Kirche in der (Klima)Krise – Zwischen unbequemen Wahrheiten und Handlungsspielräumen

„Was, wenn nicht alles gut geht?“ – Diese Frage stand über dem Fachtag „Über Leben in Kollapsen. Kirche und Diakonie als zivilgesellschaftliche Akteurinnen angesichts von Krieg, Faschismus und Klima-Endgame“, veranstaltet von der Melanchthon-Akademie (MAK), der Akademie des Versicherers im Raum der Kirchen (VRK) in Kassel sowie der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi), Ev. Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. (Berlin).

MAK-Studienleiter Dr. Martin Horstmann beschrieb das Chaos als einen beherrschenden Zustand unserer Gegenwart und warf die Frage auf, ob das Chaos nicht auch als Chance wahrgenommen werden könne und „neue Gestaltungskraft“ wecken könne. Damit war auch der emotionale Rahmen der Veranstaltung im Haus der Ev. Kirche gesetzt: den ökologischen und politischen Tatsachen ins Auge blickend, aber auf der Suche nach Kraftquellen, Gestaltungsräumen und Resilienz.

Anmerkungen bzw. Fragen an die Referierenden konnten auf Zettel geschrieben werden.
Anmerkungen bzw. Fragen an die Referierenden konnten auf Zettel geschrieben werden.

Gabriela Hund vom „Netzwerk Tiefe Anpassung“ stellte Dr. Thomas Köhler als ersten Keynote Speaker vor. Der Politikwissenschaftler (Pestel Institut für Systemforschung und Prognose gGmbH) fragte: „Wie sprechen wir über eine Welt, die zerfällt, über Climate Endgame, Krieg und Faschismus?“ Köhler berichtete von der auch psychisch belastenden Arbeit am „Climate-Endgame-Projekt“ in den Jahren 2023/24. „Das ist nichts, was die Lebensqualität steigert!“, bekannte er und fasste die gewonnenen Erkenntnisse prägnant zusammen: „Es wird fies und bösartig, aber wir können auch gewinnen.“ Als historisches Beispiel für eine Kollapssituation führte Thomas Köhler die unmittelbare Nachkriegszeit in Deutschland an, eindrücklich illustriert durch eine Aufnahme des Berliner Reichstags aus dem Juni 1946.

„Klima Doom-Porn verkauft sich gut“

Dabei ist sich Köhler des schmalen Grats zwischen faktenbasierter, warnender Aufklärung und angstlustgetriebener Faszination für apokalyptische Szenarien sehr wohl bewusst: „Klima Doom-Porn verkauft sich gut“, bemerkte er. Köhler erinnerte an Greta Thunbergs denkwürdige Rede („How dare you!“) vor den vereinten Nationen im Jahr 2019, in der die junge Schwedin Panik als einzig adäquate Reaktion auf die drohende Klimakatastrophe geradezu einforderte.

Als wesentliche Messpunkte für den Grad der Akutheit der klimatischen Entwicklungen haben sich die 16 sogenannten „Kipppunkte“ (tipping points) etabliert, die Johan Rockström auf dem World Economic Forum 2023 formulierte. „This is a planetary crisis“, konstatierte der Direktor des Potsdam Institute for Climate Impact Research (PIK) damals.

Den Zusammenhang zwischen Klimakatastrophe und Faschismus formulierten Naomi Klein und Astra Taylor in ihrem Buch „End times fascism“. Die Autorinnen machen in Bezug auf diese Bedrohung vier relevante Personengruppen aus: „Brutalisten“ (z.B. Donald J. Trump), Milliardäre (z.B. Elon Musk), „Opportunisten“ (z.B. J. D. Vance) und christliche Fundamentalisten.

Der zweite Teil der Keynote war der Progressiven Öko-/ Degrowth-Moderne gewidmet und rückte die ermutigenden Transformationsschritte in den Fokus, die in den vergangenen Jahren vollzogen wurden. Disruptiver Wandel im Energiesektor durch die Entwicklung von Speichermethoden, im Ernährungssektor (z.B. durch „Laborfleisch“) und im Mobilitätssektor (E-Mobilität).

