„Ein sicherer Hafen, ein Fels in der Brandung.“ Die Evangelische Gemeinde Erftstadt feiert 100 Jahre Friedenskirche mit Festgottesdienst und Gemeindefest
„Diese Kirche ist nicht aus dem Überfluss heraus entstanden, sondern aus Glauben, Beharrlichkeit und großer Liebe zur Gemeinde.“ Mit ihren einleitenden Sätzen zum 100-jährigen Bestehen der Friedenskirche der Evangelischen Gemeinde in Erftstadt brachte Pfarrerin Andrea Döhrer die spannende Geschichte der kleinen Kirche im neubarocken Stil auf den Punkt. Sie waren zugleich der Auftakt des mit Hingabe und Humor gestalteten Festgottesdienstes am Jubiläumstag, dem 20. Juni 2026, der mit einem großen Gemeindefest gefeiert wurde.

In der bis in den Vorraum und die Treppenstufen zur Orgelempore besetzten Kirche zeigte sie zusammen mit Presbyterin Jutta Juglaret den Gemeindegliedern zunächst verblüffende Parallelen zum Einweihungsgottesdienst vor 100 Jahren auf. „Wir singen heute Lieder, die die Gemeinde damals auch gesungen hat“, sagte Juglaret. „Die kennen wir, weil das Festprogramm von damals erhalten ist.“ „Und wir hören wie damals einen Chor und eine Solistin“, ergänzte die Pfarrerin.
Perfekt sei vor 100 Jahren nicht alles gewesen, erzählte sie weiter, und sorgte für Erheiterung in den Reihen. „Es fehlte eine Glocke, an ihrer Stelle läutete eine Schiffsglocke. Und es spielte ein Harmonium, das im Laufe der Zeit durch ständig hungrige Holzwürmer aufgefuttert wurde.“ Man sehe „unserer 100-jährigen Kirche ihr Alter an“, so Juglaret. Sie sei in die Jahre gekommen und „innen schon ganz grau“. „Aber wir erzählen heute auch von der Hundertjährigen, die ihre Türen weiterhin öffnet und Menschen einlädt“, fügte Döhrer an. „Wie viele Menschen sind hier schon ein und aus gegangen, haben gebetet, gehofft, geweint, sind getraut, getauft oder konfirmiert worden.“
Der Blick in die Historie der Gemeinde ist der in eine Region des Braunkohle-Abbaus. Dass es die Friedenskirche gibt, ist protestantischen Arbeitern zu verdanken, die vor über 100 Jahren aus dem Osten Deutschlands kamen und hier Arbeit fanden, zeigt der Kirchenhistoriker Professor i. R. Siegfried Hermle in der Festschrift zum Jubiläum auf. Er schildert den langen Weg vom ersten Plan bis zur Grundsteinlegung der kleinen Kirche ebenso wie ihre 100-jährige Geschichte. Dokumentiert ist, dass die evangelischen Gottesdienste ab 1910 unter anderem in der Alten Schule im Donatusdorf und in der Kantine der Grube Donatus stattfanden. Höchste Zeit also für ein eigenes Gotteshaus. Am 14. April 1911 gründete sich der „Evangelische Kirchbau-Verein zu Liblar“. Mitglied werden durfte „jeder unbescholtene männliche evangelische Einwohner von Liblar und Umgebung“; bei der Gründungsversammlung traten sogleich 40 Männer ein. Das Ziel des Vereins war „der engere Zusammenschluss evangelischer Gemeindeglieder zum Bau einer evangelischen Kirche in Liblar“.
Von der Schiffsglocke zur Festschrift – 100 Jahre Friedenskirche in Erftstadt

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kam der Kirchbauverein im September 1920 erstmals wieder zusammen; zwei Spenden der beiden großen Braunkohle verarbeitenden Werke in Liblar von jeweils 10.000 Mark sorgten für die Anschubfinanzierung, die Mitgliederzahl des Kirchbauvereins stieg bis Oktober 1923 auf 163 Personen an. Diverse Probleme rund um die Realisierung des Gotteshauses für die damals rund 750 Protestantinnen und Protestanten der Bürgermeistereien Liblar, Lechenich und Weilerswist verzögerten den Bau immer wieder, bis es am 20. Juni 1926 endlich eingeweiht werden konnte.
Akribisch in der Kirchenhistorie gestöbert hatten auch die Katechumeninnen und Katechumenen für ihr Theaterstück während der Festmesse. Die imposante Kulisse dafür – ein Nachbau der Friedenskirche mit Fensterklappen und Turm – hatte die Jugendgruppe „Konfetti“ gebaut. Die Theatergruppe hob Marksteine der Gemeindegeschichte wie etwa das Verbot einer Feier zum zehnjährigen Kirchenjubiläum durch die Nationalsozialisten 1936 hervor, erinnerte aber auch an eine Küsterin der Nachkriegszeit, die Großmutter einer Katechumenin, den Bau des Gemeindehauses oder die Anschaffung der Kirchenstühle zum 50-jährigen Bestehen. „Auf denen sitzen Sie heute noch“, so der Einwurf von Pfarrerin Döhrer, die Mitglied des Theater-Teams war.
Theater, Chor und „Imagine“ – das Gemeindefest als lebendige Zeitreise

