„Der Segen gehört allen Menschen“ – Queerer Gottesdienst zum CSD in der St. Johannes-Kirche

Am Kölner Christopher Street Day (CSD) beteiligten sich auch die Evangelische Kirche und Diakonie Köln und Region mit einer riesigen Fußgruppe und eigenem Wagen an der Parade durch die Innenstadt. Sie setzten im Verbund mit den geschätzt insgesamt rund 1,5 Millionen Teilnehmenden sowie Menschen am Zugrand ein starkes Zeichen für Menschenrechte, Vielfalt und gelebte Nächstenliebe.

Pfarrer Janneke Botta und Pfarrer Tim Lahr predigten
Pfarrerin Janneke Botta und Pfarrer Tim Lahr predigten.

Auf das Pride-Wochenende hatte die Queere Kirche Köln schon zwei Tage zuvor eingestimmt. Sie lud die Community, Allies (Verbündete) und weitere Interessierte in die St. Johannes-Kirche in Köln-Deutz zu einem queeren Gottesdienst ein. Überraschungen inbegriffen. Am Schluss erteilte Pfarrer Tim Lahr einem verheirateten Paar den kirchlichen Segen. „Der Segen gehört allen Menschen in allen Lebens- und Liebesformen“, so der Geistliche. Begeistern konnten die zahlreichen musikalischen Darbietungen. Die Ludi überzeugte abermals mit charismatischer Stimme und individuellem Ausdruck. Ebenso Beifallsstürme erhielt der Queere Kirchen-Chor unter Leitung von Hannah-Marie Böß.

„Happy Pride, schön, dass ihr da seid“, begrüßte Tim Lahr die vielen Besuchenden. Die große Resonanz sei für ihn wie Weihnachten und Ostern zusammen. „Die Ehrengäste sitzen alle auf ihren Plätzen“, stellte er fest. Im Verlauf wurde klar, dass sämtliche Sitzgelegenheiten als Ehrenplätze ausgewiesen waren. Selbst der mit goldener Folie geschmückte Sessel vor dem Altar. Dort sollte sich etwas später ein 16-jähriger Darsteller innerhalb einer beeindruckenden Tanzperformance kurz niederlassen. Das Thema Ehrenplatz zog sich durch den gesamten Abend, der geprägt war insbesondere von Freude, Ermutigung und Zusage. Ebenso von kritischen Blicken auf das, was noch nicht erreicht ist.

„Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, die die Vielfalt nicht nur erschafft, sondern die die Vielfalt liebt. Im Namen Jesu, der Grenzen überschreitet, der Menschen in die Mitte holt und denen Würde zuspricht, denen sie abgesprochen wird“, so Pfarrerin Janneke Botta.

In einem Gebet klagte stellvertretend Tim Lahr Gott, „dass Menschen schon bei unserer Geburt entscheiden, wer wir sein sollen. Rosa oder blau, stark oder sanft, laut oder leise, als wäre ein Mensch so einfach.“ Es wurde Gott vorgebracht, dass wir Schubladen bauten, statt Türen zu öffnen. Und „dass so viele Menschen jahrelang glauben mussten, mit ihnen stimme etwas nicht, nur weil sie nicht in die Erwartungen anderer passten, weil andere gesagt haben, wer sie sein sollen“. Selbst seine Kirche habe oft mehr auf Rollenbilder als auf Menschen geschaut, habe Normen verteidigt, wo sie Freiheit hätte verkündigen sollen.

Wie in den Vorjahren fügten Janneke Botta und Tim Lahr ihre jeweilige Perspektive zu einer Predigt. Im ersten Abschnitt nahm Tim Lahr die Gemeinde auf einen gedanklichen Spaziergang zu Räumen und Orten mit. „Vielleicht warst du selbst schon einmal dort, vielleicht kennst du sie. Vielleicht bist du bereit, sie mit den Augen anderer zu sehen“, lud er ein. Prägnant formulierend gelang es ihm, nicht nur bestimmte Orte, sondern auch Situationen und Gefühle rasch nachvollziehbar zu machen. So führte er zu einem Schulhof, auf dem ein Kind zwar mitlacht, aber das „längst verstanden hat, dass manche Wörter gefährlich sind: Schwuchtel, Lesbe, Transe, so ein Mädchen, so ein Junge. Vielleicht weiß das Kind noch gar nicht, wen es einmal lieben wird.“

Tanzperformance eines 16-jährigen Künstlers.
Tanzperformance eines 16-jährigen Künstlers.

