Gemeinsam für den FC: Ökumenische Fan-Andacht im Kölner Dom zum Bundesliga-Auftakt

„Bevor es gleich im RheinEnergieStadion losgeht, geht es jetzt um etwas anderes, das sogar noch ein wenig wichtiger ist als drei Punkte – auch wenn das schwer zu toppen ist“, begrüßte Stadt- und Domdechant Monsignore Robert Kleine rund 4.000 Menschen zur Fan-Andacht im Kölner Dom. „Es geht um Freundschaft, um Gemeinschaft, um Gott und seinen Segen.“ Neben ihm ergänzte Stadtsuperintendent Bernhard Seiger: „Wir feiern miteinander die Freude am Sport, am Spielen und an der Lebendigkeit unseres FC.“
Willkommen im traditionellen ökumenischen Gottesdienst zum Start der neuen Saison der Fußball-Bundesliga sind gleichermaßen alle Fußballfreunde. Gleichwohl verwundert nicht, dass die Besuchenden der Kathedrale aufgrund ihrer Trikots, Schals, Banner und Fahnen fast ausschließlich als Anhängende des heimischen 1. FC Köln zu identifizieren sind.
FC-Hymne und kölsche Klassiker im Dom
So auch bei der neuerlichen Auflage der „FC-Andacht“ in Rot und Weiß. Darin glänzte der Organist Wolf-Rüdiger Spieler mit Improvisationen kölscher Klassiker wie dem auch als FC-Tor-Hymne bekannten Lied „Denn wenn et Trömmelche jeht“. Zum Abschluss erklang die enthusiastisch mitgesungene und mit dem Wirbeln der Schals begleitete FC-Hymne – mit Kleine und Seiger in der vordersten Reihe.
„Was du tust, mach ganz“: Vom Schatz im Acker
Bernhard Seiger legte in seiner Ansprache die Lesung von Jesu Gleichnis vom Schatz im Acker (Matthäus 13,44–46) auch mit Blick auf die Faszination des Fußballsports aus. „Ein Mann entdeckte den Schatz und grub ihn wieder ein. Und in seiner Freude ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte den Acker.“ Seiger nannte Jesus einen Meister der knappen Worte, „die man auf Anhieb versteht“. Wie diese „Geschichte über das Wesentliche des Lebens“. Darin gehe es nicht um den konkreten Schatz, sondern um das, was mit unserem Leben zu tun habe.
Da sei dieser Schatz vielleicht eine Beobachtung an sich selber: „Die eigene Begabung zu finden, kann so ein Schatz sein.“ Ebenso die große Liebe oder den Beruf des Lebens zu finden nach dem Motto: „Das ist mein Ding, dafür brenne ich.“ Beispielsweise der junge talentierte Fußballer. Er trainiere fleißig, werde gefördert, setze alles auf diese Karte, auf den wertvollen Schatz 1. FC Köln. Für diesen lohne es sich zu kämpfen. Schließlich laufe er für seinen Wunschverein im Stadion auf und gebe alles, was er habe.

