CSD und Erinnerungskultur: Ausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“ in der St. Johannes-Kirche ab 4. Juli

Ausstellung. Neue Station. Köln. 4. Juli - 16. August 2026. St.-Johannes-Kirche, Köln-Deutz.” Das Foto im Hintergrund zeigt eine Tafel der Wanderausstellung mit dem Titel “gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945”. Gestaltungselement: Icon der Skyline Kölns.
4. Juli – 16. August 2026 in der St.-Johannes-Kirche, Köln-Deutz: Das Foto im Hintergrund zeigt eine Tafel der Wanderausstellung mit dem Titel “gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945”. Gestaltungselement: Icon der Skyline Kölns.

Passend zum Christopher Street Day (CSD) in Köln setzt die Evangelische Kirchengemeinde Deutz/Poll ein Zeichen für Vielfalt, Erinnerung und Menschenwürde: Die Ausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933–1945″ der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ist ab Samstag, 4. Juli, bis Sonntag, 16. August, in der St. Johannes-Kirche, Tempelstraße 31, in Köln-Deutz zu sehen. Die historisch-dokumentarische Wanderausstellung, die bereits im Deutschen Bundestag gezeigt wurde, zeichnet anhand von Dokumenten, Fotografien und persönlichen Biografien die Lebensgeschichten queerer Menschen im Nationalsozialismus nach – darunter auch bislang unveröffentlichtes Material.

Die Ausstellung gliedert sich in fünf Themeninseln: Sie thematisiert die Zerstörung queerer Infrastrukturen, die Ausgrenzung aus der sogenannten Volksgemeinschaft und die Praktiken der Verfolgung, aber auch Wege der Selbstbehauptung und des Eigensinns. Weitere Schwerpunkte sind Haftgründe und Haftorte sowie die Situation queerer Menschen nach 1945 – zwischen Weiterverfolgung und emanzipatorischen Handlungsräumen. Die Ausstellung erzählt damit keineswegs nur Verfolgungsgeschichten, sondern gibt auch Einblick in widerständige Lebenswege in einer widrigen Lebensrealität.

Der Eintritt ist frei. Die Vernissage der Ausstellung „gefährdet leben – Queere Menschen 1933-1945“ findet am Donnerstag, 9. Juli 2026, um 18:30 Uhr in der St. Johanneskirche Köln-Deutz, Tempelstraße 31, 50679 Köln, statt. Hier finden Sie die Anmeldung.

Pfarrer Tim Lahr spricht im Interview über die Entstehung der Ausstellung, ihre Bedeutung für Köln und die Verantwortung von Kirche, Erinnerung wachzuhalten und sich heute gegen Ausgrenzung und Queerfeindlichkeit einzusetzen:

Wie ist die Idee entstanden, die Ausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933–1945“ nach Köln-Deutz zu holen?

Tim Lahr: Eigentlich war geplant, die Ausstellung in der VHS Köln zu zeigen. Nachdem das dort leider nicht möglich war, hat die Magnus-Hirschfeld-Stiftung nach einem neuen Ausstellungsort gesucht – und ist auf uns zugekommen. Für uns war sofort klar: Diese Ausstellung gehört nach Köln und sie passt in unsere Kirche.

Als Queere Kirche Köln erleben wir selbst, dass queere Menschen auch heute wieder verstärkt Anfeindungen ausgesetzt sind. Wir mussten bereits zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen bei Veranstaltungen organisieren und haben erlebt, wie queerfeindliche Demonstrationen direkt vor unseren Veranstaltungen stattfanden. Gerade deshalb wollten wir einen Ort schaffen, an dem Geschichte sichtbar wird und zum Nachdenken anregt.

Was erwartet Besuchende in der Ausstellung?

Tim Lahr: Die Ausstellung erzählt die lange verdrängte Geschichte queerer Menschen im Nationalsozialismus. Sie zeigt, wie homosexuelle, trans* und andere queere Menschen verfolgt, entrechtet und ermordet wurden – aber auch, wie sie gelebt, geliebt und Widerstand geleistet haben.

