40 Jahre Sozialdienst in Frechen: Wo Menschen in Not eine offene Tür finden
Aktuell kommen Menschen vor allem mit Problemen rund um das Thema Wohnen zum Sozialdienst der evangelischen Gemeinde in Frechen. „Gegen die Wohnungsnot können wir natürlich nichts tun“, sagt dessen Leiterin Dorothea Heßler-Vorwerk. „Wir können aber bei Mietrückständen und Ähnlichem helfen.“ Die Tür im Erdgeschoss des Hauses an der Hauptstraße 209 steht Menschen in schwierigen Situationen offen – seit 40 Jahren. Zur Feier des Jubiläums sind viele Gäste erschienen, auch aus der Politik und Fachleute. Die Einrichtung pflegt ein großes Netzwerk, das sie sich seit Jahrzehnten aufgebaut hat.
Der evangelische Sozialdienst bietet eine erste unkomplizierte Hilfe an vier Tagen in der Woche, jeweils von 10 bis 13 Uhr, für Menschen, die arbeitslos, arbeitssuchend, überschuldet oder bereits auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Es gibt eine Kleiderkammer, einen Begegnungs- und einen Frühstückstreff sowie zweimal in der Woche einen Mittagstisch für Menschen, die gemeinsam essen möchten. Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler kochen. Die Tafel Frechen steuert Teilchen, Brötchen und Lebensmittel bei. Menschen können auch einfach auf einen Kaffee hereinkommen.
Mehr als ein konkretes Anliegen – die eigentliche Not dahinter

Vor allem aber ist der Sozialdienst eine erste Anlaufstelle in der Not: „Im Gespräch muss ich meist erst einmal erfassen, was das eigentliche Problem ist“, schildert Heßler-Vorwerk. „Die Menschen kommen oft mit einem konkreten Anliegen, etwa dass sie Hilfe im Austausch mit der Ausländerbehörde benötigen.“ Oft verberge sich dahinter mehr: ein abgelaufener Ausweis, dadurch ausbleibende finanzielle Unterstützung, Mietrückstände, unbezahlte Stromrechnungen. Manche seien nicht krankenversichert. „Diese Menschen kann ich dann an den Malteser Hilfsdienst verweisen, der sie ohne Krankenschein behandelt“, sagt Heßler-Vorwerk. Manchmal sei auch die Schuldnerberatungsstelle die richtige Adresse. Heßler-Vorwerk und ihre Mitarbeiterin vermitteln weiter, helfen bei Anträgen, vor allem auch digitaler Art.
Computer stehen dafür bereit. Die Pfarrerin der Gemeinde, Almuth Koch-Torjuul, hat die Erfahrung gemacht, dass gerade diese Hilfestellung sehr gefragt ist: „Menschen bitten uns, für sie einen Termin beim Arzt zu organisieren, weil das mittlerweile meist digital läuft. Anträge müssen digital eingereicht werden, beim Jobcenter, der Agentur für Arbeit oder anderen Behörden.“ Viele seien damit überfordert. „Während Corona haben wir an Familien Laptops verschenkt, weil die Kinder ihre Hausaufgaben auf dem Smartphone der Mutter machten“, erzählt Koch-Torjuul.
Ein rühriger Pfarrer, 40 Jahre Ringen – und eine Gemeinde, die kämpft

Die Geschichte des Hilfsprogramms begann im Jahr 1986 mit einem „rührigen Pfarrer, der ein großes diakonisches Herz hatte.“ So beschreibt Koch-Torjuul ihren Vorgänger Harald Steindorf. „Im Laufe der 40 Jahre gab es allerdings ein ständiges Ringen um Fördermittel und Refinanzierungsmöglichkeiten für den Sozialdienst“, sagt sie. Den Löwenanteil habe stets die Gemeinde geschultert. Seit dem Jahr 2000 habe auch das Land das Angebot finanziell unterstützt. Das habe sich allerdings 2008 geändert. „Plötzlich hieß es, dass man staatlich geförderte Arbeitslosenzentren nicht mehr braucht“, erinnert sich Koch-Torjuul. „Wir haben dann sehr gekämpft.“ Ein Jahr lang sei die Stadt Frechen eingesprungen. Dann hatten die Wohlfahrtsverbände ihren Kampf gewonnen und es gab wieder Fördergelder.
Das änderte sich im Coronajahr 2020: „Das Ministerium für Arbeit und Gesundheit unter Minister Karl Laumann fand Arbeitslosenzentren nicht mehr sinnvoll und legte stattdessen das Projekt ‚Beratungsstellen Arbeit‘ auf“, schildert Koch-Torjuul. Zwar habe sich der evangelische Sozialdienst erfolgreich für die Fördermittel bewerben können, doch die sehr spezielle Ausrichtung des Projekts hatte ihren Preis: Die geforderte Beratung zu „prekärer Beschäftigung“ habe mit den Nöten der Menschen vor Ort wenig zu tun gehabt.
Neu aufgestellt – mit Gottvertrauen und Fundraising in die Zukunft
Und so verabschiedete sich der Sozialdienst im vergangenen Jahr aus dem Programm und wird nun neu aufgestellt: Die Gemeinde wolle ein Ort sein, wo Menschen in Not Hilfe finden, sagt Koch-Torjuul. „Das ist uns durch Jesus Christus aufgegeben.“ Momentan könne die Kirchengemeinde die Einrichtung aus eigenen Mitteln finanzieren, ergänzt durch kleine Zuschüsse und Spenden. „Zukünftig wird ein intensives Fundraising nötig sein“, so Koch-Torjuul. „Wir haben ja nun schon 40 Jahre lang Übung, mit der Ungewissheit umzugehen. Eine Portion Gottvertrauen gehört auch dazu.“
Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch
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