25 Jahre Demenzinitiative TANDEm in Köln-Nippes: Hilfe für Angehörige bei Demenz
Seit 25 Jahren steht TANDEm Angehörigen von Menschen mit Demenz zur Seite – mit Zeit, Zuwendung und einem offenen Ohr im Alltag. In Köln-Nippes besuchen geschulte Freiwillige Menschen mit Demenz zu Hause und schenken ihren Angehörigen Zeit für sich. Getragen wird die Initiative vom Diakonischen Werk Köln und Region, finanziert wird sie von der Stadt Köln. Hinter diesem Angebot stehen Menschen, die füreinander da sind, und genau davon erzählt dieses Gespräch.
Zu diesem besonderen Jubiläum sprechen wir mit Katharina Regenbrecht, der Koordinatorin, die TANDEm seit vielen Jahren prägt.
Was bedeutet das 25-jährige Jubiläum für Sie persönlich?
Für mich ist dieses Jubiläum etwas ganz Besonderes, denn es fällt mit meinem Abschied vom Projekt TANDEm zusammen. Wir haben Anfang Dezember 2001 begonnen, und Ende dieses Jahres gehe ich in Rente. Ich blicke mit Stolz und Freude auf diesen Weg zurück. In diesen 25 Jahren haben wir so viele Freiwillige ausgebildet und Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen begleitet. Ich bin nach wie vor überzeugt von der Idee von TANDEm, nicht nur für die Familien, sondern auch für unsere Gesellschaft. Als wir 2001 gestartet sind, war TANDEm ein Modellprojekt. Heute gibt es in jedem der neun Kölner Stadtbezirke ein solches Angebot. Ich bin stolz, ein Teil dieser Entwicklung gewesen zu sein, und freue mich, mich mit einem guten Gefühl verabschieden zu können.
Wie würden Sie TANDEm in einem Satz beschreiben, und für wen ist das Angebot gedacht?
TANDEm ist ein häuslicher Unterstützungsdienst für Angehörige von Menschen mit Demenz. Die Menschen mit Demenz werden stundenweise von unseren Freiwilligen begleitet. Die An- und Zugehörigen gewinnen so wertvolle Zeit für sich, um Dinge zu erledigen oder einfach einmal durchzuatmen und neue Kraft zu tanken. Die Freiwilligen erhalten eine sinnstiftende Aufgabe und finden eine Gemeinschaft, in der sie willkommen sind.
Welche Situationen begegnen Ihnen in der Beratung am häufigsten, und ab wann lohnt es sich, Hilfe zu suchen?
Mein großer Appell an An- und Zugehörige ist, frühzeitig Hilfe zu suchen, am besten von Anfang an. Wenn ich bei mir selbst feststelle, dass ich im Alltag nicht mehr so gut zurechtkomme, oder wenn ich bemerke, dass sich ein Mensch verändert, ist es wichtig, das Gespräch zu suchen. Nicht jedes Vergessen bedeutet gleich eine Demenz. Eine frühzeitige Abklärung kann Klarheit schaffen und gegebenenfalls eine Behandlung einleiten. Vor allem gibt sie die Möglichkeit, sich mit der Situation auseinanderzusetzen: Was bedeutet das für mich? Welche Möglichkeiten habe ich, mein Leben zu gestalten? In den Beratungen begegnen mir am häufigsten Ratlosigkeit, Verunsicherung und ein ganzes Gefühlskarussell, bei An- und Zugehörigen ebenso wie bei Betroffenen. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie sich im Laufe eines Gesprächs etwas verändern kann. An- und Zugehörige verstehen ihre Situation besser, finden einen roten Faden und gewinnen ein Stück Selbstwirksamkeit. Ich leite seit vielen Jahren Angehörigengruppen und erlebe, wie sie trotz aller Belastungen Wege finden und gehen. Das finde ich wirklich toll.
Wie läuft die Unterstützung ab, wenn sich eine Familie bei TANDEm meldet?