„Über Kollaps reden: Was löst das in mir aus?“

Um dem Gehörten nachzuspüren, konnten sich die Teilnehmenden einige Minuten lang mit der Frage auseinandersetzen: „Über Kollaps reden: Was löst das in mir aus?“ Anschließend  bildeten sich Kleingruppen zum Austausch. Dabei ging es unter anderem darum, wie und wo man in seiner Betroffenheit und seinem Engagement Verbündete findet und was trotz allem Hoffnung gibt. Zwischen Ohnmachtsgefühlen und Inseln des Gelingens, zwischen individueller Verantwortung und systemischen Fehlsteuerungen wurde gemeinsam nach Standpunkten, Perspektiven und Kommunikationsstrategien gesucht.

Die zweite Keynote des Tages kam von Philipp Ackermann. Er befasste sich mit der „Theologie im Klimakollaps“ und suchte (noch) nicht nach Antworten, sondern zunächst nach den richtigen Fragen. Auch Ackermann nahm Bezug auf Greta Thunbergs berühmte Rede von 2019 und wies auf die Ambivalenz des Hoffnungsbegriffs hin. Die „christliche Hoffnung“ als Balsam auf einer Wunde, die eigentlich schmerzen sollte?

Studienleiter Dr. Martin Horstmann begrüßte die Teilnehmenden des Studientages.
Studienleiter Dr. Martin Horstmann begrüßte die Teilnehmenden des Studientages.

Ackermann bezeichnete Klimagerechtigkeit als sein Lebensthema und gab zu, dass er mit der damaligen Öko-Theologie nichts anfangen konnte, sie als „realitätsfern“ wahrgenommen habe. Daraus ergaben sich für den Theologen zahlreiche Fragen: Wie können Theologie und Seelsorge die Klimafrage adäquat thematisieren? Was bedeutet es heute noch, von der Bewohnbarkeit der Erde zu sprechen? Wie können wir konkret leben, wenn die klimatischen Bedingen immer instabiler werden? Und nicht zuletzt: Was können die Kirchen tun?

Philipp Ackermann wies darauf hin, dass – in klimatischen Hinsicht – die letzten 11.700 Jahre relativ stabil waren. Anhand einer Grafik zeigte er, dass die CO2-Konzentration durchgängig bei etwa 280 ppm gelegen habe. Seit 200 Jahren, also mit Beginn der Industrialisierung, sei dieser Wert um 50% angestiegen. 2023 war das heißeste Jahr seit 100.000 Jahren, stellte Ackermann fest. Die Folgen: Überflutungen, Waldbrände, Trinkwasserknappheit (und in deren Folge bewaffnete Konflikte) sowie jene kollektive Gereiztheit, sich unter dem Oberbegriff „sozialer Stress“ zusammenfassen lässt.

Autoritäre Bewegungen (z.B. die Brexit-Kampagne) nutzen, so Ackermann, die Angst vor Kontrollverlust. Dabei sei Stabilität nie der Normalzustand gewesen. Geflüchtete als unfreiwillige „Expert*innen“ im Umgang mit Unsicherheit und Kontrollverlust könnten eine wertvolle Quelle für Resilienstrategien sein, vermutete er. „Kirchen haben Schätze“, ist Ackermann überzeugt, allerdings dürfe die Hoffnung (als eine der christlichen Tugenden) nicht als „Pflaster“ dienen. Viel spannender sei im Krisenkontext die Erzählung von der Arche Noah. Dabei legte Ackermann den Fokus nicht auf die göttliche Rettung, sondern auf konkretes Handeln und die daraus erwachsende Selbstwirksamkeit. Ackermann brachte das auf die prägnante Formel: „Krisenmanagement statt Happy End“. Als „Lehre für heute“ konstatierte der Theologe, dass es wichtig sei, „Räume zu schaffen, um Krisen besprechbar zu machen“, so wie das Projekt „Caritas macht Klima“ in Essen. Seine Empfehlung: „Wir sollten nicht auf Wunder hoffen, sondern Archen bauen!“

Was das bedeuten kann, formulierte Ackermann in drei konkreten Forderungen: Erstens ein Perspektivwechsel vom (passiven) Opfermodus in den (aktiven) Gestaltungsmodus, zweitens die Etablierung einer Klimapastoral und drittens eine Hinwendung zu Sozialraumorientierung und lokalen Netzwerken in der caritativen Arbeit.

Text: Priska Mielke
Foto(s): Priska Mielke

Der Beitrag Kirche in der (Klima)Krise – Zwischen unbequemen Wahrheiten und Handlungsspielräumen erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.