Befreiungsschlag oder Eskapismus? Feministischer Buchclub diskutiert Miranda Julys „Auf allen vieren“

Im Garten der Kartäuserkirche sitzen viele Frauen und ein Mann unter der sinkenden Sonne auf Liegestühlen mit einem Gläschen Sekt. Manche haben ein Buch neben dem Stuhl liegen: „Auf allen vieren“ von Miranda July. Um den Roman drehen sich die Gespräche an diesem Abend. Denn heute findet die „Sommeredition“ des „Feministischen Buchclubs“ statt, eine Veranstaltung des „Anderen Buchladens“ und des „Jungen Campus“. Die Bildungsplattform beruht auf einer Kooperation zwischen der Evangelischen Familienbildungsstätte, dem Evangelischen Jugendreferat und der Melanchthon-Akademie und richtet sich strenggenommen an junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Beim „Feministischen Buchclub“ sind auch einige ältere Frauen dabei. Frauenrechte kennen keine Altersgrenze. Die Moderatorin und Studienleiterin der Melanchthon-Akademie Lea Braun hat ihn ins Leben gerufen, und der Andere Buchladen steuert den passenden Lesestoff bei. Seit neun Monaten läuft der Buchclub – eigentlich im Buchladen. Doch im Sommer bietet der Kirchengarten einen besonders schönen Veranstaltungsort mit viel Platz: Braun hat drei Gesprächskreise gebildet, damit alle zu Wort kommen können. Daher moderiert sie auch ausnahmsweise nicht, sondern überlässt den Besucherinnen selbst das Gespräch – und einen Zettel mit Fragen als Inspiration. Die ist gar nicht nötig, denn die vergleichsweise schräge Lektüre heizt gleich die Diskussion an: Es handelt sich um einen „Roadtrip“, der unplanmäßig keiner wird – eher eine skurrile Reise ins Innenleben der Protagonistin, einer mittelmäßig bekannten Künstlerin. Sie schenkt sich selbst zum 45. Geburtstag einen Trip mit dem Auto von der Westküste der USA nach New York. Doch wenige Kilometer von ihrem Vorstadthaus entfernt verliebt sie sich vermeintlich in Davey, der ihre Autoscheibe an der Tankstelle saubermacht, mietet sich in einem billigen Motel ein und lässt sich von Daveys Frau das Motelzimmer für 20.000 Dollar umgestalten – während sie mit ihm eine eher seltsame Affäre hat.
Menopause, Identität und absurde Wendungen: Was der Roman aufwühlt

Das Buch war als Lektüre für den Sommerleseclub vorgegeben. Selbst hätte sie es sich vermutlich nicht ausgesucht, sagt eine Besucherin. Das Thema Menopause habe sie nicht angesprochen. Aber dann habe die facettenreiche Persönlichkeit der Protagonistin sie gefesselt – und die Frage, welche absurden Geschehnisse sich eine Autorin ausdenken kann, oder ob sie vielleicht gar nicht ausgedacht sind. Kann Frau tatsächlich so unterwegs sein? Für viele sind ihre Handlungen schwer nachvollziehbar: „Ich hatte wirklich Schwierigkeiten, mich mit der Hauptperson zu identifizieren“, sagt eine Frau. Eine andere fand es „cool, in das Gehirn einer Person zu gucken, wenn sie – vielleicht – eine manische Phase hat.“ Mancher war das zu viel: „Ich bin ausgestiegen, als sie das Hotelzimmer umgestaltet hat“, meint eine. Über die Szene ist auch Lea Braun gestolpert. „Das ist ein Moment der Selbstbestimmung, aber eben gar nicht nachhaltig“, findet sie. Friederike Dobisch vom Anderen Buchladen sieht das anders: „Ist es nicht gut, im Leben einmal etwas Absurdes zu tun, einmal mit allen Regeln zu brechen?“ Die Sitznachbarin hat einen Grund dafür ausgemacht: „Vielleicht ist es eine Vermeidungsstrategie, um sich von sich selbst abzulenken.“
Patriarchale Prägungen und das Schweigen über Leid

Auch das Gespräch in der Nachbarrunde ist mittlerweile in tiefere Gefilde eingetaucht: Man kämpfe beim Lesen mit den patriarchalischen Vorstellungen von Sex, von denen alle geprägt sind, sagt eine Frau. Sie habe bei sich selbst bei der Lektüre Widerstand dagegen entdeckt – gegen das Aussteigen aus den Konventionen. Eine Gesprächspartnerin hat Verständnis dafür: „Die Frau ist in ihrer Ehe unzufrieden, muss ihrem Mann Sex geben, sonst ist er nicht glücklich. Er kümmert sich um das Kind und wird dafür gelobt, aber sie wird nicht gesehen.“ Eine Aussage des Romans sei: „Schau einmal, wie wenig reicht, um zu sagen, dass ein Mann ein guter ist.“ Im Nachbarkreis erinnert der Mann an die im Buch erwähnte schwierige Geburt der Protagonistin, bei der ihr Kind fast gestorben wäre. Man ist sich einig: Sie und ihr Mann seien spürbar traumatisiert, würden darüber aber nicht reden. Es würde viel verheimlicht – Leid, Bedürfnisse. Dafür würden spezielle Räume geschaffen: das Hotelzimmer für den Sex mit dem Fremden und heimliche Junkfood-Orgien mit den Freundinnen.
Das Fazit: Individueller Aufbruch oder feministischer Befreiungsschlag?
Das Fazit des Abends lautet: Der Roman beschreibt einen Befreiungsschlag. Aber ist es ein individueller oder ein feministischer? Während der Diskussion macht eine Frau eine Entdeckung: „Sagt mal, ist euch eigentlich aufgefallen, dass man an keiner Stelle im Roman erfährt, wie die Hauptfigur eigentlich heißt?“ Das hatte keine Leserin bemerkt.
Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch
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