Diaspora als Chance: 250 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Bergisch Gladbach

Zumindest die ältesten Steine der Gnadenkirche müssten sich noch an den Einweihungsgottesdienst vor zweieinhalb Jahrhunderten erinnern können. Nun durften sie den Festgottesdienst zum 250-jährigen Bestehen der Evangelischen Kirchengemeinde Bergisch Gladbach „miterleben“. Pfarrer Carsten Bierei begrüßte die Gäste und erinnerte daran, wie diese Geschichte damals angefangen hatte, nämlich im Jahr 1775 mit einem Schreiben einer Gruppe Katholiken an den preußischen König Friedrich den Großen, mit der Bitte, im Herzogtum Kleve eine Gemeinde gründen zu dürfen. Der in Religionsdingen aufklärerisch-moderat eingestellte Monarch knüpfte seine Zusage an eine Bedingung: Im Gegenzug musste auch eine evangelische Gemeinde im Herzogtum Berg gegründet werden.

Nach erfolgter Genehmigung gingen die fünf Papiermühlenbesitzer Heinrich Schnabel (1706 – 1796), Gerhard Martin Fues, Abraham Fues, Peter Käsmann, Franz Heinrich Fauth und Gerhard Jakob Fues ans Werk und bereits 1777 wurde die Gnadenkirche fertiggestellt. Nachzulesen ist die wechselvolle Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde Bergisch Gladbach in der von dem Autorenteam Peter Lückerath, Irmtraud Schumacher, Michael Werling und Jo Wittner als hochwertiger Text-Bildband gestalteten Festschrift (ISBN 978-3-947779-53-6), die nach dem Gottesdienst am Büchertisch erworben werden konnte.

„Suchet der Stadt Bestes!“

Präses Dr. Thorsten Latzel hatte seine Festpredigt unter das Leitwort „Suchet der Stadt Bestes“ gestellt und erinnerte zunächst daran, dass, allem kühnen Unternehmergeist zum Trotz, am Anfang kein Gebäude, sondern der Geist Gottes stand.

Die erste Predigt in den insgesamt 17.531 Gottesdiensten, die seitdem in der Gnadenkirche gefeiert worden seien, habe Epheser 1,2 („Gnade sei mit euch und Friede von Gott und unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“) zum Gegenstand gehabt, einen der sogenannten „Kanzelsegen“. Heute werde jedoch mehr über Kriegsfähigkeit als über Friedensfähigkeit gesprochen. Die Gnadenkirche sei „ein Ort der Einkehr, wo jeder Mensch willkommen ist“. Die Geschichte der Stadt Bergisch Gladbach sei verbunden mit der Papierindustrie und dem reformierten Glauben.

„Baut Häuser und wohnt darin!“

Dann ordnete Latzel den Predigttext „Suchet der Stadt Bestes!“ in seinen historischen Kontext ein: Der Prophet Jeremia verkündet dem Volk Israel im 70-jährigen Exil eine Verheißung, die „innere Freiheit des Glaubens“. Thorsten Latzel forderte angesichts der sinkenden Mitgliederzahlen und einer säkularisierten Gesellschaft „Diasporafähigkeit“ und ging auf die vier Ratschläge des Propheten Jeremia an seine Landsleute im Exil ein: „Baut Häuser und wohnt darin!“ Latzel bezog diesen Appell auf die Evangelische Kirchengemeinde Bergisch Gladbach als Bauherrin und Vermieterin.

„Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte!“

Die Aufforderung „Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte!“ interpretierte der Präses  zum einen sehr konkret in Hinblick auf die Arbeit der knapp 1.000 Essenstafeln in Deutschland mit ihren über 1,5 Millionen Gästen und ging zum anderen auf die Rolle von Grünflächen für den Hitzeschutz ein, vor dem Hintergrund von zehntausenden Hitzetoten jährlich in Europa.

„Lebt Beziehungen!“

Wenn es bei Jeremia heißt „Lebt Beziehungen!“, könnte dies auch ein Lösungsansatz für aktuelle Integrationsprobleme sein. Thorsten Latzel führte aus, dass es drei Strategien des Umgangs mit dem Fremdsein gebe: Abschottung, Anpassung oder den kreativen Austausch. Das etwas anachronistisch anmutende „Mehrt euch, damit ihr nicht weniger werdet!“ brachte Latzel auf die Formel „Fröhlich kleiner werden und dabei wachsen wollen“. Gott verheiße uns Frieden und Zukunft, ermutigte er die Festgemeinde und setzte der verbreiteten Krisenstimmung einen Perspektivwechsel entgegen: „Der Horizont der Ewigkeit Gottes ist heilsam gegen unsere Kurzsichtigkeit. Es wäre schlicht  unrealistisch, nicht an Wunder zu glauben!“

Die Erste stellvertretende Bürgermeisterin Anna Maria Scheerer lobte den Beitrag der Gemeinde zu Daseinsvorsorge und Gemeinwohl.
Die Erste stellvertretende Bürgermeisterin Anna Maria Scheerer lobte den Beitrag der Gemeinde zu Daseinsvorsorge und Gemeinwohl.

