Getauft am großen Strom: Wie 15 Kölner Kinder den Rhein zu ihrer Taufkirche machen
Im Hintergrund schippert der Dampfer „Willi Ostermann“ den Rhein entlang. Das Wasser glitzert im Sonnenlicht. Der Dom bildet eine imposante Kulisse. Einige Gäste haben es sich in orangefarbenen Liegestühlen gemütlich gemacht. Hannes trägt eine hellgrüne Fliege sowie passende Shorts und blickt etwas misstrauisch. Nein, er möchte nicht am Arm seiner Mutter ins Wasser heruntergelassen werden. Das verdeutlicht er Pfarrer Mathias Bonhoeffer mit einem Kopfschütteln. Und so hebt er ihn mit den Händen zu dem Täufling empor und benetzt seinen Kopf. Das stört Hannes an dem heißen Tag nicht. Was das Ganze soll, versteht der 20 Monate alte Junge aber noch nicht. Er ist der Jüngste von 15 Täuflingen aus 13 Familien, die heute feierlich in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen werden – und zwar auf eine besonders kölsche Weise. Sie werden im Rhein getauft, am Stromkilometer 689,5.
Eine Familientradition, die im Wasser wurzelt
Hannes‘ Vater findet dieses Taufzeremoniell am großen Strom mit der Stadt im Hintergrund besonders sympathisch. Die Entscheidung, ihren Sprössling dort taufen zu lassen, fiel aber vor allem aus einem anderen Grund. „Das hat in der Familie Tradition“, sagt er. „Hannes‘ Bruder und sein Cousin sind ebenfalls im Rhein getauft worden.“ Die nächste, die der Pfarrer zu sich ins Wasser bittet, ist die elfjährige Maria. Sie hat ihre Eltern selbst dazu gedrängt, dass sie nun endlich getauft werden möge. Und die haben dann entschieden, dass es an diesem Tag im Rhein geschehen soll. Auch die neunjährige Emma und ihre kleine Schwester Frida, sechs Jahre alt, durften bei der Entscheidung mitreden. „Sie sollen ihren christlichen Glauben ja nicht einfach von ihren Eltern übernehmen“, erläutert ihre Mutter. So hätten sie und der Vater gewartet, bis die Töchter alt genug waren, mitzuentscheiden. Und nun werden beide mit einem Aufwasch im Rhein getauft.
Gottes Zuneigung kennt keine Bedingungen

Mathias Bonhoeffer und die Mittaufenden Markus Herzberg, Christoph Rollbühler und Nicola Thomas-Landgrebe heißen alle gleichermaßen willkommen. Markus Herzberg verdeutlicht das den zahlreichen Gästen der großen Rheintaufe: „Wir leben in einer Welt, in der alles immer an Leistung geknüpft ist. Du bekommst, was Du Dir erarbeitet hast. Du bist, was Du leistest. Du gehörst dazu, wenn Du die richtigen Voraussetzungen hast, den richtigen Pass, das richtige Konto, die richtige Herkunft, die richtige Identität.“ Gott knüpfe seine Zuneigung aber nicht an Bedingungen. „Du gehörst nicht zu Gott, weil Du fromm oder stark genug, am wenigsten beirrbar bist, sondern schlicht, weil Gott Dich liebt“, sagt Herzberg. Das sei ein Geschenk, aber auch ein Trost. „Du bist wichtig, aber Du trägst nicht alles allein auf Deinen Schultern. Du musst nicht immer alles richtig machen, nicht perfekt sein.“ Durch die Taufe erhalte man eine Familie, die viel größer sei als die biologische.
Nicht allein – mit Gott und mehr als hunderttausend Engeln
Nicola Thomas-Landgrebe spricht über deren Pflichten: „Mit jedem neuen Tag erlebt ihr, dass Euer Kind in immer stärkerem Maß sein eigenes Leben führt und Anspruch auf seine ganz eigene Art und eigenes Wesen erhebt. Wir alle sind deshalb verpflichtet, es nicht nur mit unserer Liebe zu umgeben und zu begleiten, sondern es in der ihm eigenen Art zu achten und zur Freiheit zu verhelfen, die zum Sinn des Christenmenschen gehört.“ Christoph Rollbühler erinnert daran, dass es nicht immer einfach werden wird: „Unser Leben verläuft nicht ohne Beulen, ohne dass wir ins Schlingern kommen.“ Es sei wichtig, dabei nicht allein zu sein, sondern Freunde und Freundinnen zu haben, denen man erzählen könne, wenn man Mist gebaut hat, Familie, in die man sich verkriechen könne, Paten und Patinnen, jemanden, der einen Kakao macht und die Bettdecke glattstreicht. „Du bist nicht nur zu zweit oder dritt“, sagte er zu den Täuflingen, „sondern mit Gott, und das ist mehr, als sogar hunderttausend Engel sein können.“

Über einen Engel freute sich am Ende die kleine Frida aber besonders. Zur Taufe gab es von der evangelischen Gemeinde Köln eine kleine goldglänzende Engelsfigur, die sie bewundernd in ihren Fingern hielt. Und so endete der Taufgottesdienst mit glücklichen Gesichtern und genauso beschwingt, wie er begonnen hatte: mit einem Gospelsong und einem gemeinsamen Wippen im Takt.
Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch
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