„Wo ist unsere Geschichte?“ – Köln erinnert an den Völkermord an Roma und Sinti

Der Völkermord an 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens hat als Holocaust ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Doch der Samudaripen, die gleichzeitige Ermordung von 500.000 Roma und Sinti, ist nahezu eine Leerstelle in der gesellschaftlichen Erinnerung. Am 21. Mai 1940 wurden auch vom Bahnhof Deutz 1.000 Zugehörige dieser Volksgruppen in die KZs in Polen deportiert und ermordet. Das Konzentrationslager Jasenovac in Kroatien, während des Zweiten Weltkrieges eines der größten Vernichtungslager in Europa, ist nicht ansatzweise so bekannt wie Auschwitz. Dort wurden Roma und Sinti – auch ohne deutsche Beteiligung – planmäßig umgebracht. Eine Gedenkveranstaltung der Melanchthon-Akademie und ihrer Kooperationspartner im VHS-Forum an der Cäcilienstraße hat nun an den Völkermord erinnert und die mühsame Aufarbeitung thematisiert.

Gedenken, Erinnern, Mahnen

Homaira Mansury, Fachbereichsleiterin für Politische Bildung der VHS Köln, und Ruždija Sejdovic, Vorstandsmitglied des Vereins Rom begrüßen die Veranstaltungsgäste.

Homaira Mansury, Fachbereichsleiterin für Politische Bildung der VHS Köln, und Ruždija Sejdovic, Vorstandsmitglied des Vereins Rom, begrüßten die Veranstaltungsgäste: „Wir als Bildungsträger haben die Aufgabe, historische Verantwortung zu übernehmen“, sagte Mansury. Und so sprachen bei der Veranstaltung verschiedene Experten zum Thema, moderiert von Radoslav Ganev, Rom aus Bulgarien und Gründer des Vereins Romanity in München. „Ich hoffe, dass uns ein Dreiklang gelingt“, sagte er, „zu gedenken, zu erinnern und zu mahnen.“ Den Auftakt dazu machte Magdalena Lovric von der Stiftung Verantwortung und Zukunft mit einem Impulsvortrag über die NS-Verfolgung in Kroatien: Bisher seien rund 16.200 Opfer namentlich identifiziert, schilderte sie, davon 5.600 Kinder, 4.900 Frauen und 5.700 Männer. Sie seien auf der „Mauer des Schmerzes“ in der Gedenkstätte in Uštica, nahe des ehemaligen KZ Jasenovac, verzeichnet. Insgesamt seien dort über 83.000 Menschen ermordet worden. Die Ermordung sei von der Ustascha des unabhängigen Staates Kroatien betrieben worden, der von 1941 bis 1945 enger Verbündeter des deutschen NS-Regimes gewesen sei.

Nur wenige Überlebende hätten von der Verfolgung berichten können. Lovric verlas die Aussage eines Zeugen, Stefano Nicolic, beim Strafverfahren gegen den als „kroatischen Himmler“ bezeichneten Andrija Artuković: Er sei mit seiner 20-jährigen Frau, die im neunten Monat schwanger war, und seiner dreijährigen Tochter Danica von der Polizei in das KZ Jasenovac verschleppt worden, erzählt der Mann darin. Er überlebte als Einziger, weil ihm nach 14 Tagen mit anderen die Flucht gelang. Bis dahin hatte er Massengräber von Männern, Frauen und Kindern ausheben und zuschütten müssen. Ihre Körper hätten Spuren unmenschlicher Brutalität gezeigt, schilderte er vor Gericht.

Eine Erinnerungskultur, die lange auf sich warten ließ

Die Gedenkstätte in Uštica in Kroatien erinnert an die ermordeten Roma und Sinti.

Doch auch nach Kriegsende sei es schwierig gewesen, das Geschehene angemessen aufzuarbeiten, erläuterte Lovric. Die Erinnerungskultur im sozialistischen Jugoslawien habe primär dazu gedient, die traumatische Beteiligung an den Kriegsverbrechen unter einer eigenen Identität zu verhüllen – mit dem Konzept der Brüderlichkeit und Einigkeit. „Um die Spannung zwischen den Gruppen, Serben, Kroaten, Bosnier und anderen zu verhindern, wurde der ethnische Hintergrund der Opfer nicht genannt, sondern waren alle Opfer des faschistischen Terrors“, so Lovric. Im Jugoslawienkrieg sei dann die NS-Geschichte für eigene politische Machtinteressen instrumentalisiert worden. Der Weg zu einer würdigen Erinnerungskultur habe erst 2012 begonnen. 2020 sei schließlich das Roma-Gedenkzentrum in Uštica feierlich eröffnet worden. Historiker und Historikerinnen sowie Roma-Verbände würden jedoch auf eine schmerzhafte Lücke hinweisen: Eine Reparationszahlung für die wenigen überlebenden Opfer oder deren Nachkommen habe es vom kroatischen Staat bis heute nicht gegeben. Der Kampf um Anerkennung habe seine Ziele noch nicht erreicht.

„Wo ist denn unsere politische Teilhabe?“

Das bestätigte die anschließende Gesprächsrunde: Der in Mazedonien geborene Sami Dzemailovski vom Verein Carmen versah den an der Gedenkstätte prangenden Satz „Ihr seid nicht vergessen“ mit einem Fragezeichen: Er selbst habe in der Schule in Jugoslawien nicht gelernt, dass Roma Teil des Massenmords waren, schilderte er. „Und hier in der deutschen Schule haben wir nur über Anne Frank gesprochen. Wo ist denn unsere politische Teilhabe?“, fragte er. „Wie viele Roma sitzen in den National-, in den Regionalparlamenten und im EU-Parlament?“ Der 2000 aus dem Kosovo geflohene Filmemacher Kenan Emini thematisierte eine andere Ungleichbehandlung: Vor Krieg flüchtende Roma hätten in Deutschland kein Asyl als solche bekommen, sondern als Albaner oder unter einer anderen Identität, die sie anbieten konnten. Sie seien dann geduldet worden und hätten in ständiger Angst gelebt, abgeschoben zu werden. Im Ukraine-Krieg hätten aber jüdische Flüchtlinge aufgrund der Geschichte eine Sonderstellung erhalten, die ukrainischen eine Aufenthaltserlaubnis. „Wenn unsere Geschichte richtig aufgearbeitet und unsere Würde anerkannt würde“, so Emini, „dann würden wir im Kriegsfall auch einen Schutzstatus genießen.“

Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch

Der Beitrag „Wo ist unsere Geschichte?“ – Köln erinnert an den Völkermord an Roma und Sinti erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.