Nach dem Gottesdienst wurde auf einem Empfang im „Engel am Dom“ weitergefeiert. Dort konnte zunächst Kreisdechant Norbert Hörter seine Glückwünsche überbringen. Die Evangelische Kirchengemeinde habe 250 Jahre Stadtgeschichte mitgestaltet. Kirche sei für viele Menschen heute nur noch eine Institution, beklagte Hörter, aber das Haus Gottes bestehe „nicht aus toten Steinen“, betonte er, sondern Christen sollten „lebendige Steine“ sein. Und: „Diese Aufforderung ist zeitlos!“

Heimat, Zugehörigkeit und Identität

Die Erste stellvertretende Bürgermeisterin Anna Maria Scheerer richtete die Grüße von Bürgermeister Frank Stein aus und beschrieb die Gnadenkirche  als „wichtigen Ankerpunkt für alle Menschen in der Gemeinde“, oder – protestantisch gesprochen – eine „feste Burg“. Die Gemeinde sei der Ort, wo Menschen nach Antworten auf das Wohin, Woher und Warum ihres Lebens suchen würden. Die Gemeinde leiste mit ihren Kitas und ihrer Seniorenarbeit einen wichtigen Beitrag zur Daseinsvorsorge. Sie sei ein Ort, der Menschen zusammenbringe, ein „Stück Heimat, Zugehörigkeit und Identität“.

Von der engen Verbindung zwischen der Evangelischen Kirchengemeinde und dem Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach wusste Personalleiter Otmar Hahn zu berichten.
Von der engen Verbindung zwischen der Evangelischen Kirchengemeinde und dem Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach wusste Personalleiter Otmar Hahn zu berichten.

Statt des verhinderten Geschäftsführers des Evangelischen Krankenhauses Sebastian Haeger, war Personalleiter Otmar Hahn unter den Gratulanten und Gratulantinnen und erinnerte zunächst daran, dass das Jahr 1777 auch weltgeschichtlich betrachtet ein sehr ereignisreiches Jahr war. Die Gnadenkirche am Fuße des Quirlsbergs verglich er mit einer „Quelle lebendigen Wassers, die bis heute sprudelt und in diesem Falle auch bergauf fließt“. Bis 1970 war die Klinik Teil der Evangelischen Kirchengemeinde und bis heute stehen dieser zwei Sitze im Aufsichtsrat zu. Dort geschähen „Werke der christlichen Nächstenliebe“ – in Verbindung mit modernster Medizin. Zudem sei der Gesundheitscampus auf dem Quirlsberg „ein Ort der Ausbildung und der pädagogischen Begleitung“, mit „einem Auftrag, der über das eigene Interesse hinausgeht“. Eine Mitarbeiterin habe dies einmal in die Worte gefasst: „Wir helfen, das Leben schöner zu gestalten.“

Als „Botschafterin“ der benachbarten Kirchengemeinde Altenberg/ Schildgen war Presbyterin Andrea Grafenschäfer angereist. Sie fragte sich: „Wovon würden wohl die Mauern berichten, die Zeuge so vieler menschlicher Schicksale waren, so viel gesehen und erlebt haben?“ Für die Zukunft wünschte sie der Gemeinde „Offenheit für das Füreinander und Miteinander“.

Bevor die Gäste sich ganz dem Fingerfood widmen durften, hatten noch die Delegierten aus den beiden Partnergemeinden Bourgoin Jallieu (Frankreich) und dem Kirchensprengel Lugau, Eichholz, Fischwasser (Brandenburg), das Wort und wenn es stimmt, dass Martin Luther gesagt hat: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, ich würde heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, dann könnte es wohl kaum ein passenderes und hoffnungsvolleres Geburtstagsgeschenk geben als ein Bäumchen einer uralten Apfelsorte aus der Niederlausitz.

Text: Priska Mielke
Foto(s): Priska Mielke

Der Beitrag Diaspora als Chance: 250 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Bergisch Gladbach erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.