Crack, Angst und Hoffnung: Melanchthon-Akademie und Karl-Rahner-Akademie diskutieren Kölns neues Suchthilfezentrum

Die Drogenszene am Neumarkt ist omnipräsent. Sie ist stark gewachsen, unter anderem weil der Konsum von Crack drastisch gestiegen ist. Die Droge macht sehr schnell sehr stark abhängig. Konsumierende vernachlässigen daher oft die eigenen Grundbedürfnisse, verelenden und verwahrlosen schnell. Der Drogenkonsumraum vor Ort stößt an seine Kapazitätsgrenzen. Der Stadtrat hat daher gerade beschlossen, dass ein neues großes Suchthilfezentrum am Perlengraben entstehen soll. Das weckt Ängste bei der Anwohnerschaft. Die Melanchthon- und die Karl-Rahner-Akademie hatten sie daher zu einer Diskussion in die Kartäuserkirche geladen. Moderatorin Sandra Dybowski, selbst Anwohnerin und Mitglied der Initiative „Südi bleibt solidarisch“, fasste das geplante Angebot in dem neuen Drogenzentrum noch einmal zusammen: Es soll einen Konsumraum geben, einen Kontaktladen, einen Ruheraum, ein niedrigschwelliges Beschäftigungsangebot, Essens- und Getränkeausgaben, Raum für Hygiene, medizinische Behandlung und Notschlafstellen. Das Zentrum soll 24 Stunden, sieben Tage lang offen sein.

Bis zu 400 Besuche täglich – und kein Platz zum Ausruhen

Sven Lehmann berichtete, warum ein größeres Suchthilfezentrum gebraucht wird.

Mehrere Experten waren gekommen, um die Anwohner und Anwohnerinnen aufzuklären, was das große Suchthilfezentrum vor Ort für sie bedeutet: Sozialarbeiter Stefan Lehmann, der den Konsumraum am Neumarkt leitet, erläuterte zunächst die räumliche Veränderung: Aktuell habe man 125 Quadratmeter im Gesundheitsamt zur Verfügung, mit einem kleinen Kontaktladen, zwei kleinen Konsumräumen, außerdem sanitären Anlagen und einem Raum für medizinische Behandlungen. „Wir haben am Tag zwischen 80 und 130 verschiedene Nutzer und Nutzerinnen“, schilderte Lehmann, „die bis zu 300 Mal konsumieren und bis zu 400 Mal die Einrichtung aufsuchen, weil sie auf die Toilette gehen wollen, etwas essen und trinken wollen oder weil sie auch soziale Beratung und Vermittlung in Anspruch nehmen.“ Man habe keinen Ruheraum. Die Klienten und Klientinnen müssten sich auf Bänke und Tische legen, was allemal besser sei als ein Platz auf der Straße. Bei dem Hilfezentrum handele es sich auch um einen Schutzraum für die Menschen. „Der Großteil unserer Nutzer ist obdachlos beziehungsweise wohnungslos“, betonte Lehmann. Er würde mit dem neuen Suchthilfezentrum gerne in erster Linie die offene Drogenszene auflösen, vor allem aber auch dafür sorgen, dass die Menschen überleben und dass ihr Zustand nicht schlimmer wird.

Krefeld als Vorbild – und die Erfahrungen anderer Städte

Sebastian Dückers schilderte seine Erfahrungen aus Krefeld.

Sebastian Dückers, Sachbereichsleiter der Caritas Krefeld in der Beratungsstelle für Alkohol- und Drogenfragen, konnte von einem solchen Erfolg in seiner Heimatstadt berichten. Nach dem Einrichten eines Suchthilfezentrums vor Ort habe sich die offene Drogenszene tatsächlich aufgelöst. „Wir sind natürlich eine viel kleinere Stadt“, gab er zu bedenken. Angelika Schels-Bernards, Vorsitzende des Arbeitsausschusses Drogen und Sucht der freien Wohlfahrtspflege in NRW, fügte an, dass man auch in anderen Städten im Land positive Erfahrungen mit Konsumzentren gemacht habe, etwa in Düsseldorf. Dort befinde es sich etwa 200 Meter weit entfernt von einer Schule und einem Seniorenwohnheim. „Da hat es zunächst viel Stress gegeben“, erzählte sie. „Bürgerinitiativen haben sich gegründet, und jetzt, nachdem es eine Weile in Betrieb ist, sieht man, dass sich viele Sorgen auch aufgelöst haben.“

„Ein freundliches Gesicht hilft meist“ – Tipps für den Alltag

Das Team auf dem Podium bestehend aus Stefan Lehmann, Sebastian Dückers, Moderatorin Sandra Dybowski, Angelika Schels-Bernards und Torsten Zelgert (v.l.).

Die Anwohner und Anwohnerinnen hatten zahlreiche kritische Fragen, etwa, ob im Umfeld des Konsumzentrums nicht auch gedealt würde oder ob der Perlengraben zu weit weg vom Neumarkt sei und von schwer Crackabhängigen demnach gar nicht aufgesucht würde. Sie würden dann ausschließlich in der Öffentlichkeit konsumieren und auch sterben. Auch wie man mit den Drogenkonsumierenden umgehen solle, wollten manche wissen. Die Experten betonten zunächst, das Geschehen werde vom Ordnungsdienst und der Polizei überwacht, mit denen man eng kooperiere. Sie würden notfalls eingreifen, wenn sie Drogendeals beobachten. Stefan Lehmann hatte ein einfaches Rezept für den Umgang: „Meist hilft einfach ein freundliches Gesicht, ein Lächeln, eine wertschätzende Ansprache, aber auch eine Klarheit“, sagte er. Wenn man aggressiv angeschaut würde, solle man Abstand halten und nicht auf die Aggression eingehen, versuchen, freundlich zu sein und dann einfach gehen. Torsten Zelgert vom JES-Netzwerk von Drogen gebrauchenden Menschen, Ehemaligen und Substituierten konnte seine eigenen Erfahrungen beisteuern: „Wir wollen den anderen Menschen nichts. Wir wollen eigentlich unsere Ruhe haben.“ Niemand würde freiwillig so leben wie die Drogensüchtigen. Daher sei er sich auch ganz sicher, dass das neue Suchthilfezentrum am Perlengraben von der Drogenszene angenonmen wird: „Wenn ein solches Angebot besteht, wird es auch genutzt“, sagte Torsten Zelgert.

Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch

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