„Kirche kann nur ökumenisch sein“: Stadtsuperintendent Bernhard Seiger zieht Bilanz bei Sommergespräch

Der Stadtsuperintendent zieht um. Klingt banal, hat aber weitreichende Folgen für den Evangelischen Kirchenverband Köln und Region. Bernhard Seiger verlagert seinen Lebensmittelpunkt nach Solingen und gibt seine Ämter als Stadtsuperintendent, Mitglied des Bevollmächtigtenausschusses für den Kirchenkreis Köln-Linksrheinisch und Pfarrer in Bayenthal/Marienburg Ende des Jahres auf. 30 Jahre war er Pfarrer in den beiden Veedeln, 2008 wurde er zum Superintendenten des damaligen Kirchenkreises Köln-Süd gewählt, 2019 zum Stadtsuperintendenten. „Es ist genug“, sagte er beim Sommergespräch mit Kölner Journalisten im Garten hinter dem Refektorium im Haus der Evangelischen Kirche. „Ich habe sehr oft den Dienst vor das Private gestellt. Häufig zum Leidwesen meiner Frau. Das wird sich ändern.“ Die Seigers ziehen nach Solingen. Der Stadtsuperintendent hat dort familiäre Wurzeln. Er freut sich darauf, in der Schreinerei seiner Vorfahren ein wenig zu werkeln. Zum Beispiel an einer uralten Bandsäge, die immer noch funktioniert. Wandern und Radfahren steht nach dem Jahreswechsel verstärkt auf dem Programm. Und Joggen mit Zielvorgabe: „Fünf Kilo leichter.“ Weiterhin interessieren werden ihn die Iona-Bewegung und kirchengeschichtliche Themen. Chorgesang steht auf der Liste der Hobbys, die wieder aufleben. Seine Frau Christine hat Seiger im Chor kennengelernt. „Sie sehen, ich gebe Solingen eine echte Chance.“

Wirken in Köln

Seiger wurde am 26. September 1963 in Vorst bei Krefeld geboren und machte 1982 in Leverkusen sein Abitur. In jenen Jahren entdeckte er seine Liebe zum Fußball und wurde leidenschaftlicher Anhänger von Bayer Leverkusen. Als der Club 2024 die Meisterschaft gewann, erschien der Stadtsuperintendent am Tag darauf im Trikot im Büro. Seiger studierte in Bonn, Tübingen und Durham in den USA. Die zwei theologischen Examina legte er bei der Evangelischen Kirche im Rheinland ab. 1995 promovierte er an der Universität Bonn zu dem Thema „Versöhnung – Gabe und Aufgabe“.

Im Rückblick auf sein Wirken in Köln steht natürlich der Campus Kartause an erster Stelle. Den Bau des imposanten Gebäudeensembles am Kartäuserwall hat der Stadtsuperintendent maßgeblich unterstützt. Im nächsten Jahr ziehen dort die Bildungseinrichtungen des Kirchenverbandes ein. Zudem werden öffentlich geförderter und frei finanzierter Wohnraum sowie Studierendenwohnungen bereitgehalten. Ein Veranstaltungssaal wird auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. „Der Campus Kartause ist ein Leuchtturm in einer Zeit, in der wir schrumpfen“, sagt Seiger und verweist auf weitere evangelische Orte, die Strahlkraft haben, etwa die neue Erlöserkirche in Weidenpesch, die Christuskirche im Belgischen Viertel und die sanierte Stadtkirche in Chorweiler.

Zur Eröffnung des Campus Kartause haben Präses Torsten Latzel und Stadtdechant Robert Kleine ihr Kommen zugesagt. Mit dem ist Seiger per Du. Kein Wunder, liegt ihm die geschwisterliche Nähe zu den Katholikinnen und Katholiken sehr am Herzen. „Kirche kann nur ökumenisch sein“, stellt er fest. Gemeinsam mit den Katholikinnen und Katholiken habe man eine ökumenische Karte entwickelt, auf der die Kirchorte eingetragen wurden. „Unser gemeinsames Ziel ist, dass in Zukunft in jedem Veedel mindestens eine christliche Kirche steht“, sagt Seiger. In Erinnerung geblieben ist auch der ökumenische Schweigegang, zu dem er und Robert Kleine nach dem Überfall der Hamas auf Israel aufgerufen hatten. „Die evangelische Kirche steht immer auf der Seite ihrer jüdischen Geschwister.“

Unvergesslich für den Stadtsuperintendenten ist das Reformationsjubiläum 2017 mit dem wunderbaren Konzert in der Philharmonie, bei dem Mendelssohns „Lobgesang“ aufgeführt wurde, und der Gottesdienst mit Präses Rekowski und Kardinal Rainer Maria Woelki im Altenberger Dom. Die Abgrenzung zu den Katholikinnen und Katholiken bei den alljährlichen Reformationsfeiern gehöre schon lange der Vergangenheit. Katholische Gäste seien immer willkommen und in großer Zahl vertreten. Seiger lobte die interreligiös verbindende Kraft, die von dem Rat der Religionen in Köln ausgehe. „Wir haben dort ein festes Format, in dem wir sehr konstruktive Gespräche führen.“

Vor 20 Jahren wurde in Köln auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters die Kölner Friedensverpflichtung der Religionen unterschrieben. Darin heißt es: „Als jüdische, christliche und muslimische Frauen und Männer erklären wir, dass Gewalt und Terror um Gottes Willen nicht sein dürfen und dem authentischen Geist unserer Religionen widersprechen. Unsere Religionen zielen auf ein friedliches und konstruktives Zusammenleben aller Menschen gleich welcher Religionszugehörigkeit. Für uns gilt unverrückbar: Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar.“ Nun, 20 Jahre später, wird die Verpflichtung wieder unterschrieben. „Und es sind viel mehr Religionen dabei als damals“, verwies Seiger auf die Erfolgsgeschichte der Initiative.

