Wenn die Hände begreifen: Wie Sascha Kruse Menschen beim Gestalten ihrer eigenen Urne aus Lehm begleitet

Sascha Kruse ist Künstler und gestaltet handgeformte Urnen aus Lehm. Dabei begleitet er Menschen in Workshops und individuellen Projekten bei der Auseinandersetzung mit Tod, Vergänglichkeit und Erinnerung. Im Kurs „Erde zu Erde“ an der Melanchthon-Akademie entstehen persönliche Urnen und Erinnerungsminiaturen – intuitiv, gemeinschaftlich und ohne den Anspruch, künstlerisch besonders geübt sein zu müssen. Im Interview erzählt Sascha Kruse, warum die Arbeit mit Lehm intensiv, herausfordernd und manchmal sogar heiter sein kann, wie sie helfen kann, dem eigenen Abschied eine Form zu geben, und weshalb die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit den Blick auf das Leben verändert.

Kursteilnehmende gestalten gemeinsam mit Sascha Kruse ihre eigenen Urnen aus Lehm. Im kreativen Prozess finden Gedanken, Gefühle und persönliche Vorstellungen vom Abschied eine sichtbare Form. Foto: Božica Babić

Der Kurs an der Melanchthon-Akademie ist ein Teil Ihrer Arbeit. Was gehört noch dazu?

Ich verstehe mich nicht als jemanden, der einfach Urnen herstellt. Ich begleite Menschen durch einen der intensivsten Momente ihres Lebens: davor, mittendrin und danach. Dafür gibt es vier Wege, die zusammengehören. Da sind zunächst die Urnenunikate: Jede Urne entsteht in Handarbeit, ist bewusst nicht reproduzierbar und biologisch abbaubar – so einzigartig wie der Mensch selbst. Aus demselben Lehm entstehen auf Wunsch Erinnerungsminiaturen. Die Urne geht mit dem verstorbenen Menschen, die Miniaturen bleiben bei den Lebenden. Ein Teil geht, ein Teil bleibt.

Der zweite Weg sind gemeinsame Projekte. Am Anfang steht nicht die Urne, sondern der Mensch, um den es geht. Daraus entwickelt sich Schritt für Schritt eine Idee und aus der Idee eine Form. So entsteht eine ganz persönliche Urne, zu der auch Erinnerungsobjekte bis hin zu Grabobjekten gehören können. Beginnt das Projekt zu Lebzeiten, hat die Arbeit eine sterbebegleitende Qualität. Entsteht es mit den Angehörigen nach einem Todesfall, kann sie trauerbegleitend wirken. Alle gestalten so viel mit, wie sie möchten und können. Den Rest übernehme ich gern.

Der dritte Bereich sind Workshops. Hier gestalten Menschen ihre eigene Urne – zur Vorsorge oder aus persönlichem Interesse. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit kann die Beziehung zum Leben stärken. Für Hospize, Kliniken und Bildungseinrichtungen entwickle ich eigene Formate. Dort kann die Beschäftigung mit dem Tod außerdem die Empathie im Umgang mit Klientinnen und Klienten sowie Angehörigen fördern.

Der vierte Weg ist Kunst und Trauer. Mit der Bestattung ist ein Abschied nicht abgeschlossen. In Gruppen und einem geschützten Rahmen entsteht Raum für Trauer, Kunst und Gespräch. Was dabei entsteht, geht als Erinnerung mit nach Hause.

Warum kann es hilfreich sein, sich dem Thema Tod und der eigenen Vergänglichkeit nicht erst dann zu nähern, wenn ein konkreter Abschied unmittelbar bevorsteht?

Die handgeformten Gefäße entstehen als persönliche Begleiter für einen würdevollen Abschied. Foto: Božica Babić

Wenn ein Abschied akut wird, bleibt kaum Raum. Dann geht es um Organisation, um Schmerz und um Entscheidungen unter Zeitdruck. Viele Menschen geben den Tod deshalb aus der Hand, obwohl er so persönlich ist. Wer sich früher annähert, kann in Ruhe herausfinden, was ihm wichtig ist, und den eigenen Abschied selbst gestalten und Selbstwirksamkeit erfahren. Das entlastet später auch die Angehörigen.
Auch im beruflichen Alltag spielt das eine wichtige Rolle. Wer Sterbende und Trauernde begleitet, gewinnt durch die eigene Auseinandersetzung mit dem Tod Sicherheit und Empathie. Vor allem aber verändert diese Auseinandersetzung den Blick auf das Leben. Ich erlebe diese Arbeit als dem Leben zugewandt, obwohl es um Endlichkeit geht. Wir brauchen neue Rituale im Umgang mit dem Tod, die das Leben stärken.

