Gewalt gegen wohnungslose Menschen – Diakonie Köln und Melanchthon-Akademie im Dialog
Ein Fotoprojekt der Diakonie Köln und Region, künstlerisch begleitet durch die Melanchthon-Akademie, war der Grundstein für eine gemeinschaftliche Bildungsarbeit, die das Thema Wohnungslosigkeit im Fokus hat. Regelmäßig einmal pro Jahr findet nun eine Veranstaltung beider Partner statt. 2025 ging es im Haus der Kirche um „Wohnungslosigkeit und Gesundheit“. In diesem Jahr lag in den Räumen in der Kartäusergasse der Schwerpunkt auf dem Thema „Gewalt gegen wohnungslose Menschen“. Das Diakoniehaus Salierring, das noch bis zum September Empfänger der Diakoniespende des Kirchenverbandes Köln und Region ist, ist Standort der Wohnungsnotfallhilfe. Fachdienstleiter Michael Lampa freute sich, dass in diesem Jahr zum ersten Mal auch die Diakonie Michaelshoven als weiterer Kooperationspartner mit an Bord war.
Aus Berlin angereist war Referent Paul Neupert von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, dort seit 2017 zuständig für Dokumentation und Statistik, Wohnen, Gewalt, Housing First. Er gab nach der Begrüßung durch Stefan Hößl von der Melanchthon-Akademie einen Überblick über Ausmaß, Motive und Möglichkeiten zur Intervention.
Gewalt gegen wohnungslose Menschen
Dass Gewalt gegen obdachlose oder wohnungslose Menschen zum Alltag geworden ist – darüber war er sich mit den Gästen und Teilnehmenden aus Köln einig. Er definierte zwei Tätergruppen: wohnungslose Menschen selbst, oft Einzeltäter mit einer Beziehung zum Opfer, und nicht Wohnungslose. Hier seien es relativ häufig jüngere Männer in der Gruppe, die „ad hoc-Taten“ begehen würden, ohne eine irgendwie geartete Beziehung zum Opfer zu haben. Eine Gemeinsamkeit beider Gruppen: der oft starke Alkoholkonsum.
Gefragt, ob die Teilnehmenden das Gefühl hätten, die Gewalt habe zugenommen, stimmten viele zu. Statistisch belegt werden könne dieser Eindruck allerdings nicht, erläuterte Paul Neupert, denn derzeit gibt es keine belastbaren empirischen Beweise für diese Annahme. Was aber gesagt werden kann: Die Wahrscheinlichkeit, als obdachloser Mensch an Gewalt zu sterben, liege 50 Prozent höher als bei Menschen mit einer Wohnung. „Je mehr ein Mensch dem Klischee des Obdachlosen entspricht, desto extremer ist die Gefahr, dass er angegriffen wird.“ Schutzfaktoren seien ein Hund als Begleitung, sich in einer Gruppe zu bewegen oder eine Änderung der Gewohnheiten. Viel zu wenige Opfer von Angriffen zeigen diese an. „Das liegt unter anderem daran, dass Racheakte befürchtet werden“, so der Referent. Auch das Thema „Hate Crime“ betrifft Menschen, die auf der Straße leben. Diese Taten basieren auf Vorurteilen, sollen Signalwirkung auf die gesamte soziale Gruppe, in diesem Fall Obdachlose, haben und provozieren Nachahmer, ebenfalls Gewalt auszuüben.
Forderungen und Präventionsansätze
Forderungen, die Neupert formulierte: sozialen Wohnraum schaffen. Unterkünfte für Obdachlose sollten menschenwürdig sein, die Verdrängungspraktiken aus den Stadtzentren müssten aufhören. Präventionsarbeit mit Jugendlichen müsse intensiviert werden.
Erfahrungen aus der Praxis
In der anschließenden, von Maja Schumacher und Michael Lampa moderierten Diskussion berichteten Gökan Kuşcu, der Stadtrundgänge zu Orten wohnungsloser Menschen anbietet und damit Öffentlichkeit für diese Lebensrealität schafft, Streetworker Khaled Jebbari und Ilse Kramer, die sich in der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen engagiert, von ihren Erfahrungen. Sie waren sich mit den teilnehmenden Streetworkern einig, dass der Ton in der Gesellschaft insgesamt rauer geworden ist. So beschrieb eine Streetworkerin, dass es eine Drohung gegeben habe, einen Obdachlosen anzuzünden, wenn er sich nicht einen anderen Platz suche. Ilse Kramer monierte abgebaute Bänke und geschlossene U-Bahnzugänge: „Rückzugsorte fehlen überall.“ Khaled Jebbari beobachtet zunehmend Vertreibungen durch private Sicherheitskräfte. Und Gökhan Kuşcu gab zu, dass er seine Runden nicht mehr ohne weitere Person dreht: „Es ist mittlerweile normal, angespuckt oder beleidigt zu werden.“ Ein weiterer Streetworker berichtete, er sei mit den Worten konfrontiert worden: „Bitte bringt die Leute weg. Ich will das Elend nicht mehr sehen müssen.“ „Dieser Ton macht auch uns Angst, weil wir nicht mehr wissen, wie wir die Leute schützen sollen.“ Die Geduld der Bürger kippe gerade, während die wohnungslosen Menschen das Gefühl haben, gar nicht mehr am Leben teilhaben zu können. Und Ilse Kramer appellierte entsprechend an alle, die helfen möchten: „Schaut, was der Mensch braucht. Unterstützung darf nicht zu den Bedingungen des Helfenden passieren.“
Michael Lampa von der Wohnungslosenhilfe der Diakonie erklärte zum Schluss, dieser Austausch sei ungemein wichtig, und lud dazu ein, sich zu vernetzen, wozu nach dem Workshop dann auch noch bei Gesprächen Gelegenheit war.
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Ev. Kirchenverband Köln und Region
Stichwort: Diakoniehaus Salierring
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Text: Katja Pohl
Foto(s): Matthias Pohl
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