Untrennbar mit der Ökumene verbunden sind die Gottesdienste im Dom, die der Stadtsuperintendent und der Stadtdechant zusammen feiern. Der eine ist im Januar für die Karnevalisten bestimmt, der andere zum Bundesliga-Saisonauftakt vor dem ersten Heimspiel für den 1. FC Köln. Dann schwenkt sogar der bekennende Bayer-Leverkusen-Fan einen bunten Schal inmitten der FC-Anhänger. Da muss man durch. Wenn sich Fans verschiedener Vereine zu einer gemeinsamen Sache zusammenschließen, gilt das Motto „In den Farben getrennt, in der Sache vereint“. Könnte auch für die Ökumene gelten.

Große Stücke hält der Stadtsuperintendent auf die jungen Theologinnen und Theologen, die in den Gemeinden des Kirchenverbandes ihren Dienst aufgenommen haben. „Die brennen für die Sache, die haben alle ihre eigene spirituelle Mitte. Die begleiten andere in deren Spiritualität und bezeugen, dass die evangelische Kirche Orientierung bietet, Heimat ist und am Puls der Zeit ihren Weg geht.“ Die Fusion der linksrheinischen Kirchenkreise ist vollzogen und entwickelt sich sehr gut. Auch da sei der Nachwuchs im Pfarramt eine Zukunft.

Die Zahl derer, die evangelische Theologie studieren, gehe zurück. Das war mal anders. „Als ich 1996 meine Pfarrstelle antrat, hatte ich vorher 90 Konkurrentinnen und Konkurrenten“, erinnert sich Seiger. Heute werde allen, die ihr Studium abschließen, eine Stelle garantiert.

Soziale Ausgewogenheit

Seiger mahnte, die soziale Ausgewogenheit im Blick zu behalten. Die Kirche müsse darauf achten, dass soziale Aufgaben, die sie etwa durch die Diakonie wahrnehme, auskömmlich finanziert würden. „Ich mache den Politikern ausdrücklich keine Vorwürfe. Aber wenn Angebote nicht refinanziert werden, können sie auf Dauer nicht aufrecht erhalten werden.“ Die Diakonie stehe ganz praktisch für das christliche Menschenbild: „Jeder Einzelne zählt.“

Seiger hat in den vergangenen Jahren viele Gespräche mit Missbrauchsbetroffenen geführt. „Auch in der evangelischen Kirche haben Kinder und Jugendliche gelitten. Das hat uns die FORUM-Studie unmissverständlich vor Augen geführt. Mich haben die Ergebnisse erschüttert.“ Es habe eine Verantwortungsdiffusion gegeben, vieles sei unter den Teppich gekehrt worden. „Es ist Aufgabe unserer Generation, Strukturen zu schaffen, die Missbrauch verhindern.“ Seit dem 1. Juni ist auf der Ebene des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region  ein überarbeitetes Schutzkonzept in Kraft, das mit Begriffen der Kinderschutzgesetze arbeitet und in dem die Verfahren und Rollen der Prävention und Intervention in den Kölner Kirchenkreisen und im Verbandsbereich identisch beschrieben sind. Ehemalige Polizisten und Staatsanwälte haben Akten durchgesehen und auf Hinweise für Missbrauch untersucht. „Im ehemaligen Kirchenkreis Köln-Süd ist das Aktenscreening beendet, in Mitte so gut wie, Nord und Rechtsrheinisch läuft es gerade.“ In der Evangelischen Kirche im Rheinland gab es bei etwa 350 Fällen einen hinreichenden Verdacht, davon auch mehrere im Kölner Raum. Denen werde im Zuge der landeskirchlichen und kreiskirchlichen Aufarbeitung von Grenzverletzungen aktiv nachgegangen.

Die Mitgliederbindung ist für Bernhard Seiger ein wichtiges Thema. In dem Zusammenhang ist für 2027 wieder ein Tauffest geplant. Bei der ersten Auflage wurden rund 200 Menschen im Rheinpark getauft. Die Geschichte der kölschen Protestanten kann man auf der VIA REFORMATA erleben. An zwölf Stationen wird an bedeutende evangelische Ereignisse und Orte erinnert. Das Segensbüro „Hätzjeföhl“ in einem ehemaligen Ladenlokal an der Severinstraße vermittelt einen niedrigschwelligen Zugang zur evangelischen Kirche und ihren Angeboten. Das gilt auch für den Deutschen Evangelischen Kirchentag im kommenden Jahr in Düsseldorf. Auf den freut sich Bernhard Seiger sehr. Und wird garantiert teilnehmen. Vielleicht mit einem Chor aus Solingen?

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Archiv-Collage

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