füreinander einzustehen. Damit trügen wir alle dazu bei, dass sich jeder wohlfühlen könne.
Dank und Aufforderung, die Stimme zu erheben
Juri Bergrin, Mitglied der gewählten Vertretung der Synagogen-Gemeinde Köln, würdigte die am Lern- und Gedenkort Jawne geleistete Bildungsarbeit und dankte den anwesenden jungen Menschen sehr für ihre engagierten Beiträge. Ergriffen verfolgten sie den Vortrag des jüdischen Gedenk-Gebetes „El Male Rachamin“ („Gott voller Erbarmen“) durch Dr. Annette Böckler von Masorti Rheinland. In sein Schlussgebet nahm Stadtdechant Monsignore Robert Kleine alle Opfer des nationalsozialistischen Regimes auf. Er bat Gott darum, „dass wir uns daran erinnern, was von unserem Land“ an schuldhaftem Verhalten ausgegangen sei. Das solle uns Motivation zum Handeln sein – „damit wir heute nicht schweigen, sondern unsere Stimme erheben“ gegen Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus.
Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich
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