Schicksale aus der Zeit des Nationalsozialismus entdecken: „#StolenMemory“ an der Antoniterkirche

Manchmal sind die Informationen, die Angehörige durch die Rückgabe von Gegenständen erhalten, wertvoller als diese selbst. Das erläuterte Anke Münster, Referatsleiterin für Public Relations der Arolsen Archives, bei der feierlichen Eröffnung der Ausstellung „#StolenMemory“ im Antonius-Saal des Citykirchenzentrums anhand der Geschichte des NS-Opfers Rabia Boucif. Der Algerier hatte acht Kinder. Um sie zu versorgen, zog er während des Zweiten Weltkriegs als Bergarbeiter nach Saint-Étienne in Frankreich. Irgendwann brach der Kontakt zu seiner Familie ab. Sie hörten nie wieder etwas von ihm. Es blieben Fragen: Hat er uns verlassen? Hat er eine neue Frau gefunden?

Bezirksbürgermeisterin Julie Cazier sprach zur Ausstellungseröffnung im Antonius-Saal des Citykirchenezentrums.
Bezirksbürgermeisterin Julie Cazier sprach zur Ausstellungseröffnung im Antonius-Saal des Citykirchenzentrums.

Als Mitarbeitende der Arolsen Archives der Familie im Jahr 2023 seine Taschenuhr und seinen Siegelring überreichten, bekamen sie endlich die Antwort: Rabia war aus irgendeinem Grund im Jahr 1943 in Frankreich von der Gestapo verhaftet worden, zunächst in Lyon inhaftiert und in das Konzentrationslager Neuengamme verschleppt worden, wo man ihm Uhr und Ring abnahm. Er musste schwere körperliche Zwangsarbeit verrichten und befand sich schließlich vor Kriegsende mit anderen Häftlingen auf einem Todesmarsch in die norddeutsche Kleinstadt Gardelegen. Er starb am 11. April 1945, noch bevor zwei Tage später SS-, SA- sowie Wehrmachtsangehörige dort in einer Scheune 1000 KZ-Häftlinge grausam massakrierten. Boucif wurde auf dem Ehrenfriedhof Gardelegen beigesetzt – und die Information von seinem Schicksal konnte die Familie erreichen.

Das weltweit größte Archiv zu Überlebenden und Opfern des Nationalsozialismus in Bad Arolsen, die Arolsen Archives, verfügt über unzählige Informationen – und verfolgt auch das Ziel, persönliche Gegenstände zurückzugeben.

Dass sie zugeordnet werden können, basiert auf einer nahezu zynischen Art deutscher Gründlichkeit: In den Konzentrationslagern auf dem Gebiet des Deutschen Reiches habe man die Gegenstände in sogenannten „Effektenkammern“ verwahrt, erläuterte Münster, namentlich erfasst in Umschlägen, die Kleidung in Säcken. Die „Effekten“ stammen von Menschen aus über 30 Ländern, von politisch Verfolgten, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie von Menschen, die von den Nationalsozialisten als „Berufsverbrecher“ oder „asozial“ stigmatisiert und verfolgt wurden. Seltener seien Gegenstände von Sinti und Roma sowie Menschen, die als Jüdinnen und Juden verfolgt wurden, dabei, weil ihre Vernichtung im Vordergrund stand.

Die Gegenstände kämen überwiegend aus dem Konzentrationslager Neuengamme. Der Lagerkommandant ließ die Effekten kurz vor Kriegsende wegschaffen, um die Verbrechen zu verdecken. Britische Soldaten hätten sie in der Kegelbahn einer Gastwirtschaft in einem kleinen Ort in Schleswig gefunden. Auch aus Dachau und Bergen-Belsen konnten persönliche Gegenstände gerettet werden. Über Umwege landeten sie schließlich in dem von den Alliierten gegründeten Archiv in Bad Arolsen.

Es begann eine aktive Suche nach Familienangehörigen. In den 80er-Jahren wurde sie aber zunächst eingestellt. Vor 10 Jahren habe sich die damalige Direktorin aber gefragt, so Münster, ob es in der digitalen Welt nicht neue Möglichkeiten gibt, um die Angehörigen zu finden. So starteten sie die Rückgabekampagne „#StolenMemory“ – mit viel Erfolg. Davon kündet nun die Ausstellung in einem leuchtend blauen Container mit ausklappbaren Wänden vor der Antoniterkirche auf der Schildergasse. Auf einer Wand sind die Gegenstände und die Geschichten von Menschen dokumentiert, deren Angehörige gefunden wurden, auf einer anderen die Überbleibsel und die Namen von Menschen, deren Angehörige noch gesucht werden. Die Wanderausstellung war bereits in elf Ländern zu Gast, bietet einen Einblick in persönliche Schicksale und die Detektivarbeit, die die Arolsen Archives mit viel ehrenamtlicher Unterstützung leisten, inspiriert zum Mitmachen.

Bezirksbürgermeisterin Julie Cazier erinnerte bei der Ausstellungseröffnung an den Buttersäure-Angriff auf das NS-Dokumentationszentrum zwei Wochen zuvor. „Wer Erinnerungen stinkend und unzugänglich machen will, will, dass wir sie meiden“, sagte sie. „Darauf gibt es nur eine Antwort: Wir gehen erst recht hin.“

Superintendent Markus Zimmermann steuerte ein Zitat seines Großvaters bei, der selbst als politischer Häftling in Dachau interniert war. Er schrieb dort in der von ihm herausgegebenen Zeitung „Der Antifaschist: Stimme der Deutschen aus Dachau“ am Tag der Befreiung, dem 8. Mai 1945: „Ich hoffe, dass die moralisch gesund gebliebenen Glieder dieses Volkes sich jetzt darum bemühen, die künftigen Generationen vor dem Gift des Militarismus, des Rassenhochmutes und menschenverachtender Dinge zu bewahren.“

Die Ausstellung ist bis Dienstag, 24. November, zu sehen, und zwar Dienstag bis Freitag: 11 bis 18 Uhr, Samstag: 11 bis 17 Uhr und Sonntag: 11 bis 17.30 Uhr.

Alle Infos zum weiteren Begleitprogramm finden Sie hier:

Weitere Informationen unter:

www.antonitercitykirche.de

Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch

Der Beitrag Schicksale aus der Zeit des Nationalsozialismus entdecken: „#StolenMemory“ an der Antoniterkirche erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.