„Fürchtet euch nicht“: Reformationsfeier in Köln setzt auf Ehrenamt und Ereignisgemeinschaft

Unter dem Motto „Wandel leben – Zukunft glauben“ stand die zentrale Reformationsfeier des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region. Stadtsuperintendent Bernhard Seiger begrüßte die Gäste in der vollbesetzten Trinitatiskirche, darunter der „Stammgast“ Stadtdechant Robert Kleine und die Bürgermeisterin Brigitta von Bülow. Auch Kerstin Herrenbrück war unter den Gästen. Seiger begrüßte auch Dr. Steffen Bauer. Der ehemalige Leiter der Ehrenamtsakademie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau konnte für die Reformationsfeier als Prediger gewonnen werden. Bauer vertrete die These, so Seiger, dass die mittlere Ebene der Kirchenleitung als Verantwortungs- und Gestaltungsraum immer wichtiger werde. „Die Reformationsfeier ist immer ein Anlass, uns zu vergewissern, wer wir sind“, sagte der Stadtsuperintendent. Von Bülow betonte die „tiefe Verbundenheit von Stadt und evangelischem Kirchenverband“. Die Protestanten spielten trotz der katholischen Kirche eine große Rolle in der Stadt. Die evangelische Kirche sei eine starke Stimme für die Stärkung der Demokratie und die Achtung der Menschenwürde. „Sie begegnen Einsamkeit mit Gemeinschaft, Hoffnungslosigkeit mit Begegnung und Ausgrenzung mit Solidarität.“ Während der Reformationsfeier wurden drei Ehrenamtsprojekte vorgestellt.
„Miteinander füreinander da sein“: Drei Ehrenamtsprojekte stellen sich vor
Helga Heyder-Späth sprach über die „Gottesdienste im Augenblick“ in der Gemeinde Dellbrück-Holweide. „Am Anfang steht ein Votum, am Ende ein Segen. Dazwischen steht ein offener Raum, in den sich jede und jeder einbringen kann. Man kann sich ein Lied wünschen, einen Text lesen, über Lebensphasen sprechen und über Glaubensfragen“, berichtete Heyder-Späth. Die Menschen würden sich intensiv beteiligen. „Ich glaube, wir schaffen da so etwas wie die Urkirche. Es ist allerdings ein zusätzliches Angebot und kein Ersatz für die regulären Gottesdienste.“
Alexander Knuth ist Mitglied des Arbeitskreises Zuflucht in Bickendorf. „Es berührt mich im Herzen, Menschen, die bei uns Schutz suchen, auf einem Stück ihres Weges zu begleiten“, beschrieb er sein ehrenamtliches Engagement im Kirchenasyl. Es gelte, da zu sein für Menschen, die benachteiligt seien: „Miteinander füreinander da sein.“
Christine Käthner und Bettina Krakowski arbeiten beim Brotfairteiler an der Thomaskirche im Agnesviertel mit. Dabei stehen neben der Lebensmittelrettung und der damit verbundenen Ressourcenschonung vor allem die Menschen im Mittelpunkt. Verteilt werden Brot, Brötchen und Kuchen an jene, die finanziell nicht auf Rosen gebettet sind. Das Teilen des Brotes habe ja auch eine religiöse Dimension, sagte Käthner. Das Team ist aktuell auf der Suche nach einem neuen Ort für das „Fairteilen“.
„Was Christum treibt“: Dr. Bauer predigt über Matthäus 10

Bauer predigte über Matthäus 10,26b–33 und begann mit einem Zitat des Reformators: „Darin stimmen alle rechtschaffenen Bücher (die Bibel) überein, dass sie allesamt Christus predigen und treiben. Auch das ist der rechte Prüfstein, alle Bücher zu tadeln, wenn man sieht, ob sie Christum treiben oder nicht … Was Christum nicht lehrt, das ist nicht apostolisch.“ An Christus bemesse sich, was christlichen Glauben ausmache, sagte der Prediger. „Jesu Barmherzigkeit, seine Nächstenliebe, sein Zugehen auf alle Menschen, das ist einer der Maßstäbe auch für unser Verhalten.“ Solch ein Verhalten müsse ins Licht getragen werden. Und das täten Christinnen und Christen ja auch.
Bauer verwies auf die drei Beispiele für ehrenamtliches Engagement. Allerdings sei die Kirche auch immer wieder in die Irre gegangen. Während der Nazi-Diktatur habe man es versäumt, jüdisches Leben zu schützen. Und auch für die Missbrauchsopfer sei die Kirche kein sicherer Raum gewesen. Der zentrale Satz in dem Matthäus-Text sei „Fürchte dich nicht“. „Fürchtet euch nicht! Wenn wir von diesen Worten herkommen und auf diese Worte zulaufen, dann können wir mehr als andere die Welt, die Menschen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ehrlich und möglichst umfassend wahrnehmen und bedenken.“ Der Reformationstag habe diese Grundhaltung bekräftigt: „Wir kommen von diesen Worten her und wir laufen auf sie zu: Fürchtet euch nicht.“
Keine Patentrezepte: Bauer nennt drei Dimensionen des Wandels
Bauer unterschied drei Dimensionen. Er zeigte Verständnis für die Sorgen der Jugend. Man dürfe sehr wohl fragen, wie gerecht oder ungerecht es zugehe, wie nachhaltig oder eben nicht gehandelt werde im Großen wie im Kleinen. „Mit unserem ehrenamtlichen und vor allem auch diakonischen Engagement können und sollen wir zugleich Lichter der Hoffnung und Ermutigung anzünden und also zeichenhaft zeigen, dass es auch anders zugehen kann.“ Patentrezepte habe die Kirche allerdings keine, vor allem keinen politischen.
Die zweite Dimension betreffe die Kirchen selbst. Ressourcen gingen zurück. „Man fürchtet um die eigene Identität und das Gefühl der Beheimatung, wenn Gemeinden zusammengelegt, Gebäude langfristig nicht mehr erhalten werden können, das Personal weniger wird.“ Aber: Kirche sei eine Ereignisgemeinschaft, „Gottes Ereignisgemeinschaft“. „Also raus in die Welt, hin zu den Menschen, zu den Kirchen, in die Gemeinden, mittendrin sein. Aus meiner Sicht sind wir zu sehr Behörde geworden, und es gibt viel zu viel Bürokratie.“ Und weiter: „Nicht welche Rechte ein Presbyterium vor Ort hat, ist die entscheidende Frage, sondern wie die Christen in Köln immer wieder und immer wieder neu zu einer Ereignisgemeinschaft werden, in der Gott, unser Glaube und die Folgen dieses Glaubens im Mittelpunkt stehen und spürbar werden in dieser Stadt.“
Als dritte Dimension nannte Bauer den einzelnen Menschen. Es sei leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen und auf deren Fehler hinzuweisen. Daran sollte man sich als Christ nicht beteiligen. „Der Reformationstag, also die Stärkung der Bedeutung, ‚was Christum treibt‘, das gibt mir den Mut, mich den Schattenseiten meines Lebens, meiner Person zu stellen. Dabei vertraue ich auf das Erbarmen Gottes zu meinen Taten und zu meiner Untätigkeit und werde ermutigt, winzige Beiträge für und in dieser Welt zu versuchen.“
Musikalisch geleitet wurde die Reformationsfeier von Samuel Dobernecker, der auch die Orgel spielte. Es sang die kürzlich gegründete Junge Kantorei Köln-Linksrheinisch.
Weitere Eindrücke der Reformations-Feier im Video:
https://youtube.com/shorts/N6CMjug0-gI
Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann
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