„Low Tech“ statt komplexer Hightech-Lösungen – Erhard Maria Klein bei der Melanchthon-Akademie

Warum brauchen wir eigentlich immer mehr Technik? Erhard Maria Klein spricht über „Low tech“ als Gegenentwurf zu immer komplexeren Hightech-Lösungen – und darüber, warum Einfachheit, Reparierbarkeit und Angemessenheit entscheidend für eine nachhaltige Zukunft sein könnten. Er gibt eine Einführung in die „Low tech“-Prinzipien als Auftakt zu der neuen Serie „Low Tech Lessons“ bei der Melanchthon-Akademie.

Sie beschäftigen sich im Grunde schon Ihr Leben lang mit der Idee von „Low tech“. Was ist das denn eigentlich?

Erhard Maria Klein: „Low tech“ meint einfache, nachhaltige und reparaturfreundliche Technologien, die wenig Energie verbrauchen. Vieles kann man sogar selbst bauen – wenn man das denn will. „Low tech“ spielt natürlich sprachlich mit dem Gegensatz zu „Hightech“, aber es ist keineswegs technologiefeindlich. Es geht also um eine Technik, die gesellschaftlich verstehbar, aneignungsfähig und selbstbestimmter nutzbar bleibt.

Wasserfilter, Kochkisten, Solarladestationen, Warmwasseraufbereitung… all das kann „Low tech“ sein?

Erhard Maria Klein: Ja. Das sind alles gute Beispiele. Aber es gibt die Tendenz, den Begriff auf konkrete Produkte anzuwenden und als Label zu vermarkten, etwa bei „Low tech-Gebäuden“. Auch das „Low-tech-Lab“ rund um Corentin de Chatelperron, dessen Arbeit ich sehr schätze, verfolgt stärker einen konkreten, praxis- und technologiebezogenen Ansatz: Low tech erscheint dort oft als Sammlung nützlicher, zugänglicher und reproduzierbarer Lösungen.

Was ist es denn dann für Sie?

Erhard Maria Klein: Erstmal: „Low tech“ ist kein geschützter oder eindeutiger Begriff. Deshalb existieren unterschiedliche Deutungen: von konkreten technischen Lösungen über Designprinzipien bis hin zu umfassender Gesellschaftskritik. Ich vertrete ganz klar den Ansatz, den Kris De Decker mit dem „Low-Tech Magazine“ geprägt hat.

Er verwendet „Low tech“ nicht als Bastlerromantik oder Produktkategorie, sondern als Technik-, Energie- und Zivilisationskritik. Die Grundannahme ist: Nicht jedes gesellschaftliche oder ökologische Problem verlangt nach einer neuen Hightech-Lösung. Stattdessen geht es darum, welche einfacheren, sparsameren oder historisch verdrängten Systeme unter den Bedingungen ökologischer und materieller Grenzen tragfähiger sein könnten.

Die zentrale Frage ist: Welche Bedürfnisse haben wir und welche technische Komplexität ist dafür überhaupt nötig? Low tech ist hier also nicht „weniger fortschrittlich“, sondern die Suche nach einem angemessenen technischen Niveau innerhalb planetarer Grenzen.

Das heißt konkret: Man schaut auf den Energiebedarf, die erforderlichen Ressourcen und Lieferketten, die Reparierbarkeit, die Skalierung, und schließlich auch auf die Machtstrukturen und den gesellschaftlichen Kontext. Low tech ist damit weniger eine Eigenschaft von Dingen als eine Frage nach ihrer Angemessenheit.

Low tech ist dann eher ein Mindset? Kann man das so sagen?

Erhard Maria Klein: Genau. Eine Art Methode, technologische Selbstverständlichkeiten zu überprüfen, ob sie unter realen ökologischen, sozialen und energetischen Bedingungen dauerhaft sinnvoll sind.

Und wonach beurteilt man, ob etwas in diesem Sinne angemessen ist?

Erhard Maria Klein: Ein zentrales Prinzip wäre zum Beispiel: Energiebegrenzung statt Energieblindheit. Viele Hightech-Systeme setzen voraus, dass Energie billig und dauerhaft verfügbar ist. Low tech fragt dagegen: Welche Technologien bleiben auch dann tragfähig, wenn Energie knapp, lokal oder unzuverlässig ist? Daher das Interesse an Windkraft, Fahrradinfrastruktur, Solarthermie oder mechanischen Lösungen.

Solche Lösungen sind irgendwie „handhabbarer“ sind, oder?

Erhard Maria Klein: Ja, darum geht’s. Komplexitätsreduktion als Resilienzstrategie könnte man dieses Prinzip nennen. Bevorzugt wird alles, was reparierbar, lokal wartbar, transparent und weniger abhängig ist von globalen Lieferketten, Spezialwissen oder seltenen Rohstoffen. Ivan Illich hat dies mit seiner Idee der „Konvivialität“ bereits beschrieben: Technik soll menschliche Handlungsspielräume erweitern, gemeinschaftlich nutzbar bleiben und Menschen nicht durch übermäßige Systemkomplexität, Expertenabhängigkeit oder technokratische Kontrolle entmündigen.

Woher kommen die Ideen?

Erhard Maria Klein: Im Low tech-Denken gelten vergangene Techniken als Ideenarchiv für post-fossile Zukünfte. Aber alte Technologien gelten nicht automatisch als besser, sondern als verdrängtes Reservoir möglicher Lösungen. Historisches Lernen statt Fortschrittslinearität!

„Low tech“ ist also nicht „Zurück in die Vergangenheit“, sondern eher Fortschritt durch Begrenzung, selektive Wiederentdeckung und technische Demut. Manchmal ist weniger Technik die intelligentere Technologie. Zugespitzt formuliert: Low tech ist nicht die Ablehnung von Fortschritt, sondern die Kritik an Fortschritt, wenn darunter immer mehr Komplexität, Energieverbrauch und Abhängigkeit verstanden wird.

Programmhinweise

einfach, nachhaltig, krisensicher

Mit „low tech“ zur Selbstermächtigung

Di, 29.09.2026, 19:30-21:00, online, 8€

Mit Erhard Maria Klein

Low Tech Lessons (1): Heizen

Menschen wärmen, nicht Räume

Di, 17.11.2026, 19:30-21:00, online, 8€

Mit Erhard Maria Klein

Text: Martin Horstmann/MAK
Foto(s): Privat/APK-Collage

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