„Fahre hinaus, wo es tief ist“ – Evangelische Gemeinde Frechen verabschiedet Pfarrerin Almuth Koch-Torjuul nach 26 Jahren

26 Jahre versah Almuth Koch-Torjuul ihren Dienst als Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Frechen. Jetzt wurde sie in einem Gottesdienst mit anschließendem Empfang in der von ihr so geschätzten historischen Kirche in den Ruhestand verabschiedet. Die mehrheitlich von der Pfarrerin ausgewählten, weil sie bewegenden Lieder gestalteten insbesondere die Kantorei, der Posaunenchor sowie Grundschüler aus Frechen-Grefrath mit. Viele, viele Dankesworte wurden an die scheidende Theologin adressiert. Auch von Vertretenden der Kirchengemeinde Kerpen. In dieser wirkte die Seelsorgerin seit 2013 aufgrund einer pfarramtlichen Verbindung mit Frechen auf einer zusätzlichen 50%-, später 25%-Stelle. Dort war sie bereits im Juni verabschiedet worden. Ihrerseits dankte sie nun allen in der Frechener Gemeinde, ausdrücklich ihren vier Kindern und ihrem Mann, dem weiterhin amtierenden Pfarrer Sven Torjuul. Mit ihm gemeinsam wurde sie 2000 auf die 2. Pfarrstelle der Gemeinde eingeführt.

„Beharrliche Netzwerkerin und Fürsprecherin“

Stadtsuperintendent Bernhard Seiger bei seiner Ansprache. Foto: Engelbert Broich

Die Entpflichtung nahm Stadtsuperintendent Bernhard Seiger vor. In seiner vorangestellten Ansprache ging er kurz auf Koch-Torjuuls Studien- und Tätigkeitsorte Bonn, Hamburg, Johannesburg, Essen und Köln ein. Insbesondere würdigte er ihr engagiertes, fruchtbares Wirken in Frechen und für den Kirchenkreis Köln-Süd. Koch-Torjuul habe sich in der langen Zeit „gut organisiert und hinspürend“ auf unterschiedliche Herausforderungen und Settings eingestellt, inbegriffen das bunte, vielfältige ihres Familienlebens; hob Seiger zudem die gute Teamarbeit des Ehepaares mit den Pfarrkollegen hervor. „Besonders schwer war es, Beruf und Familie gleichermaßen gerecht zu werden“, rekapitulierte der Stadtsuperintendent: „Und das bei jeweils 50% Stellenanteil.“ Seiger betonte, dass Koch-Torjuul sich nicht nur auf ihre Gemeinde in Frechen bezogen, sondern stets den Horizont geweitet und gesehen habe die Verantwortung für unsere Kirche als Ganzes: „Welches Erscheinungsbild haben wir in der Öffentlichkeit, um was für Themen kümmern wir uns?“ 2008 bis 2016 sei sie als (stellvertretende) Skriba im Kreissynodalvorstand des Kirchenkreises Köln-Süd in die weitere Verantwortung gegangen. „Du hast ein feines Gespür für Zwischentöne. Und du siehst die Aufträge, die unsere Kirche hat. Du hast immer politisch gedacht und aktiv die besondere Perspektive von Frauen in der Kirche und in der Gesellschaft in das Miteinander eingebracht.“ Koch-Torjuul habe treu und zuverlässig für so viele Seiten des Evangelisch-Seins gestanden, nannte Seiger etwa die soziale und gesellschaftliche Verantwortung und Sichtbarkeit des Evangeliums im Alltag. So bleibe ihr Name als Verantwortliche auch mit dem Sozialen Dienst hier in Frechen verbunden. Der „beharrlichen Netzwerkerin und Fürsprecherin für Menschen, die Zuwendung und Hilfe brauchen“ dankte Seiger zunächst persönlich für die gemeinsame Wegstrecke. „Wir sind dankbar für dein Wirken, deine klugen Gedanken, deine Herzenswärme, dein immer spürbares Bemühen um das Zusammenfinden“, richtete er sich auch im Namen der Gemeinde und des Kirchenkreises an die Pfarrerin.

