„Gib mir ein hörendes Herz“: Gottesdienst zum Schuljahresbeginn
Am Vorabend des ersten Schultages nach den Sommerferien haben Religionslehrerinnen und -lehrer in der Kartäuserkirche in der Kölner Südstadt einen Abendmahlsgottesdienst gefeiert, um sich gemeinsam und mit Gottes Segen für das neue Schuljahr zu stärken. Eingeladen hatte das Team des Schulreferates und des Pfarramtes für Berufskollegs auch zum anschließenden Austausch bei Speis und Trank.
„Gib mir ein hörendes Herz“ (1.Könige 3,9): Mit dieser Bitte des Königs Salomos begrüßte Markus Zimmermann. „Dieser Bitte gehen wir nach in diesem Gottesdienst und vielleicht auch im neuen Schuljahr“, sagte der Vorsitzende des Bevollmächtigtenausschusses des Kirchenkreises Köln-Linksrheinisch. „Gut zuhören – das werden sie jetzt wieder versuchen in der Schule, das ist anstrengend, zumal in der Geräuschkulisse im Hintergrund.“ Ein hörendes Herz zu haben sei noch einmal anspruchsvoller. Man wolle heute fragen, „was sich König Salomo von Gott in seinem Traum wünscht“.
In Thomas Frerichs´ Händen lag die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes. Der Kantor der Kartäuserkirche spielte virtuos die zum Thema ausgewählten Lieder wie „Schweige und höre“, „Herr, gib uns Mut zum Hören“ und „Schenke mir Gott ein hörendes Herz“.
„Nach innen lauschen – Meditation und Gebet“

Schulreferentin Carmen Schmitt lud die Anwesenden in einer meditativen Phase ein, „auch in euch, in eure Herzen und in die Stille zu lauschen, was da gerade ist“. Was da sei, dürfe hier sein. „Lass deinen Mund stille sein, dann spricht dein Herz. Lass dein Herz stille sein, dann spricht Gott.“ Schließlich betete sie: „Gott lass unsere Herzen ganz stille werden. Damit wir hören können, wahrnehmen können, was jetzt wesentlich ist.“
Gemeinsam mit Martina Greising aus dem Sekretariat der beiden Referate lasen die Pfarrer Radomír Nosek und Jost Klausmeier-Saß, beide Bezirksbeauftragte für Berufskolleg, aussagekräftige Bibelstellen zum Thema.
Mit Impulsen und erhellenden Informationen warteten Pfarrerin Claudia von Aswegen und Pfarrer Thomas vom Scheidt auf. Die Bezirksbeauftragte für Berufskollegs und der Schulreferent sprachen Grundlagen der Kommunikation an. Und gingen ein auf die wunderbare Erfahrung, die ein zugewandtes Zuhören zeitigen kann.
„Sich Gehör zu verschaffen wird ab morgen wieder eine tägliche Herausforderung für uns“, hoffte vom Scheidt auf einen zumindest gedämpften Geräuschpegel. „Wenn ich akustisch nichts verstehe, dann kann ich auch nicht zuhören. Wir brauchen Aufmerksamkeit füreinander, um einander zu begegnen und zuzuhören.“ Das werde in der Schule, aber auch im Alltag immer schwieriger.
„Das Hören hat in unserer Kirche Tradition“, so vom Scheidt. „In der Bibel ist das Hören eine zentrale Sinneswahrnehmung.“ Hören und gehört zu werden sei für jeden Menschen von enormer Bedeutung. „Im alten Orient war das noch wichtiger als heute, weil wesentliche Texte und Traditionen mündlich überliefert wurden.“ So wie das „Schma Jisrael“ („Höre, Israel!“), das jüdische Glaubensbekenntnis. Das jüdische Wort Schma bedeute aber mehr als akustisch zuzuhören, so vom Scheidt.
