Tag der Menschenrechte: Weiterleben trotz Flucht – Geschichten von Zuflucht, Mut und Neubeginn

Familie Zeno erzählt ihre Geschichte an dem Ort, wo sie drei Monate lang gelebt hat: in der Nathanael-Kirche. Am Abend des Tages der Menschenrechte und zum Abschluss der Orange Days, sind in der Kirche Erfahrungsberichte und Impulse zu hören, zum Thema „Weiterleben trotz Flucht-, Asyl- und Gewalterfahrungen“. So lautet der Titel der gemeinsamen Veranstaltung des Zentrums Zuflucht und Kirchenasyl und der Melanchthon-Akademie.

Ritta Zeno erzählt in der Nathanael-Kirche von ihrer Flucht aus Syrien und dem Ankommen in Deutschland.

Ritta Zeno erzählt, wie sie als 17-jährige 2022 mit ihrem Vater aus Syrien floh, über Russland und Belarus nach Polen, wo man ihnen vorwarf, illegal eingereist zu sein und sie zwei Monate inhaftierte. Danach ging ihre Flucht weiter nach Deutschland, wo sie in der Nathanael-Kirche Asyl fanden. Zeno und ihr Vater bekamen eine Aufenthaltsgenehmigung, die Mutter und Geschwister konnten ihnen folgen. Ritta arbeitet mittlerweile als Sozialbetreuerin, ihr Vater Tammam als Busfahrer, die Mutter bei der AWO. „Deutschland ist meine Heimat“, sagt Tamman Zeno, „weil ich hier sicher bin.“

Erfahrungen aus dem Kirchenasyl: Stimmen der Hoffnung und des Ankommens

Im Kirchenraum sind zugleich Plakate von anderen Menschen aufgestellt, die Kirchenasyl erhalten haben, mit ihren Fotos und Statements zum Thema „Weiterleben“. Die Gemeinde hat Platz für immerhin zehn Geflüchtete geschaffen und ebenfalls schon vielen auf den Weg in die hiesige Gesellschaft geholfen, erst einmal mit einem Bett und einem Kirchendach über dem Kopf. Über Internet zugeschaltet aus dem Odenwald, betont Nancy Gelb, von der dortigen Diakonie, dass die Anfrage nach Kirchenasyl aufgrund der geänderten politischen Lage stark zugenommen habe, aufgrund neuer Richtlinien und des Dublin-Verfahrens, das Menschen in die Erstaufnahmestaaten zurückschiebe.

Fokus Frauen: Flucht, Verfolgung und der lange Weg zurück ins Leben

An diesem Tag liegt passend zum „Orange Day“ der Fokus auf weiblicher Flucht und Verfolgung, auf dem Weiterleben als Frau. Und so sitzt neben Gelb, ebenfalls zugeschaltet aus dem Odenwald, eine Vertreterin der aktuell besonders verfolgten Frauen in Afghanistan: Die ehemalige Oberstaatsanwältin für Menschenrechte in Kabul, Atefa Zafari, berichtet, dass die Frauen in ihrem Heimatland mit der Herrschaft der Taliban entmenschlicht worden seien. Weiblicher Widerstand würde mit äußerster Gewalt niedergeschlagen. Frauen würden verhaftet, gefoltert, sogar getötet. Sie selbst habe sich nach der Machtübernahme der Taliban 18 Monate lang im Haus verstecken müssen und sei dann über den Iran nach Deutschland geflohen. „Mit meiner Ankunft in Deutschland wusste ich wieder, dass ich ein Mensch bin, keine Ware“, sagt Zafari. Das war vor zwei Jahren.

Bereits knapp 20 Jahre ist es her, seitdem die Presbyterin der Nathanael-Kirche Helene Batemona-Abeke mit ihrem Säugling aus dem Kongo floh. Sie wurde damals, angekommen in einer Flüchtlingsunterkunft in Köln-Deutz, von einer Sozialarbeiterin dauerhaft sehr unterstützt. „Wem man am Anfang begegnet“, sagt Batemona-Abeke, „entscheidet sehr stark über die Laufbahn der jeweiligen Person in Deutschland.“ Begleitung und Beratung seien wichtig. In ihrer Heimat hat sie internationale Beziehungen studiert. In Köln begann sie selbst als Sozialarbeiterin zu arbeiten – und erfuhr dabei, wie schwer geflüchteten Frauen fällt, Vertrauen zu fassen. Viele fühlten sich nicht verstanden, durch Sprachbarrieren, Tabu-Themen, der Schwierigkeit, fremden Menschen ihre Probleme zu erzählen, sagt Batemona-Abeke. Einige hätten Angst, würden noch viele Jahre die Schlepper weiterbezahlen, die mit Greueltaten gegenüber der Familie in der Heimat drohen und teilweise sogar Kinder als Pfand behalten würden. Und so gründete sie die Initiative „Pamoja Afrika“, die auf die besonderen Bedürfnisse der Frauen aus afrikanischen Herkunftsländern zugeschnitten ist. Sie hat zudem das Konzept „Bewusstsein gegen Rassismus“ entwickelt, mit dem sie Institutionen beratend zur Seite steht. Ein ähnlich wichtiges Frauenprojekt stellt an diesem Abend auch noch Maja Mulanovic vor: Die Beratungsstelle für Migrantinnen und geflüchtete Frauen, die sich in Gewaltverhältnissen befinden und von Sexismus, Rassismus und anderen Unterdrückungsformen betroffen sind.

Symbolische Unterstützung: Ein Scheck für gelebte Solidarität

Pfarrerin Reinhild Widdig (Nathanael-Kirche) und Pfarrerin Dorothee Schaper (Melanchthon-Akademie) bei der symbolischen Scheckübergabe für das Zentrum für Kirchenasyl.

Die Beratungsstellen sind so bedeutsam, wie das erste Dach über dem Kopf, beispielsweise in einer Kirche. Doch, weil das erst einmal finanziert werden muss, gibt es an diesem Abend zum Abschluss noch eine schöne Überraschung: Pfarrerin Dorothee Schaper von der Melanchthon-Akademie übergibt der Pfarrerin der Nathanael-Kirche Reinhild Widdig für das Zentrum für Kirchenasyl einen symbolischen Scheck in Höhe von 1.811 Euro, die bei der evangelischen Protzsitzung gesammelt wurden, um der Gemeinde dabei zu helfen, die Kirchentüren weiter für geflüchtete Menschen offenzuhalten.

Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch

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