Lesung mit deutsch-israelischer Autorin Sarah Levy am 4. Mai: „Kein anderes Land“

Die deutsch-israelische Autorin und Journalistin Sarah Levy liest am Montag, 4. Mai, 19 Uhr, in der Karl Rahner Akademie, Jabachstraße 4-8, Köln, aus ihrem Buch „Kein anderes Land, Aufzeichnungen aus Israel“. Sarah Levy schildert, wie der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 ihr Leben als junge Mutter in Tel Aviv veränderte und wie Radikalisierung und Polarisierung ein ganzes Land prägen.

Ist das noch mein Land? Diese Frage stellt sich Sarah Levy, seit sie erlebt, wie Israels rechtsnationale Regierung die israelische Gesellschaft spaltet. Dann attackiert die Hamas das Land am 7. Oktober 2023. Auf brutale Weise ändert der Krieg das Leben, das die junge Mutter in Tel Aviv führt. Sie flieht mit Partner und Kind in ihre Heimat Frankfurt und muss dort erkennen, dass Deutschland nicht mehr ihr Land ist. Doch das Israel, in das sie zurückkehrt, kämpft um seine Seele. Freunde tragen plötzlich Waffen, Verwandte wünschen Palästinensern die Auslöschung, Nachbarn unterstellen ihr, die Soldaten zu verraten. Der Kriegsalltag zwischen Schutzbunker und allgegenwärtigem Verlust führt Levy an ihre Grenzen – als Mutter und als Partnerin, aber auch als Deutsche, die jetzt verstehen muss, dass das Land, das sie zum Leben gewählt hat, die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft mit den Palästinensern schon lange verloren hat. Wer wird mein Sohn, fragt sie sich, wenn er hier aufwächst? Sarah Levy beschreibt mit kritischem Mitgefühl, wie Radikalisierung und Polarisierung ein Land verändern – und letztlich auch sie selbst.

Ein Interview mit Sarah Levy:

Frau Levy, Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Sie zwischen zwei Ländern – Israel und Deutschland – das Gefühl der Heimat verloren haben. Was braucht ein Mensch, um irgendwo wirklich anzukommen?

Sarah Levy: Heimat ist für mich kein Ort, an dem ich ankomme, sondern wo ich herkomme – das wird immer Deutschland sein. Dort bin ich aufgewachsen, dort bin ich groß geworden. Heute lebe ich in Israel, aber Zuhause wird immer der Ort sein, wo mein Kind ist, wo mein Partner ist – und wo wir gemeinsam entscheiden zu leben. Momentan ist das Israel, aber wer weiß, was die Zukunft bringt.

Sie stellen sich die Frage, wer Ihr Sohn wird, wenn er in diesem von Krieg und Radikalisierung geprägten Israel aufwächst. Was wünschen Sie sich für die nächste Generation – sowohl in Israel als auch in Deutschland – und welche Rolle kann Bildung dabei spielen, Polarisierung entgegenzuwirken?

Sarah Levy: Ich wünsche mir für meinen Sohn, dass er sich nicht von der Angst leiten lässt. Dass er stets den Menschen sieht, und kein Volk, keine Gruppe als Ganzes für schlecht oder böse hält, oder ausschließlich gut. Wie weit ich das in der Hand habe, daran zweifle und verzweifle ich jeden Tag ein bisschen mehr. Die israelische Gesellschaft in diesen Tagen ist durchdrungen von Trauma und Gewalt: Ultraorthodoxe gehen auf Soldatinnen los, gewalttätige Siedler auf arabisch-israelische Schülerinnen und Schüler, rechte Aktivisten bedrohen Holocaustüberlebende, Demonstrierende und Journalisten, zum Teil an deren Haustür. Die Politik befeuert die gesellschaftliche Spaltung. Das einzige, was dagegen anhilft, sind Begegnungen mit Menschen, die nicht so sind wie ich, nicht so aussehen, nicht so leben, nicht so beten, oder nicht so sprechen wie ich. Wir müssen Unterschiede aushalten, solange wir gemeinsame Werte teilen. So etwas kann Bildung fördern, ein Stück weit. Aber gerade Eltern müssen ihre eigenen Vorurteile, rassistische Gedanken und eigene Traumata hinterfragen und erkennen, um sie nicht an ihre Kinder weiterzugeben.

Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr offen Ihre Zerrissenheit zwischen Deutschland und Israel. Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Diese innere Frage „Ist das noch mein Land?“ verändert nicht nur meinen Blick auf Politik, sondern auch mein Selbstverständnis als Mutter und als Deutsche?

Sarah Levy: Mutter eines Sohnes zu sein in Israel bedeutet höchstwahrscheinlich, einen zukünftigen Soldaten großzuziehen. Bleiben wir in Israel, wird er zur Armee gehen müssen. Diese Gewissheit allein wiegt schwer. Ich selbst stelle mir jeden Tag die Frage, was für ein Israeli will ich sein? Mein israelischer Schwager hat mich als „Verräterin“ bezeichnet, weil ich ein Video geteilt habe, in dem Demonstrierende in Tel Aviv Poster von getöteten Kindern in Gaza hochgehalten haben. Er meinte: „Dies ist nicht mal dein Land, du bist hergekommen um zu stören.“ Mein Schwager glaubt, wie so viele hier, sein Land zu lieben, bedeute unrechte Taten der Armee, der Politik nicht anzuprangern. Ich glaube, als Deutsche mit einer jüdischen und einer nicht-jüdischen Familie ist es für mich leichter, Komplexität auszuhalten. Zu akzeptieren, dass eine Armee mich schützen kann und gleichzeitig Kriegsverbrechen begehen. Wird mein Sohn diese Komplexität aushalten können, wenn er hier aufwächst, mit all dem Militarismus, dem Trauma, der Angst und dem Rassismus, die uns als Gesellschaft hier derzeit durchdringen? Mein Partner und ich haben entschieden, dass wir im Oktober, wenn die nächsten Knessetwahlen anstehen, noch einmal wählen gehen müssen – und uns nach dem Wahlergebnis entscheiden: Ist das noch das Land, in dem wir leben wollen? Lautet die Antwort nein, müssen wir uns leider eine weitere Frage stellen: Ist Deutschland noch das Land, in dem Juden frei leben können?

Eine Kooperationsveranstaltung der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. mit der Melanchthon-Akademie Köln und der Karl Rahner Akademie Köln.

ÜBER DIE AUTORIN

Sarah Levy, geboren 1985, besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule und schreibt als freie Journalistin u.a. für DIE ZEIT. Seit 2018 koordiniert sie das Projekt stopantisemitismus.de, das über Antisemitismus im Alltag aufklärt und Hilfestellung bietet, und arbeitet für diverse Stiftungen.

Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Eine Anmeldung unter anmeldung@koelnische-gesellschaft.de ist erforderlich.

www.melanchthon-akademie.de

Text: APK/MAK
Foto(s): Privat

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