Klare Botschaft vor der CSD-Parade in der AntoniterCityKirche: Liebe kennt keine Schubladen

Vor der bunten Parade zum Christopher-Street-Day (CSD) am ersten Juli-Sonntag feiert die queere Community und Unterstützende am Vorabend traditionell eine Evangelische Messe in der AntoniterCityKirche. Der ökumenische Gottesdienst mit Abendmahl und vielen musikalischen Beiträgen würdigte zentral die Liebe Gottes und die von ihm geschenkte Unterschiedlichkeit der Menschen. „Bitte nehmt Platz“, begrüßte Citykirchenpfarrer Markus Herzberg im dicht besetzten Gotteshaus in der Schildergasse – und erntete mit dem nachgeschobenen „wenn ihr könnt“ den ersten von zahlreichen Lachern. Er würde gerne sagen, CSD-Parade und -Gottesdienst „brauchen wir nicht mehr, weil es normal ist, dass wir als Menschen in Vielfalt miteinander leben“. Doch der Idealzustand sei noch nicht erreicht, schilderte der Vorsitzende des Presbyteriums der Evangelischen Gemeinde Köln beispielhaft eine Begebenheit vor wenigen Stunden: Eine Kirchenbesucherin hatte schreiend und unflätig auf die kleine Regenbogenfahne an der Orgelempore reagiert.

„Wir merken, dass die Luft auch in unserem toleranten Land an manchen Stellen dünner und hitziger wird“, stellte Herzberg fest. Wir bräuchten solche Tage ganz bewusst. Nicht nur um Party zu machen, sondern insbesondere um ganz bestimmt zu zeigen, „wofür wir stehen und dass wir für eine vielfältige Welt eintreten wollen“. Es sei schön, „dass ihr alle da seid und wir gemeinsam Gottesdienst feiern, um uns Kraft und Stärke zu holen, um in dieser Welt zu bestehen und für Vielfalt auch in unserer Gesellschaft zu kämpfen“.

„Liebe ist stark wie der Tod, viele Wasser mögen sie nicht auszulöschen“

In seiner Predigt ging Herzberg zunächst auf die gehörten zwei Texte aus dem Hohelied und dem Johannesevangelium ein: „Beide sprechen sehr deutlich von der Liebe.“ Der eine sei jahrtausende alte Liebespoesie aus der hebräischen Bibel, sinnlich und ungeschönt: „Liebe ist stark wie der Tod, viele Wasser mögen sie nicht auszulöschen.“ Der andere sei Jesus selbst, der zu den Seinen sage, „bleibt in meiner Liebe“. Zwischen diesen beiden Texten liege die ganze Spannweite, was Liebe sei, nannte Herzberg Leidenschaft und Treue, Begehren und Bleiben, Körper und Bündnis.

Citykirchenpfarrer Markus Herzberg und der alt-katholische Pfarrer Jürgen Wenge
Citykirchenpfarrer Markus Herzberg und der alt-katholische Pfarrer Jürgen Wenge

Das Hohelied charakterisierte er als ein Liebesgedicht über zwei Menschen, die sich begehren und die voneinander nicht lassen: „Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm.“ Das sei keine fromme Metapher, sondern ein Mensch, der einem anderen Menschen sage, „ich will zu dir gehören – und zwar sichtbar, unübersehbar und für immer“.

Für die Sichtbarkeit von jeglicher Liebe hätten schon so lange Menschen vor uns gekämpft – und  dafür kämpften wir ebenso heute. „Auch für die Sichtbarkeit von Liebe, die vielleicht anders ist, als das, was der Mainstream in Formen pressen will.“ Die Kirche habe sich mit dem Hohelied lange schwer getan und es als Bild erklärt nur für die Liebe Christi zu seiner Kirche. Damit habe man die unbequeme Erotik aus der Bibel weg interpretiert. „Genau diese Kirche, die ihrem eigenen heiligen Text die Leidenschaft austreiben wollte, hat über Jahrhunderte zugleich erklärt, welche Liebe zwischen welchen Menschen erlaubt sei und welche nicht. Dabei steht es längst in der Bibel selbst: ,Liebe ist stark wie der Tod.’“, so der Prediger.

Jesus habe die Hierarchie zwischen ihm und den Seinen aufgehoben, sie nicht mehr Knechte, sondern Freundinnen und Freunde genannt und an dieser Stelle ein Wort gesetzt: „Bleibt in meiner Liebe.“ Er habe also nicht von Gehorsam gesprochen, sondern gebeten, bei ihm zu bleiben, „beieinander in der Liebe, die ich euch vorgelebt habe“, erklärte Herzberg.

Er zitierte aus einem Buch der englischen Schriftstellerin Dorothy Leigh Sayers (1893-1957) über die Menschwerdung Jesu und seine Rolle gegenüber Frauen. Gemäß Sayers habe er weder an Frauen herumnörgelt, noch ihnen geschmeichelt. Er habe Frauen ohne Herablassung gelobt, ihre Fragen und Argumente ernst genommen, ihnen niemals ihren Bereich vorgeschrieben, sie niemals gedrängt, fraulich zu sein und sie niemals wegen ihrer Weiblichkeit verspottet.