Tod und Sterben sind zwar allgegenwärtig, gleichzeitig fällt es vielen Menschen schwer, darüber zu sprechen. Welche Rolle kann künstlerisches Gestalten dabei spielen, Berührungsängste abzubauen und einen eigenen Umgang mit diesen Themen zu finden?

Kunst und Tod sind gute kommunikative Partner, denn beide haben etwas Transzendentes. Kunst beginnt dort, wo Erklärungen aufhören. Ich möchte den Tod nicht schönreden und nicht erklären, sondern ihm eine Form geben, mit der wir uns auseinandersetzen können.
Viele Menschen reagieren auf den Tod mit Hilflosigkeit, Starre oder Angst. Nachdenken über den Tod bewegt etwas. Darüber zu sprechen bewegt mehr. Im künstlerischen Tun öffnet sich darüber hinaus ein ganz eigener Erfahrungsraum. Hier kommen Denken, Fühlen und Tun zusammen. Man muss nicht erst die richtigen Worte finden. Man entscheidet, probiert aus und beginnt noch einmal von vorn. Aus einem Gedanken wird eine Handlung, und aus der Handlung etwas, das vor einem steht. So findet Begreifen statt, im wahrsten Sinne des Wortes.

Sie beschreiben die Arbeit mit Lehm als einen Prozess, der intensiv, aber auch locker und sogar lustig sein kann. Wie erleben Sie die Teilnehmenden, und was kann es mit einem Menschen machen, eine Urne mit den eigenen Händen zu gestalten?

Eine fertige Lehmurne in den Händen: Für Sascha Kruse verbindet sich darin das Gehen mit dem Bleiben. Die Urne geht mit dem verstorbenen Menschen, Erinnerungsobjekte bleiben bei den Angehörigen. Foto: Božica Babić

Wer hat als Kind nicht gerne mit Matsch gespielt? Dieses Gefühl ist sofort wieder da, wenn die Hände in den Lehm gehen. Ich arbeite mit Erde, weil sie nichts vorgibt zu sein, was sie nicht ist. Was aus der Erde kommt, darf auch wieder zu Erde werden. Gerade bei einer Urne empfinden viele es als sinnstiftend, genau dieses Material in die Hand zu nehmen. Das Material verbindet, mit sich selbst und mit der Natur.
Das Modellieren ist eine körperliche Arbeit. In meinen Workshops und auch im eigenen künstlerischen Tun habe ich oft das Gefühl, dass die Menschen über das Drücken und Verdichten, gerade mit diesem Material, an etwas Unterbewusstes herankommen. Der Kopf tritt zurück, und die Hände übernehmen. Was dabei in Bewegung kommt, wirkt oft lange nach.
Dabei muss nicht alles ernst und still sein. Es darf gesprochen, konzentriert gearbeitet und auch gelacht werden. Niemand muss besonders „gut“ gestalten können, denn  das Material lässt sich intuitiv verarbeiten.

Am Ende steht eine Urne, die vorher nur eine Vorstellung war, und die Erfahrung, den eigenen Abschied selbst in die Hand genommen zu haben. Eine Urne, so einzigartig wie der Mensch, der sie geformt hat.

 

Der Kurs „Erde zu Erde – Den Tod mitgestalten: Urnen aus Lehm“ findet am 7. und 14. November 2026 an der Melanchthon-Akademie statt. Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es auf der Kursseite der Melanchthon-Akademie.

Weitere Informationen über Sascha Kruse sowie Fotos und Videos seiner Arbeit finden sich auf der Seite http://www.saschakruse.de/.

https://www.youtube.com/watch?v=zuE2waF8um8.

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Text: APK/ Sascha Kruse
Foto(s): Rogge und Jankovic Fotografie/ Workshop Bilder: Božica Babić

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