„Doch der Segen kommt von oben“: Gründung des Kirchenkreises Köln-Linksrheinisch mit „Lied von der Glocke“ gefeiert
Einen wahren musikalischen Schatz hat Thomas Pehlken, Kreiskantor des neuen Kirchenkreises Köln-Linksrheinisch, da ausgegraben: Andreas Rombergs (1767 bis 1821) „Lied von der Glocke“ (op. 25). Die Vertonung der Schiller-Ballade für Chor, Orchester und Solisten aus dem Jahr 1808 wurde weit über 100 Jahre regelmäßig aufgeführt, geriet allerdings in den 1930er Jahren allmählich in Vergessenheit. Für das Festkonzert zur Gründung des Kirchenkreises Köln-Linksrheinisch in der Trinitatiskirche haben die Kreiskantorei Köln-Linksrheinisch, das Neue Rheinische Kammerorchester sowie Elisabeth Menke (Sopran), Sita Grabbe (Alt), Henning Jendritza (Tenor), Norbert Kessler (Bass) und Johannes Hill (Bass) als Solisten das Werk zum Leben erweckt – und wie!

„Es ist ein Segen auf diesem Konzert“, begrüßte Markus Zimmermann, Vorsitzender des Bevollmächtigtenausschusses des Kirchenkreises Köln-Linksrheinisch, nach der musikalischen Einstimmung durch eine von Thomas Pehlken für Chor und Orchester gesetzte Fassung von „Jauchzt alle Lande“ die Gäste in der Trinitatiskirche und hob zunächst die Teamarbeit der drei Kreiskantoren Thomas Pehlken, Samuel Dobernecker und Johannes Quack hervor. Das ausgewählte Stück sei ein wenig wie der neue Kirchenkreis: „außergewöhnlich, aber sehr profiliert“. Markus Zimmermann ging auf die allegorische Struktur der zugrunde liegenden Schiller-Ballade ein: Von den über 430 Versen beschreibe die Hälfte den Glockenguss, die Hälfte das menschliche Leben. Viele Redewendungen seien noch heute lebendig (z. B. „das Auge des Gesetzes“, „Wo rohe Kräfte sinnlos walten“ oder „Er zählt die Häupter seiner Lieben“). Die Ballade sei „Volksdichtung im besten Sinne“. Doch das „Lied von der Glocke“ schlage auch eine „Brücke zwischen weltlicher und geistlicher Poesie“. So diene der Prozess des Glockengusses auch als Anspielung auf die Auferstehung. Zudem bringe es die ebenso zeitlos-menschliche wie aktuelle Sehnsucht nach Frieden zum Ausdruck, lautet doch die letzte Zeile – im Gedicht wie in der Vertonung: „Friede sei ihr erst Geläute!“
Der Kreiskantorei Köln-Linksrheinisch, die für ihre Konzertprojekte Sängerinnen und Sänger aus verschiedenen Kölner Kantoreien vereint, war die Freude an dem achtteiligen, musikalisch an ein Singspiel erinnernden Werk anzumerken, das Solisten, Chor und Orchester sehr ausgewogen zur Geltung bringt, und immer wieder nutzte der Chor jene Möglichkeiten der dynamischen Gestaltung, die Romberg in seiner Komposition angelegt hat: von höchster Dramatik bis zum zartesten Piano, von der tänzerischen Lebhaftigkeit des ländlichen Festes zur gravitätischen Schwere der Trauer, bis hin zum geheimnisvollen Dunkel der Nacht. Dennoch versuchte die Musik hier niemals, der Textvorlage den Rang streitig zu machen, sondern sie verlieh der Wirkmacht der Dichtung vielmehr eine zusätzliche erzählerische Dimension. Beeindruckend war auch die Leistung von Johannes Hill, der den „Meister“ mit souveräner Bühnenpräsenz und musikalischen Führungsqualitäten glaubhaft verkörperte, ganz so wie Schiller es sich in einem Brief kurz vor seinem Tod gewünscht hatte: „Dem Meister Glockengießer muss ein kräftiger, biederer Charakter gegeben werden, der das Ganze trägt und zusammenhält.“
Der 1. (und längste) Teil gab jener Tatkraft und Schaffensfreude musikalisch Ausdruck, die für den Dichter, im Verbund mit dem göttlichen Segen, am Anfang jeden großen Werkes steht. Schiller thematisierte in seiner Ballade jedoch auch das Risiko des Glockengusses („Wenn der Guss misslang?/ Wenn die Form zersprang?“): Es geht um alles oder nichts!

In einem Sopransolo, berührend interpretiert von Elisabeth Menke, wurde die Glocke, die zur Taufe läutet, als Zeugin der zärtlichen Verbindung zwischen Mutter und Kind aufgerufen. Die Hochzeit ist wohl der schönste Anlass, bei dem Glocken zum Einsatz kommen. Ein inniges Duett zwischen Sopran und Tenor („O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen“) ließ beinahe vergessen, dass es nicht zuletzt die darin transportierten Geschlechterklischees („Und drinnen waltet/ Die züchtige Hausfrau“) waren, die Schillers Ballade mittlerweile fast vollständig aus dem Deutschunterricht verschwinden ließen.
Das Abkühlen der Glocke bot Gelegenheit zur Muße und ließ Raum für die „schönen Dinge des Lebens“, zum Tanzen und Feiern – sozusagen „Work-Life-Balance avant la lettre“: „Bis die Glocke sich verkühlet/ Lasst die strenge Arbeit ruhn,/ Wie im Laub der Vogel spielet/ Mag sich jeder gütlich thun.“ Der 5. Teil, überschrieben mit „Holder Friede“, stellte den Gedanken eines friedlichen Miteinanders in den Fokus. Solisten und Chor setzten musikalisch um, was für die Verwirklichung dieser Utopie unerlässlich ist: ein intensives Aufeinanderhören.
Wenn das Glockengehäuse seine Funktion erfüllt hat, muss es zerschlagen werden. Dieser technisch heikle Vorgang wird bei Schiller – und musikalisch bei Romberg – zu einer Allegorie der Auferstehung. Der 7. Teil nahm die Zuhörenden mit zur feierlichen Glockenweihe und der Name des schwergewichtigen Klangkörpers ist noch heute Wunsch und Verpflichtung zugleich: Concordia. Durch ihre „erhabene Position“ im Glockenturm stellt die Glocke eine Verbindung zwischen Himmel und Erde her, ist im Wortsinn eine „Stimme von oben“. Sie stimmt ein in das Lob der Schöpfung. Doch auch am Lebensende ist die Glocke bei Schiller eine treue, aber unerbittliche Begleiterin: „Dem Schicksal leihe sie die Zunge,/ Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,/ Begleite sie mit ihrem Schwunge/ Des Lebens wechselvolles Spiel.“ Der verhallende Glockenklang gemahnt daran, „dass alles Irdische verhallt.“
Im letzten Teil wird die fertige Glocke endlich in die Höhe gezogen, ein wahrer Kraftakt, den Romberg im Jubel des Chores enden lässt („Freude dieser Stadt bedeute“). Im Konzert wurden die letzten Takte von zugespielten Glockenklängen begleitet und die Freude verklang mit dem Läuten der (aus harmonischen Gründen auf F gesetzten) „Papstglocke“ von St. Aposteln.
Text: Priska Mielke
Foto(s): Priska Mielke
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