Fünf Jahre nach der Flut: Rösrath erinnert – und zieht Konsequenzen

Ingeborg Schmidt verliest in der Versöhnungskirche Rösrath ihren Bericht vom 14. und 15. Juli 2021: „Gegen 15 Uhr werden Einsatzkräfte angefordert. Weitere sind alarmiert. Es kommt der Befehl, dass die Turnhalle an der Scharrenbroicher Straße als Notunterkunft für Menschen hergerichtet werden soll. Wir bringen Betten, Bettwäsche, Decken, Getränke. Die Anweisungen des Gruppenführers kommen ruhig und präzise. Es ist fast unheimlich still.“

Die damalige Ortsvorsitzende des Deutschen Roten Kreuzes ruft bei der Gedenkveranstaltung an die Flutkatastrophe die Geschehnisse noch einmal genau vor Augen, als sich das kleine Flüsschen Sülz in einen reißenden Strom verwandelte. Sie schildert, wie die Feuerwehr durchnässte Menschen in die Turnhalle bringt – Eltern mit Kleinkindern und Säuglingen, verzweifelte Senioren. Für viele ist das Feldbettenlager in der Halle ungeeignet, sodass andere Unterkünfte gesucht werden müssen. „In Hoffnungsthal ist ein älterer Mann in seinem Keller ertrunken“, liest Schmidt. „Die Ehefrau und der Enkel werden uns gebracht. Wir alarmieren die Notfallseelsorge.“ Immer mehr Menschen werden gerettet, untergebracht, verpflegt, betreut und getröstet. „Unsere Einsatzkräfte sind nun 26 Stunden im Einsatz“, fährt Schmidt fort. In den nächsten zwei Wochen wird täglich warme Verpflegung und gebrauchte Kleidung für 500 Menschen benötigt. Über 50.000 Euro Spenden wurden gesammelt und direkt in den Flutgebieten verteilt – je nach Größe der Not.

„Da wird mir etwas geschenkt, das mich innerlich ruhig sein lässt“

Der Kinderchor der Evangelischen Kirchengemeinde Volberg-Forsbach-Rösrath führt passende Szenen aus dem Musiktheaterstück „Nach uns die Sintflut“ von Johannes Matthias Michel auf: Ein kleiner Noah streitet sich mit einem Bürgermeister, der nicht an die große Flut glauben möchte.

Monika Ueberberg und Thomas Rusch schildern ihre Eindrücke von der Flutnacht und persönliche Einsichten. Foto: Susanne Esch

Die katholische Pastoralreferentin Monika Ueberberg greift die Szene auf: „Auch ich hätte bis vor fünf Jahren zum Kreis der Spötter gehört“, sagt sie. Als es damals regnete, habe sie an der Steuererklärung gesessen, dann das Auto aus einer Wasserlage weggefahren und mit ihrem Nachbarn die Waschmaschine im Keller hochgebockt. Die Flut habe sie nicht realisiert, bis das Wasser in den Keller strömte und drohte, ins Erdgeschoss zu fließen. Sie rief die Feuerwehr an – als 700ste Anruferin –, erhielt die Anweisung: „Geduld, keine Panik, gehen Sie in den ersten Stock.“ Das versprochene Boot kam nicht. Das Wasser sank. Geblieben sei das Herzklopfen, das sie bekommt, wenn es stark regnet, der Blick auf die Pegelstände im Internet und die Angst, dass die Flut wiederkommt. Doch die Regennacht habe ihr auch etwas gegeben: „Ich hatte das Gefühl, da wird mir etwas geschenkt, das mich innerlich ruhig sein lässt.“ Ihr Glaube an die Engel habe sich bestärkt. „Sobald ich aus meinem Haus trat, sah ich überall Menschen im Einsatz – Feuerwehr, Sanitäter, das Rote Kreuz, aber auch Menschen von überall, die einfach so zusammenstanden.“ Gott sei da, auf seine Weise.

„Baue ich ein Rettungsschiff – oder bin ich bei denen, die lachen?“

Pfarrer Thomas Rusch betont, die Katastrophe habe eine wichtige Frage verdeutlicht, die auch die Bibelgeschichte stellt: „Baue ich in der Flutkatastrophe ein Rettungsschiff oder bin ich bei denen, die lachen? Wir alle wissen, dass sich unser Klima verändert“, sagt er. „Unsere christliche Verantwortung ist es, zu überlegen, wie wir unseren Ort, unser Land, die Welt davor schützen können. Wie werden wir für andere auch Engel, die helfen und da sind?“

Politik zieht Konsequenzen: Retentionsflächen und neue Deichkonzepte

Bürgermeister Yannik Steinbach lobt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und verspricht, für eine mögliche erneute Flut vorzusorgen. Foto: Susanne Esch

Bürgermeister Yannick Steinbach fügt an, auch die Politik habe gelernt: „Damals gab es plötzlich keine unterschiedlichen Meinungen und Interessen mehr, sondern nur noch das Ziel, zu helfen“, schildert er. Die Politik müsse nun handeln. „Wir sind gerade dabei, tausende Quadratmeter zu erwerben – beispielsweise am Sülzbogen –, um Retentionsflächen zu schaffen und ein neues Pflegekonzept für Deiche zu erstellen.“

So endet auch das Musical mit einem passenden Satz: „Noah wartete mit seiner Familie über 370 Tage in der Arche, bis das Wasser wieder sank“, sagt ein Mädchen. „So lange kann ich nicht schwimmen. Da baue ich mir lieber ein Boot.“

Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch

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