„Die, die hassen, definieren nicht, wer wir sind“ – Queerer Gottesdienst nach Anschlag auf Berliner CSD

„Die, die hassen, die, die verletzen, ja, die, die töten, definieren nicht, wer wir sind, nicht unser Sein, nicht unsere Liebe.“ Mit diesen Worten setzte Lisa Kluge am Sonntagabend im queeren Gottesdienst in der St. Johannes-Kirche in Köln-Deutz ein deutliches Zeichen gegen Hass und Menschenverachtung. Nach dem tödlichen Anschlag beim Christopher Street Day (CSD) in Berlin kamen so viele Menschen, dass die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt war. Immer wieder mussten zusätzliche Stühle aufgestellt werden, damit alle Besucherinnen und Besucher am Gottesdienst teilnehmen konnten.

Vikarin Lisa Kluge

Die Vikarin leitete den Gottesdienst als Urlaubsvertretung für Pfarrer Tim Lahr, Leiter der Queeren Kirche Köln, der sich zum Zeitpunkt des Anschlags in Berlin befand. Bereits zu Beginn machte Lisa Kluge deutlich, wie sehr die Ereignisse den ursprünglich geplanten Gottesdienst verändert hatten. Eigentlich habe der Abend unter dem Thema „Queer Joy“ – der Freude über queeres Leben, Lieben und Gemeinschaft – stehen sollen. Stattdessen standen Trauer, Wut und Fassungslosigkeit im Mittelpunkt.

„Ich bin so unfassbar wütend, dass ich diesen Satz umformulieren muss. Wir denken an alle Queers in Berlin und drumherum, an Verwundete und Verletzte, an eine Verstorbene, an Hinterbliebene. Dieser Gottesdienst soll uns allen Raum sein. Für alles ist Platz. Für die Wut. Für die Leere. Für die Angst. Für die Verzweiflung.“

Im Votum sprach Kluge von einem Gott, der Leid und Schmerz nicht fernbleibt: „Ich glaube, dass Gott mitleidet, mitwütend ist, mitschreit, dass Gott auf der Seite derer ist, die lieben und frei sein wollen.“ Zugleich erinnerte sie daran, dass die queere Community seit jeher von gegenseitiger Fürsorge und Solidarität getragen werde.

In ihrer Predigt sprach Lisa Kluge über die alltägliche Wachsamkeit, mit der viele queere Menschen leben müssen – von Sicherheitsfragen bei Veranstaltungen bis hin zur Sorge auf dem Heimweg. Sie berichtete von Gesprächen über Sicherheitskonzepte, von Hasskommentaren und persönlichen Erfahrungen mit Gegendemonstrationen vor queeren Veranstaltungen. „Jede queere Person kennt das. Die Wachsamkeit, die unterschwellige, aber doch spürbare Wachsamkeit. Die Sorge, das Aufatmen, wenn alle sicher heimgekommen sind.“

Dem ursprünglich geplanten Thema „Queer Joy“ stellte sie den Begriff „Queer Grief“ gegenüber – die gemeinsame Trauer einer Gemeinschaft, die immer wieder Gewalt erlebt. „Queer Grief ist mehr als nur individuelle Trauer. Es ist die Trauer um all die Queers, die nicht sie sein durften, die sich verstecken mussten und die sich weiter verstecken.“ Diese Trauer gelte den Opfern von Berlin ebenso wie all jenen, die wegen ihrer Identität Angst erleben oder Gewalt erfahren. Gleichzeitig blieb die Predigt nicht bei der Trauer stehen. Lisa Kluge erinnerte an die Solidarität, die unmittelbar nach dem Anschlag spürbar geworden war – an Nachrichten mit der Frage „Bist du okay?“, an Menschen, die füreinander da waren und sich gegenseitig stärkten.

„In all dem Hass, der Wut, der Gewalt erschöpft sich unsere Geschichte nicht. Nicht mal annähernd. Unsere Geschichte ist eine andere. Eine der gegenseitigen Fürsorge, eine des Ermutigens.“ Mit diesen Worten leitete sie zum Ausblick ihrer Predigt über und richtete den Blick auf Hoffnung und Zusammenhalt: „Unsere Geschichte ist eine andere. Unser Traum, unsere Vision, unser Sein sind bunt, laut, kämpferisch, zärtlich, radikal, schön, frei und wild. Diese Schönheit. Diese Freiheit. Diese Liebe, diese Fürsorgemeinschaft ist unverwüstlich.“

Einen besonders bewegenden Moment bildete die Schweigeminute für die Opfer des Anschlags in Berlin. Die Gemeinde erhob sich von ihren Plätzen und gedachte der getöteten Person sowie der zahlreichen Verletzten. Im Anschluss entzündeten viele Besucherinnen und Besucher Kerzen und brachten so ihre Trauer, ihre Solidarität, ihre Bitten und ihre Hoffnung zum Ausdruck. Die Fürbitten galten den Hinterbliebenen, den Verletzten, allen Betroffenen von Hass und Gewalt sowie den Einsatzkräften, Seelsorgenden und Helfenden. Mitarbeitende der Queeren Seelsorge und des Awareness-Teams standen vor und nach dem Gottesdienst für Gespräche zur Verfügung.

Musikalisch wurde der Gottesdienst von Hannah Böß und dem Queeren Kirchenchor gestaltet. Taizé-Gesänge, moderne Kirchenmusik und gemeinsame Gebete verliehen dem Abend einen tröstenden und zugleich hoffnungsvollen Charakter. Bereits zu Beginn hatte Lisa Kluge die Besucherinnen und Besucher eingeladen, sich gegenseitig Halt zu geben: „Nehmt euch den Raum, den ihr braucht. Nehmt euch in den Arm. Lasst die Tränen laufen.“

Mit dem bis auf den letzten Platz gefüllten Gottesdienst setzte die Queere Kirche Köln gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Köln und Region ein sichtbares Zeichen der Solidarität mit den Opfern des Anschlags in Berlin und mit der queeren Community. Die große Resonanz machte deutlich, wie groß das Bedürfnis vieler Menschen war, ihrer Trauer gemeinsam Ausdruck zu verleihen und zugleich Hoffnung und Zusammenhalt zu stärken.

Text: APK
Foto(s): APK

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