Besuchende erwarten persönliche Lebensgeschichten, historische Dokumente und Biografien, die deutlich machen: Hinter jeder Zahl stehen Menschen mit Hoffnungen, Beziehungen und Träumen. Gerade diese persönlichen Geschichten machen die Ausstellung so eindrücklich.

Was wünschen Sie sich, dass Besuchende nach dem Ausstellungsbesuch mit nach Hause nehmen?

Tim Lahr: Ich wünsche mir, dass Menschen erkennen, wie schnell Ausgrenzung beginnt. Sie beginnt selten mit Gewalt. Sie beginnt mit Sprache, mit Vorurteilen, mit dem Aberkennen von Menschlichkeit.

Und ich wünsche mir, dass Besuchende verstehen: Erinnerung ist nichts Vergangenes. Sie stellt uns immer die Frage, welche Verantwortung wir heute übernehmen. Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins – aber sie kann sich reimen. Deshalb ist Erinnern immer auch ein Auftrag für die Gegenwart.

Die Ausstellung war bereits im Deutschen Bundestag zu sehen. Welche Bedeutung hat es, dass sie nun in einer Kirchengemeinde gezeigt wird? Welche Bedeutung hat die Ausstellung für Köln als vielfältige und queere Stadt?

Tim Lahr: Dass diese Ausstellung nun in einer Kirche gezeigt wird, hat eine besondere Symbolkraft. Kirchen waren über Jahrhunderte nicht selten Orte, an denen queere Menschen Ablehnung erfahren haben. Umso wichtiger ist es, wenn Kirche heute Verantwortung übernimmt, Erinnerungsarbeit ermöglicht und deutlich macht: Menschenwürde ist unteilbar.

Für Köln ist die Ausstellung ebenfalls von großer Bedeutung. Köln gilt als eine der queeren Metropolen Europas. Gerade deshalb sollten wir nicht nur Vielfalt feiern, sondern auch die Geschichte kennen, auf der unsere heutigen Freiheiten aufbauen. Viele Rechte, die heute selbstverständlich erscheinen, mussten hart erkämpft werden – und sie sind nicht selbstverständlich für die Zukunft.

Warum sollten wir uns gerade jetzt mit der Verfolgung queerer Menschen im Nationalsozialismus beschäftigen?

Tim Lahr: Weil wir erleben, dass queerfeindliche Einstellungen wieder lauter werden. Hass im Internet nimmt zu, Angriffe auf queere Menschen steigen, und auch wir als Queere Kirche erleben Anfeindungen ganz konkret. Das macht deutlich: Die Geschichte ist nicht abgeschlossen.

Die Ausstellung erinnert daran, wohin es führen kann, wenn Menschen ausgegrenzt, entmenschlicht und zu Sündenböcken gemacht werden. Sie fordert uns auf, früh hinzusehen und Verantwortung zu übernehmen – nicht erst dann, wenn Diskriminierung in offene Gewalt umschlägt.

Gerade in einer Demokratie ist Erinnerungsarbeit kein Blick zurück, sondern eine Investition in die Zukunft. Sie stärkt unsere Wachsamkeit und erinnert uns daran, dass Freiheit, Menschenwürde und Demokratie jeden Tag neu verteidigt werden müssen.

Christopher Street Day

Der CSD Köln 2026 findet vom 19. Juni bis 5. Juli 2026 statt, wobei das Straßenfest vom 3. bis 5. Juli auf Heumarkt und Alter Markt gefeiert wird. Höhepunkt ist die große CSD-Demonstration am Sonntag, den 5. Juli 2026, in der Innenstadt, die als eines der größten Pride-Events in Europa gilt. Mehr Infos zum CSD finden Sie hier:

Text: APK
Foto(s): Foto: David Renz

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