Am Esstisch einer Familie redeten alle durcheinander. „Und mittendrin sitzt ein Mensch, der einen Satz schon hundert mal im Kopf geübt hat: Ich muss euch etwas sagen. Doch der Satz bleibt wieder unausgesprochen. Weil niemand weiß, was danach passiert“, sagte Tim Lahr. In der Umkleide eines Schwimmbades stellte er die für manche „jedes Mal dieselbe Frage: Welche Tür ist heute sicher, wo werde ich angestarrt, wo muss ich mich erklären?“ Und kommentierte: „Wie anstrengend muss das sein, jeden neuen Ort erst danach zu beurteilen, ob man dort einfach existieren darf.“ Weiter ging es auf die belebten Kölner Ringe, wo sich zwei Hände voneinander lösten, um schiefen Blicken und Kommentaren beim Händchenhalten zu entgehen. „Plötzlich wird aus einer ganz normalen Geste eine Mutprobe.“

„Gott sagt, du gehörst nicht auf den Quotenplatz, dir gebührt ein Ehrenplatz“

Das alte Gemäuer, eine Kirche, müsse laut Tim Lahr eigentlich der einfachste Ort sein. „Der Ort, an dem niemand Angst haben muss. Und doch haben viele queere Menschen genau hier gelernt, sich kleiner zu machen, leiser, unsichtbarer, nicht zu ehrlich, nicht zu verliebt, nicht zu sehr sie selbst.“ Schließlich führte Tim Lahr zum CSD. „Vielleicht denken manche: endlich ein Ort, an dem niemand fragt, an dem ich mich nicht kleiner machen, an dem ich mich nicht erklären muss, warum ich hier bin.“

In ihrem Predigtabschnitt absolvierte Janneke Botta ihrerseits den zuvor von Tim Lahr beschrittenen Weg nochmal – und zwar gemeinsam mit Gott. „Und Gott schaut auf diesen Schulhof und sieht dich, und Gott hört die Worte, die dich verletzen und flüstert dir zu: Ihre Worte sind schwächer als mein Versprechen. Du darfst dich ausruhen, du darfst Kleider tragen, auf Bäume klettern, erste Küsse schmecken. Dieser Ort ist auch dein Ort. Du darfst hier deinen Platz finden. Ich habe dir hier einen Ehrenplatz gegeben.“

Janneke Botta führte aus, dass Gott uns zuspricht – ob auf dem Schulhof, in der Nacht auf den Ringen, in der Straßenbahn. Und auch auf dem Rückweg in der Kirche. „Das Haus von diesem Gott, die dir zuflüstert, dir die Hand hält, sich um deine Schultern legt, dir Menschen an die Seite stellt. Und diesem Gott, der sagt, dir gehört der Ehrenplatz.“ Gott träume davon schon lange, „dass du hier in der Kirche im Sommer nichts überziehen musst, um hereinzukommen, dass dieser Ort dir und deinem Glauben in seiner Größe Raum gibt. Dass hier deine Sorgen ernst genommen werden und du getröstet wirst.“

Und vielleicht sei es in diesen Tagen so, wie Gott es sich gedacht habe: „Dass wir Queers einen festen Platz haben in dieser Welt. Dass wir in Würde getauft sind, die uns niemand absprechen kann. Dass wir stolz auf uns sein dürfen. Auf uns und unsere Liebe, auf unsere Identität, auf unsere Körper, unsere Lust und unsere Kämpfe – und Gott sagt, du gehörst nicht auf den Quotenplatz, dir gebührt ein Ehrenplatz.“

Schließlich bat Janneke Botta, sich an den Moment der Platzsuche beim Eintreten zu erinnern. „Vielleicht habt ihr kurz gezuckt, bevor ihr euch auf den Stuhl oder die Bank gesetzt habt, weil da dieses Schild war: Ehrenplatz. Den sprechen wir uns ja selber nicht zu.“ Aber Gott sage: „Genau das ist dein Platz. Hier kannst du kurz zur Ruhe kommen.“ Und Gott verspreche, dass das nicht nur heute und hier im CSD-Gottesdienst gelte, „sondern dieses Recht steht dir überall zu“.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich

Der Beitrag „Der Segen gehört allen Menschen“ – Queerer Gottesdienst zum CSD in der St. Johannes-Kirche erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.