„Hass ist keine Alternative“: Köln setzt starkes Zeichen für Demokratie und Vielfalt
Der Heumarkt war zu klein: Tausende demonstrierten nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt für eine vielgestaltige Gesellschaft. „In unseren Geschichtsbüchern ist kein Platz für Wiederholungen“, „Es ist fünf vor 33“, „Hass ist keine Alternative“ – mit Plakaten machten die Menschen am Dienstag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt ihrer Angst und Wut auf dem Kölner Heumarkt Luft. Sie waren dem spontanen Aufruf des Bündnisses „Köln stellt sich quer“ (KSSQ) gefolgt, um für eine vielgestaltige Gesellschaft zu demonstrieren. Schon kurz nach Veranstaltungsbeginn um 17 Uhr war der Heumarkt zu klein für die weiter auf den Platz strömenden Menschen, sie standen dicht gedrängt auf der gesamten Platzfläche, hinter der Bühne und bis in die Seitenstraßen hinein. Angemeldet waren zur Demonstration 5000 Teilnehmende, gekommen waren laut Auskunft der Polizei aber „einige tausend Menschen mehr“.

Unter dem Leitgedanken „Keine Rechtsextremisten an die Macht“ waren Mitglieder unterschiedlichster zivilgesellschaftlicher Initiativen und Vereinigungen, demokratischer Parteien, der katholischen und evangelischen Kirchen sowie weiterer Religionsgemeinschaften dabei, darunter tausende junge Menschen. Viele forderten mit Blick auf die hohe Prozentzahl der Stimmen, die die AfD am 6. September in der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bekommen hatte, ein „AfD-Verbot jetzt“, ein Kölner mahnte eindringlich: „Nein, et es nit immer jot jejange“.
„Eine Partei, die die Demokratie bekämpft, bekommt in einer demokratischen Wahl mit großem Abstand die meisten Stimmen. Das ist unerträglich“, sagte Brigitta von Bülow, KSSQ-Sprecherin und Kölner Bürgermeisterin, unter großem Beifall der Demonstrierenden. „Wir stehen hier für eine stabile Brandmauer gegen die AfD in der Zivilgesellschaft, in den Landesparlamenten und im Kölner Rat. Es darf keinen Kuschelkurs mit der AfD geben, auch keine schleichende Gewöhnung im Umgang mit ihr.“ Köln sei keine Insel der Glückseligen, auch hier müsse man aktiv und wachsam bleiben, „auch wir sind nicht immun gegen demokratiefeindliche Entwicklungen“, so von Bülow (Bündnis 90/Die Grünen). „Wir wollen und müssen dafür sorgen, dass Nordrhein-Westfalen bei der Landtagswahl 2027 zum Bollwerk gegen die AfD wird“, spannte Bündnis-Sprecher Reiner Hammelrath (SPD) den Bogen noch weiter.
Wie Menschen im Alltag dazu beitragen können, Vielfalt und Mitmenschlichkeit in unserer Gesellschaft zu erhalten, zeigte Kerstin Herrenbrück, Pfarrerin und Bündnis-Sprecherin, auf. „Die Idee von irgendeiner Form der Exklusivität ist mir so fremd wie unerträglich“, sagte sie mit Blick auf prägende Erfahrungen und ihren Familien- und Freundeskreis. „Mein Leben erzählt von Vielfalt, von Toleranz, von Interesse an dem, was anders ist, vom Einstehen für die, die es in unserer Gesellschaft schwer haben. Genau dafür möchte ich einstehen. Und genau dafür steht die Evangelische Kirche in Köln und Region ein. Das ist nicht verhandelbar, weil es gelebter Ausdruck unserer christlichen Grundwerte ist.“
Laut sein für Nächstenliebe, für Demokratie, für Menschenwürde
Nach der kurzen Schockstarre am Sonntagabend sei der Montag ein Tag zum Weiteratmen gewesen. „Und heute ist der Tag, wieder laut zu sein für Nächstenliebe, für Demokratie, für Menschenwürde, für Freundlichkeit gegenüber all dem, was einem oder einer fremd ist“, sagte die Pfarrerin unter großem Beifall der Demonstrierenden. Dazu zählten auch die Kölnerinnen Silke H. und Claudia A. „Wir waren erschüttert, wie hoch der Stimmenanteil der AfD ausgefallen ist. Das darf bei uns auf keinen Fall passieren. Köln ist eine bunte, offene Stadt, und das muss genauso bleiben“, sagte Silke H. Mit Plakaten, die ihre Kinder gemalt hatten, waren beide spontan nach der Arbeit zur Demo gekommen.
