„Wann kann ich endlich ich sein?“ – Late-Night-Gottesdienst der Queeren Kirche Köln bei der c/o-pop

Viele Besucher und Besucherinnen feiern im Veranstaltungssaal des Bürgerzentrums Ehrenfled mit der Queeren Gemeinde und dem Queeren Chor.

Als die „wunderbare Ludi“ – wie Pfarrer Tim Lahr sie nennt – zu singen beginnt, füllt sich der Saal vor der Bühne im Bürgerzentrum Ehrenfeld. Sie ist in rotes Licht getaucht. Ludi trägt ein schulterfreies Glitzerkleid und einen gestutzten Bart. Mit dem queeren Chor im Rücken singt sie die kämpferische Hymne „Survivor“, bekannt geworden durch das Cover der Band Destiny’s Child. Die Besucherinnen und Besucher wippen oder singen sofort mit. Viele kennen den Text: „I’m a survivor, I’m gonna make it…“ – übersetzt: „Ich bin eine Überlebende, ich werde es schaffen.“ Sie sind bei dem Late-Night-Format der Queeren Kirche Köln mit dem Titel „It’s Queer Church“ zu Gast, das am späten Abend im Rahmen der c/o-pop stattfindet.

„Wir sind eine echte evangelische Kirche“ – und beten auch zu Madonna

Pfarrer Tim Lahr begrüßt die c/o-Pop-Gemeinschaft: „Wir sind eine echte evangelische Kirche“, sagt er. „Natürlich beten wir auch zu Madonna und Lady Gaga, aber manchmal beten wir auch zu Gott und Jesus.“ Es ist ein unkonventionelles Gottesdienstformat, eingebettet in Popmelodien, die einen Bezug zum Gottesdienst-Thema aufweisen. Wir sind „Survivor“, Überlebende, sagt Lahr. „Wir fragen uns immer wieder, ob wir so angenommen werden, wie wir sind. Und wir wissen, dass Gott uns so annimmt.“ Und deswegen singt die Gemeinschaft nun „Take me as I am“ – „Nimm mich wie ich bin.“ Das anschließende Gebet schließt Lahr mit einer Frage an Gott: „Wann kann ich endlich ich sein?“ Sie bewegt die queere Gemeinschaft sehr.

Sieben fette Kühe – eine Predigt über queere Errungenschaften

Der Pfarrer macht in der Predigt darauf aufmerksam, dass bereits einiges erreicht sei. Er bezieht sich auf die biblische Geschichte vom Traum des Pharaos (1. Mose 41), in dem sieben fette Kühe von sieben mageren gefressen werden. Josef deutet dies als Vorhersage, dass auf sieben Jahre Überfluss sieben Jahre Hungersnot folgen. Lahr hat seine eigene Deutung: Es gab eine gute Zeit für uns Queers.

Es gab sieben fette Jahre, sieben fette Kühe, die er wie folgt benennt: Bei der „Ehe für alle“, die mittlerweile möglich sei, handele es sich um so eine fette Kuh. Eine weitere sei die Sichtbarkeit der queeren Menschen in den sozialen Medien. Viele würden sich zeigen. Das führe leider auch dazu, dass andere Dinge sichtbar werden, nämlich der Hass dagegen. Dann sei da auch noch die „Pride-wurde-Mainstream-Kuh“. Plötzlich sei die Regenbogenflagge überall zu sehen gewesen. Das sei zwar auch dem Trend geschuldet und habe manchmal mit „Queer Washing“ zu tun. „Trotzdem hatte das natürlich auch etwas Bestätigendes, etwas Schönes“, so Lahr. „Es sind Firmengelder in Diversity-Programme geflossen.“ Eine weitere fette Kuh sei das endlich beschlossene Selbstbestimmungsgesetz, das trans-, intergeschlechtlichen und nicht-binären Personen in Deutschland ermöglicht, ihren Geschlechtseintrag und Vornamen durch eine einfache Erklärung beim Standesamt zu ändern.

Sieben queere Kühe schimmerten während der Predigt auf dem Bildschirm im Hintergrund der Bühne.

Die fünfte fette Kuh sei die queere Repräsentation in Politik und Popkultur. „Man hat gemerkt, auch der Bundestag ist deutlich queerer geworden“, sagt Lahr, „Netflix-Serien haben plötzlich queere Geschichten.“ Bei der sechsten fetten Kuh handele es sich um die intersektionale Kuh. Das Thema Intersektionalität, also Mehrfachdiskriminierungen, sei mehr in den Fokus gerückt – dass Menschen nicht nur wegen einer Eigenschaft, sondern möglicherweise auf mehrfache Weise diskriminiert werden. „Die siebte und letzte fette Kuh habe ich die Queer-Joy-Kuh genannt“, sagt Lahr. „Wir konnten stolz sein, wir konnten uns feiern.“ Sogar in kleinen Dörfern seien CSDs entstanden. Die vorhandenen seien größer geworden.

„Wir müssen alle weiter dafür kämpfen, dass die Kühe dick bleiben“

Nun keimten allerdings Sorgen auf: „Wir alle haben das Gefühl, den Kühen wird zunehmend das Futter geraubt. Sie werden mit Dreck beworfen“, schilderte Lahr. Die Sprache gegen queere Menschen, überhaupt gegen marginalisierte Gruppen, würde härter. „Bewahrt euch in euren Herzen all das Gute, was ihr in den letzten sieben Jahren erfahren habt“, riet der Pfarrer. „Wir müssen nun alle weiter dafür kämpfen, dass die Kühe dick bleiben.“

Auch in den biblischen Geschichten hätten Menschen immer wieder Mangelerfahrungen gemacht und Kraft aus ihrer Spiritualität, aus ihrem Glauben gezogen. „Sie haben groß geträumt“, so Lahr, „und haben sich diese Träume immer bewahrt.“ Deswegen seien diese Geschichten vielleicht auch über viele tausende Jahre erhalten geblieben. Und so endete der poppige Gottesdienst hoffnungsvoll – mit einem umgedichteten Song der Band ABBA: „Mama Mia, holy is your name… your love, everyone’s included.“

Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch

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