„Für viele im Veedel ist das Café Lichtblick ein zweites Zuhause“

An einem unscheinbaren Bäumchen im Café Lichtblick hängen kleine Zettel. Wer genauer hinschaut, versteht schnell, was es damit auf sich hat: Menschen, die etwas übrig haben, spendieren damit anderen ein Frühstück, einen Kaffee, ein Ei oder ein Eis. Wer einen Zettel abnimmt, geht damit einfach zum Tresen – und bekommt, was draufsteht. Kein Antrag, kein Formular, keine peinliche Nachfrage. Solidarität, ganz ohne Bürokratie. Dieser sogenannte Sponsorenbaum ist vielleicht das schönste Symbol für das, was das Café Lichtblick an der Gisbertstraße 98 in Köln-Mülheim seit drei Jahrzehnten ausmacht.

Dreißig Jahre – das ist eine lange Zeit für ein Projekt, das einst in einem ehemaligen Supermarkt begann. 1996 haben die evangelische Brückenschlag-Gemeinde und die katholische Pfarrgemeinde St. Hubertus und St. Mariä Geburt das ökumenische Café gemeinsam aus der Taufe gehoben. Rechtlich und finanziell liegt die Verantwortung bei der evangelischen Gemeinde, die auch Eigentümerin des Ladenlokals ist. Dass zwei Konfessionen an einem Strang ziehen, ist bis heute kein Selbstläufer – hier aber funktioniert es, und zwar seit einer Generation.

Mer dun et för de Lück“

Das erklärte Ziel war von Beginn an, Kirche nicht in den vier Wänden des Gotteshauses einzumauern, sondern mitten ins Veedel zu tragen. „Einen Ort der Begegnung für Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten bieten und damit Kirche in den Alltag bringen“ – so steht es in der Selbstbeschreibung des Projekts. Mission und Diakonie also, Glauben weitergeben und den Nächsten dienen. Klingt nach Sonntagspredigt, ist hier aber gelebter Alltag. Beim diesjährigen Veedelszug brachte die Fußgruppe des Cafés die Botschaft auf einen eingängigen Nenner: „Mer dun et för de Lück.“ Klarer geht es kaum.

Das Café Lichtblick an der Gisbertstraße 98 in Köln-Mülheim.
Das Café Lichtblick an der Gisbertstraße 98 in Köln-Mülheim.

Birte Kathage leitet das Café Lichtblick seit Mai 2025. Sie ist die Frau, die den Laden am Laufen hält – zusammen mit vier Minijobberinnen und Minijobbern und sage und schreibe 44 Ehrenamtlichen. Die sind zwischen 14 und 80 Jahre alt, was schon für sich genommen bemerkenswert ist. Für Kathage ist der diakonische Ansatz das Herzstück des Hauses: „Dafür stehen zum Beispiel unsere Kleiderkammer und der Secondhand-Laden.“ Im Keller befinden sich meterlange Ständer und Regale voller Kleidung – gegen eine kleine Spende kann sich dort jeder bedienen, der etwas braucht.

Das Herzstück bleibt aber das Café selbst. Frühstück gibt es dort von morgens bis abends, für kleines Geld – was im Kölner Gastronomieumfeld schon fast revolutionär anmutet. Dazu Kuchen, warme und kalte alkoholfreie Getränke sowie Produkte aus fairem Handel: Kaffee, Schokolade, Honig und mehr. Wer Bücher mag, wird ebenfalls fündig: Im kleinen Buchladen lassen sich neue Titel bestellen und zeitnah abholen, sogar E-Books sind im Angebot. Man bezahlt bar oder per EC-Karte und bekommt den Download-Link per Mail. Secondhand-Bücher gibt es auch – deren Preis richtet sich nach ihrer Dicke, gemessen in Zentimetern. Eine charmante Idee. Gut für Lesenden, dass die Autoren und Autorinnen so nicht bezahlt werden.

Das Programm geht weit über Kaffee und Kuchen hinaus. Lesungen gehören seit den Anfangstagen dazu, Informationsabende zu Themen wie Pflege sind fester Bestandteil des Angebots, Sozialberatung inklusive. 25 Frauen und Männer treffen sich einmal im Monat zum offenen Singen. Mittwochs wird Spanisch gelehrt. Es gibt Spielenachmittage, einen Strickkreis und einmal im Monat eine Computer-Sprechstunde für alle, die mit der digitalen Welt noch ein wenig fremdeln.

Hilde Kuck ist von Anfang an dabei – ehrenamtlich, versteht sich. Sie erinnert sich an eine Familie, die unlängst zu Besuch war: die 90-jährige Oma, ihre Tochter, deren Sohn und dessen Tochter. Vier Generationen unter einem Dach, in einem Café im Veedel. Das sagt mehr über das Lichtblick als jede Jubiläumsbroschüre. „Für viele im Veedel ist das Café Lichtblick ein zweites Zuhause“, sagt Birte Kathage. Hilde Kucks Geschichte ist der Beweis.

Was sich die Leiterin für die nächsten Jahre wünscht? Mehr Mitstreiter, vor allem jüngere. „Ich würde mich freuen, wenn wir das Team auf eine noch breitere Basis stellen könnten.“

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann

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