Frieden im Gespräch: Kirche zwischen Kriegstüchtigkeit und Friedensfähigkeit
„Welt in Unordnung“ – so titelt die EKD-Denkschrift von 2025. Fragen bleiben: Welche Aufgabe hat die Militärseelsorge? Was bedeutet die Wehrpflicht für junge Menschen? Welche Stimmen hören wir? Bei TheoLogisch in der Antoniter Citykirche ging es darum, Raum für Ängste und Zerrissenheiten zu öffnen. Thema: „Krieg und Frieden – Zwischen Kriegstüchtigkeit und Friedensfähigkeit“.
Militärseelsorge zwischen Begleitung und Gewissensfrage

Dr. Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie, nannte die Denkschrift und einen Pfarrkonvent als „Auslöser“. Dort war ein „geistlicher Operationsplan Deutschland“ Thema – in einer Welt, in der militärische Konflikte zum geopolitischen „Grundrauschen“ geworden sind. Im Antonius Saal diskutierten Militärpfarrerin Hanna Lehnert (gelernte Augenoptikerin) und Ramona Wilke, stellvertretende Vorsitzende der Evangelischen Jugend Köln und Region. Dr. Bock und Citykirchenpfarrer Markus Herzberg moderierten. Aufgewachsen im Pfarrhaus, ging Lehnert nach dem Afghanistaneinsatz und dem Umgang mit traumatisierten Soldatenfamilien in die Militärseelsorge. Eine Kommilitonin sprach Soldaten das Recht auf Seelsorge ab – für Lehnert unvereinbar mit dem Neuen Testament. Heute begleitet die 45-Jährige Soldatenfamilien; Todesnachrichten und Trauerbegleitung gehören zu ihrem Alltag. „Die Soldaten haben dieselben Probleme wie zivile Menschen.“
Junge Menschen in der Wehrpflichtdebatte nicht vergessen
Zwei Fragen leiten Ramona Wilke (22, gelernte Bestatterin) in ihrem kirchlichen Engagement: „Was kann Kirche leisten?“ und „Wie könnte die Kirche der Zukunft aussehen?“ Der Wehrdienst belaste junge Menschen; die Beratung zur Kriegsdienstverweigerung nehme zu: „Das System wurde massiv hochgefahren.“ Wilke mahnte, „die Jugend nicht zu vergessen, die das am Ende alles ausbaden muss.“ Im Streitgespräch mit einer radikal pazifistischen Dame im Bibelkreis fragte Herzberg: „Was wäre, wenn die Alliierten Deutschland damals nicht befreit hätten?“ Lehnert sagte: „Es gibt keinen Soldaten, mit dem ich gesprochen habe, der gesagt hat: Ich möchte Krieg!“ Oft höre sie: „Ich tue meinen Dienst, weil ich diesem Land etwas zurückgeben möchte.“ Die Beratung sei ergebnisoffen; wichtig sei die Intention. Wilke bezweifelte, dass die Denkschrift jungen Menschen bei der Gewissensbildung helfe: „Diese Schrift ist nicht für Leute, die jetzt ihr Gewissen bilden. Sie ist so weit weg von der Realität junger Menschen!“ Die Kirchen müssten sich angesichts der „aggressiven Werbung“ der Bundeswehr positionieren, die junge Menschen zunehmend als Zielgruppe begreife. „Die Wahrscheinlichkeit, dass man nicht nur probt, ist sehr groß“, sagte sie. „Kriege auf der Welt gehören zu meiner Lebensrealität.“
Wehrdienst und gesellschaftliche Spaltung
Auf Herzbergs Frage nach einem möglichen Einsatz antwortete Wilke: „Ich mache das jetzt, damit es kein anderer machen muss!“ Sie kritisierte, dass es keinen gleichwertigen zivilen Ersatzdienst gebe und die Krise auf dem Rücken junger Menschen ausgetragen werde. Lehnert erinnerte daran, dass der Wehrdienst ausgesetzt, nicht abgeschafft sei: „Ich hoffe, dass auch der Zivildienst wieder aufgebaut wird.“ Beide Dienste böten Orientierung; Kirche und Militärseelsorge kooperierten, persönliche Kontakte seien wichtig: „Kennen die Gemeinden vor Ort die Soldatenfamilien, die bei ihnen wohnen?“, fragte Lehnert. Dr. Martin Bock betonte, die Idee vom „Staatsbürger/der Staatsbürgerin in Uniform“ gelte weiterhin. Herzberg verwies auf die gesellschaftliche Spaltung. Wilke beklagte, junge Menschen hätten keine Lobby und seien von Möglichkeiten oft überfordert. Lange Schultage ließen wenig Zeit für Hobbys; auch mangele es an Medienkompetenz. Bock verwies auf Eva von Redeckers Analyse einer neuen Form des Faschismus in „Dieser Drang nach Härte“. Lehnert fragte: „Was bedeutet der Bürger in Uniform?“ und hob Zivilcourage und Kameradschaft hervor. Viele Soldatinnen und Soldaten hätten Angst vor Pöbeleien. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir uns in der Vielfalt verlieren“, sagte sie; zugleich werde es schwieriger, Menschen für ein Ehrenamt zu gewinnen.
Kirche als Ort für Frieden und Zuhören

„Kirche muss relevant bleiben!“, forderte Wilke. Die Denkschrift solle eigene Fragen anregen: Was macht einen gerechten Frieden aus? Als einen von vier Aspekten nennt sie den Schutz vor Gewalt; die Aufzählung bricht in der Vorlage hier ab. Auf die Frage aus dem Publikum, was die Kirchen außer Beten für den Frieden tun, nannte Lehnert das „Hinausgehen zu den Menschen“ und niederschwellige Angebote. So könne sie „Friedensspuren sichtbar werden lassen“. Wilke sagte, die Bundeswehr sei noch immer sehr männlich und wenig divers: „Als queere Frau war da kein Platz für mich.“ Mittlerweile nehme sie mehr Offenheit wahr und die Frauenquote steige.
Zum Schluss ging es um Generationengerechtigkeit und einen Pflichtdienst für alle. „Warum muss alles an der Bezahlung hängen?“, fragte Lehnert. Wilke verwies darauf, dass 20 Prozent der jungen Menschen in Armut lebten: „Da sind die Angebote der Bundeswehr attraktiv!“ „Ich freue mich, dass Sie einander so gut zugehört haben“, sagte Dr. Bock. Ziel sei es gewesen, „Gesprächsräume zu schaffen“, denn: „Wenn wir die Dinge herunterschlucken, ergreifen die Falschen das Wort!“ Im Publikum ging es um Pazifismus. Deutlich wurde: Die Kirchen werden im Ringen um den Frieden gebraucht – auch als Orte des Zuhörens.
Text: Priska Mielke
Foto(s): Priska Mielke
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