„Und sonst?“ Auf diese rhetorische Nachfrage gab es aus jedem Jahrzehnt auch Weltliches zu berichten. Wie etwa die Gründung des Kruger-Nationalparks 1926, die Geburt von Udo Lindenberg 1946, Elvis, der mit Rock ’n‘ Roll begeisterte, der erste Flug von Biene Maja im Fernsehen oder die Verlegung eines Festkonzerts in der Friedenskirche 1996, weil Deutschland plötzlich gegen Tschechien im Finale der Europameisterschaft stand. Absolute Stille herrschte dann beim berührenden Solo von Klara Stump, die ohne Begleitung „Imagine“ von John Lennon sang. Ebenfalls beeindruckend: der Chor Gospel-ConTakt, der die Gemeindeglieder mit seinen Auftritten begeisterte.
In ihrer Predigt nahm Pfarrerin Döhrer Bezug auf das Matthäus-Evangelium, in dem es heißt: „Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.“ Denn nur so könne das Haus auch Stürmen und Regenfluten standhalten. Auch die Friedenskirche sei nicht auf Sand, sondern auf Stein gebaut, so Döhrer. „100 Jahre lang sind Menschen hierher gekommen, mit ihrer Dankbarkeit, mit ihren Fragen, ihren Sorgen und ihrer Hoffnung“, sagte sie. „Dieses Gebäude hat allen eine Heimat gegeben, wie ein sicherer Hafen, wie ein Fels in der Brandung.“ Dazu zeigte sie eine Zeichnung, die in einem Kalender des Ville-Gymnasiums vor rund 35 Jahren veröffentlicht wurde. Sie zeigt die Friedenskirche, nur steht sie nicht am Schlunkweg, sondern ist auf einem Felsen errichtet, um sie herum Wasser und Weite.
„Der Fels ist Christus“ – Predigt mit Blick in die Zukunft
Auch die Friedenskirchen-Gemeinde habe Krisen und Veränderungen bewältigen müssen, so Döhrer. Ihr Grund sei nicht ihre eigene Stärke, nicht die Tradition, nicht das Gebäude allein, nicht die Zahl der Menschen, nicht die Finanzen, nicht die Gewohnheiten. „Der Fels ist Christus. Sein Wort, seine Treue, seine Zusage ‚Ich bin bei Euch alle Tage‘.“ Eine Kirche stehe nicht deshalb auf Fels, weil sie alt sei. Sie stehe auf Fels, weil sie immer neu auf Christus höre und nach seinem Wort handele, sagte die Pfarrerin und stellte die Frage, was es heiße, eine Friedenskirchen-Gemeinde zu sein. „Vielleicht heißt es, ein Ort zu sein, an dem Frieden nicht nur im Namen steht, sondern gelebt wird, ein Ort, an dem Menschen mit Unterschieden zusammenkommen, an dem Versöhnung möglich ist, ein Ort, an dem man nicht perfekt sein muss, um willkommen zu sein“, so Döhrer. „Der Weg zur Kirche darf nicht versperrt sein durch Gleichgültigkeit, Angst vor Veränderung oder durch zu hohe Schwellen. Die Kirche auf dem Felsen ist fest gegründet, aber sie ist nicht für sich selbst da. Sie soll erreichbar sein und sie soll einladen.“
Abschließend richtete die Pfarrerin den Blick in die Zukunft. Die Zukunft der Kirche liege nicht darin, dass alles so bleibe, wie es einmal war. „Sie liegt darin, dass Christus derselbe bleibt. Gestern, heute und in Ewigkeit“, sagte sie. „Wir wissen nicht, wie Kirche und Gemeinde in 100 Jahren sein werden, welche Veränderungen es geben wird. Aber wir wissen: Der Fels bleibt, Gottes Wort bleibt, seine Liebe bleibt, seine Hoffnung bleibt.“
Text: Gabi Bossler
Foto(s): Gabi Bossler/ „Archiv FKG Erftstadt AV 10“
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