Predigt: „Fahre hinaus, wo es tief ist“

Koch-Torjuul legte das gehörte Evangelium Lukas 5,1-11 (Der Fischzug des Petrus) und den Begriff der Tiefe perspektivreich aus. Zunächst: Simon und seine Leute folgen entgegen ihrer Routine und Erfahrung Jesu Rat, nicht in der Nacht, sondern am Tag zu fischen, und hinaus auf den See Genezareth zu fahren, „wo es tief ist“. Simon, von Lukas mit dem Beinamen Petrus versehen, komme von diesem Fischzug verändert zurück, so Koch-Torjuul. „Er ist überwältigt. Die Tiefe des Sees, auf den er sich hinauswagt, wird zum Erfahrungsraum für etwas Größeres.“ Beim Hinausfahren aufs tiefe Wasser und beim Einholen der unerwartet prallgefüllten Netze habe Petrus begriffen: „All das vorher, das war nur die Oberfläche. Und jetzt kennt er die Tiefe.“ Die Fischer seien auf einer ganz anderen Ebene berührt. „Ich bin so klein und mit Schwächen behaftet“, habe Simon reagiert. Für die Pfarrerin verdeutlicht diese biblische Geschichte, „was Ehrfurcht ist: Demut und eine tief empfundene Bescheidenheit, mit der Menschen die eigenen Grandiositätswünsche hinter sich lassen.“ Um Ehrfurcht zu lernen, bräuchten wir Erfahrungen, die uns mit der Tiefe von allem in Berührung brächten. Simon Petrus sei das lebendige Beispiel dafür, „wie ein Mensch immer wieder hin- und herschwankt zwischen Glauben und Befürchtungen, zwischen Hingabe und Wichtigseinwollen“. Nach diesem Fischzug stehe Simon in seiner normalen Menschlichkeit „für die Haltung des Glaubens. Ab jetzt wird er mit einem Sinn für die Tiefe leben, einem Sinn für das ‚Mehr als alle Dinge’“, stellte die Pfarrerin fest. Und er werde sich ins Ungewisse hinauswagen in der kleinen Nussschale seiner eigenen Existenz. „Manchmal wird einem jeden klar, dass wir kleine winzige Menschlein sind“, blickte Koch-Torjuul auf uns alle. Zugleich habe das Bild von dem kleinen Schiff auf dem weiten Meer „etwas wunderbar Tröstliches. Ein Versprechen: Das Meer, die große Tiefe, tragen uns. Jeden Augenblick, jeden Tag.“
Pfarrerin Almuth Koch-Torjuul in ihrer Abschiedspredigt. Foto: Engelbert Broich

„Fahre hinaus, wo es tief ist.“ Laut Koch-Torjuul sagt uns auf ganz einfache Weise dieses Evangelium, was unsere Aufgabe als Kirche und was insbesondere das Amt der Pfarrerinnen und Pfarrer ist: Der angesprochene Petrus seien „ja wir im Verkündigungsdienst“. Damit sei auch sie selbst, seien andere Frauen gemeint, obwohl sich Petri Nachfolger fast 2000 Jahre lang keine Frauen im Verkündigungsdienst und Pfarramt hätten vorstellen können: „Aber da haben sie sich wohl auch eher an der Oberfläche bewegt.“ Und, hängte die Pfarrerin an, da könne sich im kirchlichen Rahmen ja noch viel entwickeln … Den Ruf von Jesus an Petrus allen Menschen weiterzusagen und auf Tiefe hinzuweisen, hält Koch-Torjuul im Kern für die Aufgabe des Pfarrberufs. Die in uns allen vorhandene Sehnsucht nach Gott müsse schon geweckt und dann auch geübt werden. Mehr als manche Predigt könnten dabei beispielsweise emotional mitnehmende Lieder oder Gebete bewirken. Tiefe Glaubenserfahrung sei ebenso in Gesprächen an Orten und bei Leuten weit außerhalb der kirchlichen Räume und der frommen Formen möglich. „An die Tiefe erinnern“ werde zukünftig zu einer besonderen Aufgabe der Kirchen gehören, vermutet Koch-Torjuul. Denn mediale Reizüberflutung lasse uns kaum noch zur Ruhe kommen. Dabei dürfe weder die Sprache des Glaubens noch das verkümmern, was für die Seele wichtig sei – „was aus der Tiefe aufsteigen will, oder: was mir das Gewissen sagt“. Für die Pfarrerin ist es wunderbar, dass die Kirche trotz der Veränderung auch ihrer Situation – „wir werden weniger“ – dafür Ressourcen habe: Nämlich Inhalte, Räume und Formen. „Es sind zu Wort, Klang und Stein gewordene Hinweise auf Gott. Sie sind Ergebnis der intensiven Wahrheitssuche ganz vieler Generationen. Sie geben den existenziellen Fragen Raum. Und sie sensibilisieren für die Tiefe, ohne die unser Leben leer wäre.“

Pläne im Ruhestand

Koch-Torjuul freut sich unter anderem darauf, rumzubummeln und im Garten zu arbeiten. Dass das Wort „rumbummeln“ Freiheit atme, meinte Seiger. „Dein Job ist es nicht mehr, irgendwelche Lücken zu füllen“, gab er der nun Ruheständlerin mit auf den Weg. „Mit der Entpflichtung erwartet unsere Kirche nichts mehr von dir.“ Gleichwohl möchte die ausgeschiedene Pfarrerin sich weiter um die Stiftung „Türen zum Nächsten“ der Gemeinde kümmern sowie ab und an predigen.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich

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