Wenn Menschen sich bei uns melden, klären wir zunächst telefonisch, welches Anliegen sie haben. Je nach Anliegen bleibt es bei einer telefonischen Beratung oder wir vermitteln weitere passende Kontakte. Geht es um stundenweise Entlastung durch Freiwillige, vereinbaren wir einen Erstbesuch vor Ort. Wir sind ein aufsuchender Unterstützungsdienst und besuchen die Menschen zu Hause, denn Wohnungen erzählen Geschichten über Menschen. Wir wollen einen Eindruck davon bekommen: Wer ist dieser Mensch? Was tut ihm gut? Auf dieser Grundlage suchen wir eine passende freiwillige Person. Dabei spielen Besuchszeiten, Alter, Geschlecht, Haustiere und die Mobilität der erkrankten Person eine Rolle. Danach folgt ein gemeinsamer Vermittlungsbesuch zum Kennenlernen, denn es geht darum, ob die Chemie stimmt. Die An- und Zugehörigen müssen ein gutes Gefühl haben, denn es ist ein großes Vertrauen, den erkrankten Menschen mit jemand anderem allein zu lassen. Für unsere Freiwilligen bieten wir regelmäßig Reflexionstreffen an.
Was hat sich in den 25 Jahren am meisten verändert?
Als ich Anfang 2005 bei TANDEm angefangen habe, sind uns die Freiwilligen, etwas salopp gesagt, die Bude eingerannt. Heute müssen wir stärker um Freiwillige werben und deutlich machen, welche Sinnhaftigkeit ein Engagement bei uns bietet. Auch die Menschen, die wir begleiten, haben sich verändert. Zunehmend erkranken Menschen bereits mit Anfang 60 an Demenz. Angehörige versuchen bewusster, ihr eigenes Leben weiterzuführen, etwa mit dem Wunsch: Ich möchte einfach mal wieder abends ins Kino gehen.
Der gesellschaftliche Rahmen hat sich ebenfalls verändert. Soziale Unterstützung wird gebraucht und erwartet, gleichzeitig erleben wir immer wieder Kürzungen. Die grundsätzliche Frage lautet: Was ist uns als Gesellschaft dieses menschliche Miteinander wert? Mein großer Wunsch ist, stärker auf kollektive Lösungen zu setzen. Dazu passt ein Zitat von Martin Buber, das mich in meiner Arbeit stets begleitet hat: „Das ganze Leben ist Begegnung.“ Eine wichtige Entwicklung ist außerdem die Prävention. Die Lancet-Kommission geht davon aus, dass bis zu 45 Prozent der Demenzfälle durch die Verringerung beeinflussbarer Risikofaktoren möglicherweise verhindert oder hinausgezögert werden könnten. Kürzungen im Gesundheitsbereich stehen dem im Weg, denn Prävention braucht verlässliche Angebote und Strukturen.
Was möchten Sie Angehörigen mitgeben, die gerade am Anfang stehen?
Ich möchte An- und Zugehörige vor allem ermutigen: Gehen Sie los! Suchen Sie sich Unterstützung und fragen Sie nach, auch wenn es manchmal etwas Energie kostet. Es lohnt sich. In Köln gibt es ein breitgefächertes Unterstützungsangebot, vieles davon kostenlos. Informieren Sie sich, was für Sie das Richtige ist: eine Gruppe oder eine Einzelberatung. Und vergessen Sie sich selbst nicht! Ohne Sie wäre die Begleitung des Menschen mit Demenz nicht möglich. Zentral ist für mich der Begriff Selbstwirksamkeit: Was kann ich in dieser Situation tun? Wie kann ich mein Leben und das des Menschen, den ich begleite, so gestalten, dass es für uns beide möglichst gut ist? Dazu möchte ich Angehörige von Herzen ermutigen. Und Sie müssen das nicht alleine schaffen.
Text: APK
Foto(s): Apk
Der Beitrag 25 Jahre Demenzinitiative TANDEm in Köln-Nippes: Hilfe für Angehörige bei Demenz erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.


