„So waren wir nie“ – Ordination von Dagny Weyermanns in der Martin-Luther-Kirche Porz-Wahnheide
„Du bist der Gott, der mich sieht.“ Aus dem 1. Buch Mose, 16,13 stammt der Spruch, den sich Dagny Weyermanns für ihre Ordination ausgesucht hat. Superintendentin Kerstin Herrenbrück war in die Martin-Luther-Kirche zu Porz-Wahnheide gekommen, um die Ordination vorzunehmen. Sie wandte sich direkt an die Pfarrerin, die ihre Stelle in der evangelischen Gemeinde im Südosten Kölns angetreten hat: „Es ist mir ein Fest, Sie zu ordinieren. Hier an diesem Ort. Und es ist für Sie ein Fest.“ Sprach es und warf zur Überraschung aller in der vollbesetzten Kirche eine Handvoll Konfetti in die Luft.
Konfetti als Symbol für bunte Vielfalt
Konfetti stehe beispielhaft für die Feststimmung, die bei der Ordination herrsche. „Für Feier und Leichtigkeit“, fuhr Herrenbrück fort. „Und die bunte Vielfalt, die Gott uns schenkt.“ Eine Hand voller Farbe allein bewirke wenig, Wirkung erziele die Buntheit. Jedes einzelne Konfetti-Element sei dafür verantwortlich. Im Pfarramt seien einige aller Gläubigen zu einem besonderen Dienst berufen. Nämlich zum Gottesdienst, zur Seelsorge, zur Unterrichtung über das Evangelium und zum Mitwirken beim Aufbau der Kirche in der Welt. Es gelte, die Geistkraft lebendig und spürbar werden zu lassen. „Ich wünsche Ihnen Mut und Zuversicht in Ihrem Reden, den großen und ewigen Frieden Gottes zu bezeugen.“
Vom Niederrhein nach Köln-Südost
Dagny Weyermanns wuchs am Niederrhein auf und studierte nach ihrem Abitur evangelische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie predigte in dem Ordinationsgottesdienst über die Apostelgeschichte 4, 32–37. In der liest man Erstaunliches: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ Und: „Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.“
Utopie gegen Dystopie – und das Ideal des Abgebens
Klingt, nun ja, einigermaßen paradiesisch. Oder wie eine Utopie, der Weyermanns zu Beginn ihrer Predigt das exakte Gegenteil gegenüberstellte: die Dystopie. Als Beispiel nannte sie die „Hungerspiele“ in „Die Tribute von Panem“ und das unerträgliche Leben der Untertanen in George Orwells Klassiker „1984″. Die Autoren dieser Dystopien hätten vor allem warnen wollen vor den Umständen, die sie beschrieben – in der jeder gegen jeden aufgehetzt wurde. In der Apostelgeschichte sehe das zunächst einmal ganz anders aus, so die Pfarrerin: „Die ganze Gemeinde ist ein Herz und eine Seele. Allen ist alles gemeinsam. Niemand in der Gemeinde musste Not leiden. Der Traum von einer Welt, nach der sich viele sehnen, ist wahr geworden. Die Menschen geben ihren Besitz auf.“ Aber leider zu schön, um wahr zu sein: „So waren die Christen nie“, goss Weyermanns reichlich Wasser in den Wein. Dieses Bild der besitzlosen Urgemeinde sei auch historisch nicht haltbar. Und auch das Modell der Täufer von Münster sei bei den Christen nicht auf Gegenliebe gestoßen. „So waren wir nie, die wir die verteufelt haben.“ Alles gemeinsam haben sei doch eher das Credo der Kommunisten gewesen. Und es sei bezeichnend, dass besagter Text aus der Apostelgeschichte lange nicht Teil der Predigtordnung gewesen sei. Trotzdem stelle Lukas dieses Modell der gemeinsamen Besitzlosigkeit in den Mittelpunkt der Passage 4, 32–37. „Wann lernen wir das mit dem Abgeben? Und damit ist nicht Ausmisten gemeint. Wann werden wir so gerecht, wie wir nie waren? Wir brauchen Idealbilder in unserer Gesellschaft und in unserem Leben.“ Das Positive als Gegenpol zur Realität zu sehen, könne viele Kräfte freisetzen. „Ich möchte mich ab heute mehr mit Utopien abgeben.“
Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann
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