Die Mitwirkenden (v.l.): Olaf Sion (alt-katholischer Priester im Ehrenamt), römisch-katholischer Pfarrer Bernd Mönkebüscher, Pfarrer Jürgen Wenge (Alt-Katholische Pfarrgemeinde Köln und deren Diaspora), Citykirchenpfarrer Markus Herzberg (Vorsitzender des Presbyterium der Evangelischen Gemeinde Köln), Louisa Noack (Leitung Evangelische Kircheneintritts- und Informationsstelle Köln & Region), Antje Zupp (Prädikantin, Presbyterin der Evangelischen Gemeinde Köln), Ekki, Thomas Gruner (theologischer Referent des Kölner Stadtdechanten), Birgit Bungarten und Martin Heinze von rubicon Köln.
Die Mitwirkenden (v.l.): Olaf Sion (alt-katholischer Priester im Ehrenamt), römisch-katholischer Pfarrer Bernd Mönkebüscher, Pfarrer Jürgen Wenge (Alt-Katholische Pfarrgemeinde Köln und deren Diaspora), Citykirchenpfarrer Markus Herzberg (Vorsitzender des Presbyteriums der Evangelischen Gemeinde Köln), Louisa Noack (Leitung Evangelische Kircheneintritts- und Informationsstelle Köln & Region), Antje Zupp (Prädikantin, Presbyterin der Evangelischen Gemeinde Köln), Ekki, Thomas Gruner (theologischer Referent des Kölner Stadtdechanten), Birgit Bungarten und Martin Heinze von rubicon Köln.

Sayers schreibe über den bemerkenswerten Umgang von Jesus mit Menschen, sprach Herzberg. „Er drängte sie nicht in ein Schema von dem, was eine Frau damals vermeintlich zu sein hatte. Sondern er behandelt sie als das, was sie sind, Menschen, mit denen er in Kontakt tritt.“ Daran merkten wir sehr schön, dass Jesus Menschen nicht in Muster hineinzwinge. „Er packt Menschen nicht in die Schubladen, die die jeweilige Zeit für sie vorgesehen hatte. Er sieht einen Menschen, bevor er eine Kategorie sieht, weil er jeden Menschen in Liebe betrachtet.“ Genau darin erkennt Herzberg „die Brücke zu uns heute“.

„Eine Kirche, die jahrhundertelang ,genau‘ wusste, wer in welche Schublade gehört und welche Liebe gesegnet werden darf und welche nicht, beruft sich dabei groteskerweise nicht selten auf einen Jesus, der aber genau das Gegenteil getan hat“, blickte der Pfarrer in die Gegenwart. Da Jesus Menschen nicht nach Kategorien behandelt habe, dürften wir das auch nicht, betonte er. „Jesus hat Menschen angesehen, er hat sie gefragt, er hat sie ernst genommen und er hat eins als Allererstes getan: er hat sie geliebt.“

„Wenn wir also heute hier sitzen als Menschen, die lieben wie sie lieben, und als Kirche, die das feiert, statt zu verurteilen, dann stehen wir nicht gegen diesen Jesus“, sagte Herzberg. „Sondern dann sind wir näher dran, als jemals zuvor. Auch wenn die Kirche das nicht immer zugeben wird.“ Herzberg glaubt ganz fest daran, dass Gott am Ende unseres irdischen Daseins nicht danach frage, welchen Beruf man ausgeübt, welches Geschlecht man geliebt oder in welche Schublade man als Mensch gehört habe. „Gott wird eine Frage stellen, die Frage unseres Lebens: Hast du geliebt?“ Das hofft Herzberg zumindest. „Mehr braucht man sich eigentlich nicht fragen: Wenn du liebst, wirst du ein Leben führen, was richtig ist.“ Dazu passend zitierte der Pfarrer den Kirchenvater Augustinus: „Liebe und dann tu, was du willst.“ Das sage alles, was christliche Religion meine. Wenn alle Religionen dieser Erde diesen Satz für wahr nähmen, sei diese Welt eine andere.

Mitreißend und emotional gerieten die musikalische Beiträge vom Eingangslied „Pilger sind wir Menschen“ über „Do bes der Här“ zur Melodie von „Do bes die Stadt“ bis zum Schlusslied „Er gehört zu mir“. Verantwortlich zeichneten dafür die von Michael Lauscher geleiteten „FlashMöpse“, der Shanty-Chor der StattGarde Colonia Ahoj e.V. unter Leitung von Michael Busch und Alexander Schumacher sowie Roland Steinfeld an der Orgel – und nicht zuletzt die zahlreich einstimmenden Besuchenden.

Die Kollekte floss dem rubicon e.V. in Köln zu für sein ehrenamtliches Besuchsangebot „Begegnung unterm Regenbogen“ für LSBT*I*Q-Personen ab 50+. Insgesamt bietet der Verein „Beratung, Gesundheitsförderung und Unterstützung für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queer lebende Menschen und Gruppen“ an.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich

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