Vom Ölmanager zum Pfarrer: Ingmar Wienen startet neu in Höhenberg-Vingst

Gemeindeglieder und Gäste füllen die Erlöserkirche, als Ingmar Wienen in sein Amt eingeführt wird.

Am Ende gibt es für den neuen Pfarrer von der Jugendvertretung der Gemeinde Vingst-Neubrück-Höhenberg eine Schultüte – und Ingmar Wienen strahlt wie ein Kind. Freude über den Neustart stand ihm auch bereits während seines Einführungsgottesdienstes in der Erlöserkirche ins Gesicht geschrieben. Wienen predigte zum Text in Epheser 4: „Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet, und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“, zitierte der Pfarrer. Es gäbe wohl kaum einen besseren Text zum Start einer neuen Arbeitsstelle als diesen, freute er sich und fuhr fort: „Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht. Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“

Ablegen, was zerstört – anziehen, was trägt

„Verfasser und Adressaten scheinen sich nicht zu kennen“, erläuterte Wienen. „Es ist eher ein allgemeines Rundschreiben im Landeskirchenamts-Style.“ Es gehe um grundlegende Gedanken zur christlichen Existenz, um die Einheit der Kirche. Das Bild vom Kleiderwechsel habe eine weitgehende Bedeutung. Wer alte Kleidung ab- und neue anlege, bringe Veränderung zum Ausdruck. Es gehe aber nicht nur um die äußerliche, sondern um alles, was das Menschsein ausmacht. Die Erneuerung von Geist und Sinn sei dabei kein fester Besitz, sondern ein andauernder Prozess, der bis ins Alltägliche hineinreiche. Lügen jeder Art würden die Gemeinschaft der Christen zerstören. Zorn sei manchmal angemessen, sollte aber nicht übermächtig werden. „Wer sich dem Zorn überlässt, der öffnet dem Bösen die Tür“, betonte Wienen. Andere zu unterstützen, könne ein gutes Werk sein. Christinnen und Christen sollten mit guten Worten miteinander sprechen, die aufbauend und hilfreich sind. Bitterkeit, Wut oder Zorn sollten nicht nach außen dringen. „Nicht lügen, nicht zürnen, nicht stehlen, nicht reden, nicht schlecht reden. Das kennen wir doch auch aus dem Ersten Testament“, betonte Wienen. „Das sind mehr als Verhaltensregeln. Diese Mahnungen dienen dem Zusammenhalt der Christinnen und Christen.“

Von der Mineralölbranche zur Kanzel

Ingmar Wienen spricht im Einführungsgottesdienst über einen Abschnitt aus dem Epheserbrief.

Ingmar Wienen kennt sich aus mit dem persönlichen Wandel: Der Mann, der nun Pfarrer in Höhenberg-Vingst ist, war in seinem beruflichen Vorleben Manager in der Mineralölindustrie. Er ist aber weniger Aussteiger als Rückkehrer: Wienen studierte nach dem Abitur auf Rat seines Pfarrers bereits einmal Theologie. Er habe sich dafür begeistert, erzählt Wienen, aber dann seien die Zweifel gekommen, ob er wirklich fromm genug sei. So habe er dann doch ein BWL-Studium angefangen und sich besonders für Wirtschaftsethik interessiert. Und danach betrieb Wienen Feldforschung. 20 Jahre lang. Er habe sich bewusst für die Mineralölindustrie entschieden, schildert er, weil da die wirtschaftsethischen Konflikte offensichtlich mit am größten seien. So verschlug es ihn ins Ausland, vier Jahre nach China und vier nach Russland. Dort habe er an einem Aufbau mitgewirkt. Die Mineralölindustrie könne man aus ökologischer Sicht kritisieren, sagt er, aber vor Ort hätte sie auch einen Beitrag zur sozialen Entwicklung, zu Frauenrechten und zum Demokratieverständnis geleistet. Zurück in Deutschland habe er als Verantwortlicher der Personalabteilung dann aber abbauen und Menschen entlassen müssen. Und damit sei dann die Sinnkrise gekommen. Zehn Jahre lang fand er den nötigen Sinn noch in seiner Nebentätigkeit als Notfallsanitäter im Rettungsdienst. Dann habe die Kirchliche Hochschule Wuppertal einen neuen Masterstudiengang für Quereinsteiger ins Leben gerufen. Und so habe sich alles gefügt.

Renovation statt Reformation

Nun ist er Theologe, frisch ordiniert und Pfarrer in Höhenberg-Vingst, mit vielen Ideen: „Wir müssen, als Kirche ganz anders anfangen“, betont er. „Wir können das hier nicht als eine betriebswirtschaftliche Veranstaltung führen. Wir müssen weiterdenken.“ Im Mineralölkonzern habe es immer ein Negativszenario gegeben und ein Positivszenario – den Idealfall. Den dürfe man auch nicht aus den Augen verlieren. Er würde gerne die Arbeit an den Schwerpunkten der Gemeinde intensivieren, zum einen die Ökumene. „Reformation hatten wir schon“, so Wienen, „aber Renovierung, Renovation, das wäre so mein Ding.“ Man müsse noch einmal schauen, auch theologisch: „Worüber haben wir uns eigentlich gestritten, und muss das eigentlich so bleiben?“ Ein anderer Schwerpunkt sei die Jugendarbeit, eng verbunden mit der Konfi-Arbeit. Er würde gerne mehr erlebnispädagogische Angebote einführen, sodass junge Menschen in Bewegung kommen. Nachfolge habe immer auch mit Bewegung zu tun. Nebenbei sei er weiterhin als Notfallsanitäter bei den Johannitern im Einsatz. „Ich glaube, dass sich das hervorragend eignet, dem Pfarrberuf nochmal so eine praktische Dimension zu geben. Das ist, finde ich, eine ganz praktische Anwendung von Hilfe und Nächstenliebe.“

Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch

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