Es sei eine Selbstverständlichkeit für die Kölner Katholiken, hier heute zu stehen und ein Zeichen zu setzen „für Demokratie, Menschenwürde und Vielfalt in unserer Stadt“, sagte Peter Krücker, einer der Sprecher des Kölner Katholikenausschusses. Dazu habe sich auch die gesamte katholische Kirche bekannt. „2024 hat die Deutsche Bischofskonferenz eindeutig und einstimmig beschlossen, dass es keine Verbindungen der Kirche zur AfD geben darf. Es gibt einen klaren Unvereinbarkeitsbeschluss: Mitglieder und Anhänger der AfD haben in der katholischen Kirche nichts zu suchen und werden aus Gremien ausgeschlossen“, sagte Krücker. Und: „Was die katholische Kirche ist und lebt, ist das Engagement der Verbände, der Krankenhäuser, der Caritas für sozial benachteiligte, für geflüchtete Menschen in dieser Stadt.“
Ebenso wie die „Omas gegen Rechts“ kamen auf der Bühne auch die „Studis gegen Rechts“ zu Wort. Schüler-Sprecherin Marie Hacker erinnerte daran, dass auch junge Menschen rechtsextrem wählen, weil sie sich mit ihren Anliegen und Problemen in der Politik nicht vertreten fühlen. Die Politik müsse auf junge Menschen zugehen und ihnen unbedingt mehr Mitwirkung ermöglichen.

Marie Knäpper vom Bündnis „Arsch Huh“ bat um einen Moment der Stille, „um die vielen Menschen zu würdigen, die in Sachsen-Anhalt im Vorfeld der Wahl für eine offene, pluralistische Gesellschaft gekämpft haben, die von Haustür zu Haustür gegangen sind, die bedroht und beschimpft wurden und die sich nicht haben entmutigen lassen“. Mit konzentrierter und solidarischer Stille kamen die Menschen auf dem Platz ihrer Bitte nach.
„Ich glaube, wir alle wünschen uns eine Politik, die allen Menschen dient, unabhängig von Einkommen, Geschlecht oder Herkunft. Politik, die Würde, Sicherheit und Teilhabe nicht nur verspricht, sondern spürbar macht“, so Knäpper weiter. Soziale Unsicherheit und die Angst vor dem Abstieg dürfe man nicht den Rechtsextremisten überlassen, denn ihre Politik verschärft diese Probleme nur. „Die Zivilgesellschaft ist da, sie ist bereit und will weitermachen. Aber sie kann nicht dauerhaft auffangen, was Politik versäumt hat“, sagte sie. „Unser Appell auch an die Bundesregierung, an politische Akteure, die in der Verantwortung stehen: Kommt auf uns zu, hört uns zu, fragt die Menschen, was sie brauchen. Wir machen Angebote, wir machen weiter! Arschhuh, Zäng ussenander!“
Neben anderen Musikern gestaltete auch Stephan Brings die Protestveranstaltung mit; nach dem Demonstrationszug zum Neumarkt und zurück zum Heumarkt spielte er bei der Abschlusskundgebung. Die Menschen seien auch zusammengekommen, um ein unübersehbares Signal der Solidarität nach Sachsen-Anhalt und in die gesamte Republik zu senden, so die Bilanz des Bündnisses „Köln stellt sich quer“. „Köln steht für Vielfalt, Zusammenhalt und den Schutz unserer demokratischen Werte – und bleibt stabil!“
Pfarrerin Kerstin Herrenbrück brachte das bewegend zum Ausdruck, indem sie die Botschaft einer Pfarrerin aus Sachsen-Anhalt zitierte, die ihr unmittelbar nach der Wahl geschrieben hatte. „Wir sind nicht mutlos. Wir haben Herz-Mut. Wir sind da und wir haben uns, weil wir einander stärken und uns verbunden wissen. Gemeinsam sind wir stark – und stärker als die, die unsere Grundwerte mit Füßen treten. Lasst uns zusammenhalten. Jetzt erst recht.“
Text: Gabi Bossler
Foto(s): Gabi Bossler
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