„Für ihn gehören Ohr und Herz zusammen.“
Seinen Hinweis führte von Aswegen aus: „Ja, es bedeutet Gehorsam, Verstehen und auch das praktische Handeln nach dem Wort Gottes.“ So könne man vielleicht auch Salomos Text verstehen. Der weise König habe sich im Traum auf Gottes Frage, was er sich wünsche, nach langem Nachdenken ein „hörendes Herz“ erbeten: Damit er Gut und Böse voneinander unterscheiden, schwierige Situationen im Volk lösen könne. „Für ihn gehören Ohr und Herz zusammen. Er will nicht nur akustisch hören, sondern hören, was hinter dem Gesagten eigentlich steckt“, stellte die Bezirksbeauftragte fest. So wie manchmal in der Schule, wenn man nicht nur mit den Ohren höre, sondern mit dem Herzen wahrnehme, worauf die Schüler mit bestimmten Fragen tatsächlich hinauswollten.
Von Aswegen gefällt an diesem Text, dass Salomo dieses hörende Herz nicht selbst produziert habe oder davon ausgehe, bereits darüber zu verfügen. „Er bittet Gott darum. Und Gott schenkt ihm das hörende Herz.“ Auch wir dürften Gott um ein solches bitten.
„Demokratie braucht Religion“ heißt ein Buch des Soziologen Rosa

Vom Scheidt führte aus, dass der Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch „Demokratie braucht Religion“ Salomos Gedanken aufgreift. Für Rosa, so der Schulreferent, „können hörende Herzen helfen, die Demokratiemüdigkeit zu überwinden“. Als dessen zentrales Thema in den letzten Jahren bezeichnete er die Resonanz. „Für Rosa ist dieses hörende Herz genau dafür ein Zeichen, das ich bereit bin, mich berühren und verwandeln zu lassen. Denn ein hörendes Herz erzeugt Resonanz. So kommt Bewegung in Beziehungen, so lassen sich Menschen auch wirklich verändern und mitnehmen.“ Rosa meine, für ein Gelingen der Demokratie benötigten wir dieses tiefe Zuhören, das nicht beim Hören bleibe, sondern Wirkung entfalte.
Interessanterweise sehe Rosa gerade die Kirchen als Übungsorte, um das zu lernen, hob vom Scheidt hervor. Er sage: Die Kirchen verfügten über jahrtausendealte Praktiken und Ideen, um diese Haltung des Sich-Berühren- und Sich-Verwandeln-Lassens erfahrbar zu machen. „Zum Beispiel durch das Gebet oder beim Feiern des Abendmahls, also was wir hier gerade tun.“ Und auch Schulen seien solche Orte, so der Schulreferent.
„Wenn mir wirklich jemand zuhört, dann kann ich Vertrauen fassen.“
Am Ausgang des Dialogs stellte von Aswegen fest, dass in unserer multimedialen Welt offenbar das Sehen eine viel größere Rolle gegenüber dem Hören spiele. Auch angesichts von KI, die Schüler intensiv zur Kommunikation nutzten, plädierte sie dafür, das Zuhören unter Menschen zu stärken. „Ich merke, wenn mir wirklich jemand zuhört, dann kann ich Vertrauen fassen, dann fühle ich mich ernst genommen.“ Die schönen Momente im Religionsunterricht seien diejenigen, in denen Schüler einander zuhörten. „Wenn sie wahrnehmen, was die andere Person gerade gesagt hat und sie sich davon berühren lassen.“
Im dialogischen Format ein hörendes Herz eingeübt
„Ein hörendes Herz zu haben, könne man auch üben“, wandte sich Schmitt an die Gemeinde. Sie sprach über den „Achtsamen Dialog“ – und ließ die Besuchenden diese strukturierte Kommunikationsmethode gleich praktisch umsetzen: Es bildeten sich Pärchen, von denen zunächst eine Person zwei Minuten etwa darüber sprach, worauf sie sich im neuen Schuljahr freut. Die andere hörte „tief und mit offenem Herzen“ zu, ohne zu unterbrechen oder nachzufragen. „Man muss nicht zustimmen oder Ratschläge geben. Ich darf einfach nur dasitzen und hören“, erläuterte Schmitt. Im zweiten Durchgang wurden die Rollen getauscht. Der „Achtsame Dialog“ sei auch mit Schülern und Freunden „ganz wunderbar“ zu machen, gab die Schulreferentin mit auf den Weg.
Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich
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