MAK-Frühjahrstagung: Warum Menschen rechtsradikal werden – Analyse einer gefährlichen Dynamik
Warum werden Menschen rechtsradikal? Dieser Frage ist die Frühjahrstagung der Melanchthonakademie und der C.G. Jung Gesellschaft im Haus der evangelischen Kirche nachgegangen. Susanne Gabriel, Vorstandsmitglied der C. G. Jung Gesellschaft, erläuterte den Grund für die Themenwahl. „Wir möchten einen Beitrag zur Depressionsbewältigung und gegen die Angst leisten“, sagte sie. Es ginge darum, sich den im Raum stehenden Problemen zu stellen und nach Ursachen und Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie, fügte an: Eine klare Analyse der Situation sei wichtig, um Strategien dagegen auszumachen, und in eine Haltung des Widerstandes zu finden.
Die Analyse lieferte der Arzt für Innere Medizin, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut aus Troisdorf, Matthias Gabriel. Er klärte die Besuchenden über rechtsextreme Mythen und ihr Radikalisierungspotential auf:

Rechtsradikale Einstellungen seien vor allem stark durch Emotionen motiviert. Angst spiele eine große Rolle, Wut und Unzufriedenheit, Nostalgie und Ressentiments sowie eine heimliche, ständige Verbitterung. Sie würden wachsen, wenn Menschen sich bedroht fühlen, Verlust befürchten, Ungerechtigkeit erfahren.
Rechtsradikale Gruppen würden in mehrfacher Hinsicht eine (Schein-)Lösung liefern: Selbstunsicherheit würde dadurch gelindert, dass man die Gruppen-Identität übernimmt, sich also mit einer Gruppe identifiziert. Sie würden heute über Netzwerke in den sozialen Medien leicht zur Verfügung stehen und die passenden Narrative liefern. Diese Narrative würden auf Vorstellungen von Ungleichwertigkeit basieren, mit den damit einhergehenden Einstellungen wie Ultranationalismus, der Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur, die Verharmlosung oder Befürwortung des Nationalsozialismus und des Sozialdarwinismus. Dazu gehörten dann Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Daraus ergäbe sich eine geschlossene rechtsradikale Weltanschauung. Dahinter verberge sich aber auch eine übergeordnete Ideologie, ein Master-Narrativ, und zwar in Gestalt eines politischen Mythos vom Volk und seiner Nation, von dessen Aufstieg, Niedergang und Wiedergeburt.
Zunächst erzähle das Narrativ von der „Geburt des Helden“, der Entstehung des Volkes und seiner Nation. Die Zugehörigkeit zum Volk sei natürlich und festgelegt durch kulturelle, ethnische bis hin zu versteckt rassistischen Merkmalen. Diese Identität des völkisch-nationalen Kollektivs erzwinge aber auch eine Homogenisierung, welche die Individuen unterwirft und sie letztlich im Volk auflöst. So ergäbe das Leben eines Individuums nur dann Sinn, wenn es zum Wohle des nationalen Ganzen beiträgt, was mit Forderungen nach unbedingter Hingabe und Opferbereitschaft verbunden sei. „Damit enthüllt sich aber auch der repressive und autoritäre Charakter der Ideologie“, betonte Gabriel. Denn wer ausschere, würde zum Störfaktor der Ordnung und zu einer Bedrohung für die völkische nationale Einheit. Und gegen Abweichler seien letzten Endes alle Mittel erlaubt.
Führer als Leitfigur
Zum Narrativ gehöre auch, dass von Natur aus Unterschiede zwischen den Menschen existierten. Daraus würde das Ideal einer hierarchisch und patriarchalisch aufgebauten Gesellschaft abgeleitet, in der jedes Volksglied seinen unterschiedlichen Platz und Rang hat. Die Unterordnung der Frau unter das männliche Familienoberhaupt sei natürlich. An der Spitze der Hierarchie, da stehe dann der Führer als Leitfigur. „Damit ist rechtsextremes Denken in seinen Grundzügen immer antidemokratisch, immer strukturell antiliberal, ist immer anti-individuell und immer antifeministisch“, so Gabriel.
Diese Auffassung von nationaler Identität beinhaltet stets auch die Diskriminierung und Ausgrenzung derjenigen, die diese Merkmale der Gruppe nicht besitzen. Nichts anderes stehe hinter dem Programm der „Remigration“, wie sie von der AfD gefordert wird. Es sei die Forderung nach einer ethnischen Säuberung.
Der weitere Teil des Mythos erzähle von der aktuellen Bedrohung des Helden-Volkes durch Dekadenz, Apokalypse und Untergang. So würde gegen die demokratischen und pluralistischen Grundlagen der Gesellschaft und vor allem gegen die liberalen, humanen und universalistischen Ideen der Aufklärung Stimmung gemacht. Es würde Angst vor dem sogenannten Bevölkerungsaustausch geschürt, vom Überlebenskampf des deutschen Volkes geredet. Es würde die Gefahr anrückender islamischer Invasionsfluten beschworen. Dahinter hätten die rechten Vordenker längst andere Drahtzieher ausgemacht: globalen Eliten, welche als heimatlose Finanzmagnaten bezeichnet werden. Damit würde eine altbekannte antisemitische Formulierung benutzt.
Als dritte Etappe im mythologischen Weltgeschehen folgt dann schließlich die Wiedergeburt des deutschen Volkes und die Errichtung einer neuen Ordnung, beziehungsweise die Erneuerung einer vergangenen Ära der Größe. Diese gehe von einer „heroischen Avantgarde“ aus, als welche sich die Flügelmänner der heutigen rechtsradikalen Gruppierungen schon seit Längerem verstehen. „Zur Erreichung dieser Ziele ist im rechten Denken die Zerschlagung des Gegners und die Zerstörung der Grundlagen des gegenwärtigen demokratischen Gesellschaftssystems unbedingt erforderlich“, betonte Gabriel.

Doch warum bedient sich die neue Rechte für die Verfolgung dieser Ziele mittlerweile des Christentums? Dazu lieferte die Theologin und Religionswissenschaftlerin Philine Lewek die Antwort. „Das christliche Europa ist ein gemeinsamer Fluchtpunkt der verschiedenen europäischen Nationalismen und hat gerade darum einen Mehrwert gegenüber dem früher favorisierten germanischen Neuheidentum und der Christentumfeindlichkeit“, sagte sie. Der Bezug auf das Christentum in Abgrenzung zum Generalfeind, dem Islam, sei der Grund für die theologischen Deutungen in den neurechten Netzwerken.“ Sie nannte ein prominentes Beispiel dafür: die Auslegung des Gleichnisses vom barmherzigen Samaritaner seitens der AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch. Lewek zitierte ihr Vorwort zum Band „Bekenntnisse von Christen in der Alternative für Deutschland“: „Dieses Gleichnis verstehe ich als Argument dafür, dass man Kriegsflüchtlingen immer eher heimfahren sollte“, schreibt von Storch. „Als der Samariter das Unfallopfer an den Straßenrand versorgte, habe er das vor Ort getan. Er habe ihn aber nicht mit zu sich nach Hause mit nach Samaria genommen.“ Lewek erläuterte: „In den theologischen Deutungsangeboten der neuen Rechten wird immer wieder deutlich, dass sie sich auf sehr eindeutigen Auslegungen von biblischen oder historischen Texten festlegt.“ In der Theorie von Deutungsmacht könne man also von Deutungsgewalt sprechen, die die notwendige Offenheit der historischen oder biblischen Texte beschränke.
Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch
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