Alles auf eine Karte zu setzen, bedeute ein enormes Risiko, gab Seiger zu bedenken. An dem Punkt, an dem der Schatzfinder allen Besitz verkaufe, um den Acker und damit den Fund zu sichern, nehme die Geschichte Fahrt auf. Doch wo andere zögerten, setze Jesus alles auf eine Karte. „Das, wovon er überzeugt ist, macht er ganz, mit Leib und Seele.“ Man habe ihm seine Worte abgenommen, weil er eingetreten sei für das, „was er glaubte und sagte“, betonte der Stadtsuperintendent. Deshalb verfügten seine Worte bis heute über ein solches Gewicht: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ „Was du tust, mach ganz.“ Indem er Leidenschaft und Einsatz verlange, fordere Jesus uns heraus. Beides könne man auch beim so faszinierenden und spannenden Fußballspiel erleben. Dagegen ertrügen Fans weder Laschheit noch Arroganz. „Es geht um den unbedingten Dienst für die Mannschaft.“ Die Bundesliga, betonte Seiger, sei am Ende natürlich nur „ein Spiel“. Aber der Einsatz dort diene als ein Spiegel für unser Leben, egal, wo unsere persönlichen Grenzen lägen.
„Was du tust, mach ganz, lebe ganz. Sonst könntest du die Chance deines Lebens verpassen“, verdeutlichte Seiger die Botschaft der Geschichte vom Schatz. Und diese enthalte natürlich noch viel mehr, so der Prediger: „Dieser Schatz, um den sich alles dreht, ist das Himmelreich. Das heißt, das Leben in Gemeinschaft mit Gott und nach Gottes Maßstäben.“ Jesus sage: „Bei allem, was geschieht, sei dir bewusst, da ist einer, der ist für dich da. Der sieht dich mit den Gaben und deinen schwachen Seiten. Bei allem, was du tust, vergiss nicht: Dein eigentlicher Anker, deine eigentliche Sicherheit ist dort.“ Laut Seiger können wir sehr wohl zwischen dem Spiel und dem Leben als Gottes großer Gabe an uns unterscheiden. Und doch beides mit Freude, mit ganzem Einsatz und Leidenschaft leben. In diesem Sinne wünschte er: „Möge es eine gesegnete und erfolgreiche Bundesliga-Saison 2026/27 für unseren FC werden – mit Leidenschaft und ganzem Einsatz und Erfolg – und ohne die Sorge um den Klassenerhalt!“
„Freundschaft ist etwas Wunderbares“
Robert Kleine sprach zentral über Freundschaft im Neuen Testament, im Sport, im Leben. „Auch Jesus war ein Freund“, so der Stadtdechant. Seine Jünger bezeichnete der Prediger als „eine ziemlich bunte Truppe“: Menschen mit unterschiedlichen Charakteren und Begabungen. „Sie waren alles andere als perfekt.“ Trotz Kenntnis ihrer Schwächen habe Jesus sie Freunde genannt. Kleine findet das bemerkenswert. „Vielleicht ist das ein wichtiger Gedanke für unsere eigenen Freundschaften.“ Wir müssten eben nicht perfekt sein, um füreinander da zu sein. „Echte Freundschaft bedeutet: Ich mag dich nicht nur an deinen guten Tagen.“ Ein Freund kenne meine Fehler, aber reduziere mich nicht auf sie. Neben Vertrauen brauche Freundschaft manchmal eine ziemlich große Portion Vergebung, sagte Kleine. So, wie Jesus den ihn verleugnenden Petrus nicht abgeschrieben, sondern ihm ermöglicht habe, neu anzufangen. „Auch das ist für mich ein wunderbares Bild für Freundschaft: Du musst nicht perfekt sein. Du darfst Fehler machen. Und du musst deinen Weg nicht alleine gehen.“
Freundschaft, Rivalität und Respekt auf den Rängen – Fanfreundschaft zwischen Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln
Davon habe zuvor auch ein Fan-Gottesdienst in Dortmund erzählt. Dort war Kleine als Prediger eingeladen. „Zwei Städte, zwei Vereine. Trotzdem, auch hier ging es um Freundschaft, um die bemerkenswerte Fanfreundschaft zwischen Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln.“
Eigentlich lebe der Fußball doch von Rivalität. „Aber Rivalität muss, ja darf nicht Feindschaft bedeuten“, forderte der Stadtdechant. Genau hier beginne etwas, was auch mit unserem christlichen Glauben zu tun habe. „Denn Christ sein bedeutet ja nicht, dass alle Menschen gleich denken müssen.“ Christlicher Glaube sage vielmehr, dass der andere Mensch dein Bruder und deine Schwester bleibe, auch wenn er anders denke, anders lebe und sogar ein anderes Trikot trage. Diese Haltung sieht Kleine in zwei Fanliedern wunderbar ausgedrückt. Zwei Hymnen mit unterschiedlichen Traditionen: „You’ll Never Walk Alone“ („Du wirst niemals alleine gehen“), das auch in Dortmund gesungen wird. „Und wir Kölner singen ,Mer stonn zu dir‘.“

Wir Kölner könnten unsere Hymne verstehen, nicht nur – komme, was wolle – als Zusage zu unserem FC. „Wir stehen auch als Fans zueinander. Wir sind eine große Gemeinschaft beim FC.“ Laut Kleine berühren diese eigentlich ganz einfachen Worte der Hymnen etwas sehr Tiefes im Menschen. Denn niemand wolle allein sein. Jeder Mensch brauche andere, die sagten: „Ich bin bei dir. Ich stehe zu dir, ich lasse dich nicht alleine, ich gehe deinen Weg mit dir.“ Genau diese Erfahrung gehöre nicht nur zum FC und Fußball, sondern ganz zentral auch zu unserem christlichen Glauben. „Der eine trage des anderen Last.“ Dieser Satz von Paulus passe laut Kleine erstaunlich gut auch auf eine Fußballtribüne. Im Stadion trage man die Freude und Enttäuschung gemeinsam. Natürlich meine Paulus unser ganzes Leben: „Tragt einander, lasst den anderen nicht allein. Seid füreinander da. So wie Gott. Denn die Bibel erzählt uns immer wieder von einem Gott, der die Menschen eben nicht allein lässt.“
Vielleicht sei das die tiefste Botschaft von „You’ll Never Walk Alone“. Und vielleicht stecke dieselbe Sehnsucht in „Mer stonn zu dir“. Für Kleine ist es ein wirklich christlicher und schöner Gedanke, dass Gott auch und gerade dann zu uns stehe, wenn es schwierig werde. Christliche Gemeinschaft zeige sich insbesondere dann, wenn jemand schwach wird, fällt, traurig ist, Hilfe braucht. „Das ist dann mehr als Fußball, das ist Menschlichkeit.“ Im Mittelpunkt unseres Glaubens stehe ein Gott, der uns Menschen immer wieder zusage: „Ich bin bei dir.“ Wir seien eingeladen, diese Zusage an unsere Familie, Freunde, Nachbarn und einsame Menschen weiterzugeben. „Auch an die Menschen, die ein anderes Trikot tragen als wir. Denn am Ende sind wir doch alle mehr als Fans. Wir sind Menschen. Und aus christlicher Sicht sogar noch mehr. Wir sind Kinder Gottes.“
Leidenschaft und Respekt gehören zusammen
Auch Kleine wünschte dem FC natürlich Erfolg. Allen Clubs wünschte er vor allem gewaltfreie Fans, die zeigten, dass Leidenschaft und Respekt zusammengehörten. „Vielleicht ist genau das die Botschaft, die wir heute vom Dom aus in die neue Saison tragen können: Dass man für seinen Verein brennen kann, ohne den anderen niederzumachen.“ Wenn wir das auch in unser Leben mitnähmen, dann hätten wir etwas verstanden, was weit über den FC und Fußball hinausgehe. „Weil es für unser ganzes Leben gilt.“
Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich
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